Flashmob bei Schlecker XL

„Sag’s dem Schlachter, sag’s dem Bäcker, es gibt Widerstand bei Schlecker!“

Am Samstag, den 28.11. fanden sich ca. 100 Menschen zu einer Flashmob Aktion in der Schlecker XL Filiale in Gröpelingen ein. Die Aktion war vorher über E-Mail-Listen und durch Aufrufe beworben worden. Und das beteiligte Spektrum war erstaunlich breit: Von eher typischen linken AktivistInnen über GewerkschafterInnen, Linkspartei zu anderen von Kürzungen und Lohndrückerei betroffenen. Zum Teil mischten sich noch zufällige PassantInnen mit in das Publikum, so dass eine sehr gemischte Gruppe sich im Schlecker zusammenballte und nun per Mini-Anlage reden gegen Lohndumping, Ausbeutung und über Arbeitsverhältnisse hielt.

Schlecker Flash Mob


Anlass war die Gründung der Schlecker XL Filialen durch das Unternehmen Schlecker – dem es wirtschaftlich wahrlich nicht schlecht geht. Für diese Filialen wurden alte Schlecker-Märkte geschlossen, in denen Beschäftigte nach Tarif immerhin 12 Euro die Stunde bekamen. In den neuen Märkten wurden die Beschäftigten dann über eine Leiharbeitsfirma für 8 Euro angeheuert.
Damit so etwas nicht überall Praxis werden kann, hatte sich ein breites Bündnis zusammen gefunden, um gegen solche Lohndrückereien vorzugehen. Das Unternehmen hatte zwar von der Aktion vorher Wind bekommen – ebenso wie die Presse – konnte aber nicht verhindern, dass um Punkt 11 Uhr plötzlich lauter vermeintliche KundInnen den Laden betraten. Die extra herangekarrten Aufpasser haben es zwar noch geschafft die Presse vor die Tür zu verweisen; den Ablauf der Kundgebung im Schlecker konnten sie jedoch nicht verhindern. Das zum Teil resolute Einschreiten einiger LadenbesucherInnen zu Gunsten der Kundgebung bewirke, dass die Herren der „Sicherheit“ sich dann doch auf Symbolik beschränkten: Z.B. auf das Schwenken von Einkaufstüten vor den Kameras, die nun von draußen durch das Schaufenster filmten, oder eine Person zu hindern, die als Esel verkleidet war mit einem Schild „Bremer Stadtmusikanten gegen beschissene Arbeit“, den Laden zu betreten. Ärgerlich war, dass die Schlecker-Beschäftigte vor Ort sich nicht äußern konnte. Sie stand quasi die Ganze Zeit unter Beobachtung des von außen kommenden Schlecker Sicherheitsdienstes.
Schließlich gab es noch Redebeiträge zu Arbeitsbedingungen nicht nur bei Schlecker, sondern auch bei Taxi-Betrieben, der HafenarbeiterInnen, die zum Teil gerade entlassen wurden, bzw. jetzt für viel weniger Geld arbeiten sollen, und zu der Besetzung des MDEXX Betrieb in Bremen durch die Beschäftigten.
Irgendwann kam dann auch die Polizei mit mehreren Wagen gefahren, da war die Aktion dann aber auch schon seit über einer halben Stunde am Laufen. Und eigentlich war schon das Meiste gesagt. Einzelne Beamte kamen dann in den Laden, wo jedoch ein Auseinanderhalten von KundInnen und Flashmob nicht wirklich möglich war. So konnte die ganze Gruppe schließlich unbehelligt hinaus spazieren.
Draußen wurde dann eine Spontandemo angemeldet, die dann noch durch Gröpelingen zog und recht viel Zuspruch fand. Denn die soziale Lage in Gröpelinge ist einfach mies und das Gefühl ausgebeutet zu sein, dürfte vielen nicht unbekannt sein. Entsprechend gut war auch die Stimmung; es gab gleich mehrere spontane Sprechchöre.
Die Meisten hatten den Eindruck, dass die Aktion wirklich ein guter Auftakt war – bleibt abzuwarten, was als nächstes kommt. Einige wollten zumindest die Menschen bei der Besetzung von MDEXX unterstützen.

Indymedia-Artikel zu der gleichen Aktion

Am Samstag fand in Bremen-Gröpelingen ein Flashmob mit etwa 100 Beteiligten in einem vor kurzem neueröffneten Schlecker XL-Markt statt. Zu der Aktion hatten das Bremer Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ und das Mayday-Bündnis aufgerufen. Insgesamt hat es sich bereits um die dritte Schlecker-Aktion seit September gehandelt. Infos zu anderen Aktionen hier und hier.

Die Firma Schlecker ist bereits seit langem einschlägig bekannt für niedrige Löhne und miese Arbeitsbedingungen. Schikane und unbezahlte Überstunden sind in vielen Filialen an der Tagesordnung. Jetzt hat das Unternehmen ein Konzept erdacht, das als Strukturwandel und Image-Überholung daherkommt, in Wirklichkeit aber die Steigerung der Unternehmensgewinne zu Lasten der MitarbeiterInnen zum Ziel hat. Unter dem Namen Schlecker XL werden neue, größere und geräumigere Märkte eingerichtet. Alte Filialen werden geschlossen und die Beschäftigten entlassen. Gleichzeitig werden bei der von Schlecker gegründeten Zeitarbeitsfirma „Meniar“ neue MitarbeiterInnen eingestellt – für unter acht statt vorher zwölf Euro pro Stunde. Eine Lohnkürzung um über 30 Prozent also. Weihnachts- oder Urlaubsgeld werden ebenfalls nicht mehr gezahlt. Begründet werden diese Zumutungen mit gesunkenen Umsätzen, dabei ist Schlecker bis heute schuldenfrei. Dass Menschen von solchen Löhnen kaum noch leben können, weiß auch der Konzern, er empfiehlt seinen Beschäftigten deswegen, zusätzlich Hartz IV zu beantragen.

Die Aktion war über Flugblätter sowie über Mailinglisten und Internetplattformen (studiVZ etc.) 10 Tage lang beworben worden. Zudem waren in den Tagen vor der Aktion in den Straßen rund um den Schlecker XL-Markt Flyer in die Briefkästen gesteckt worden, um die GröpelingerInnen zu informieren und zu der Aktion einzuladen – im Übrigen auch deshalb, weil wir bereits bei der Eröffnung des Schlecker-XL-Marktes eine kleine Aktion gemacht hatten und damals auf ausgesprochen positives Echo bei den Leuten gestoßen waren [INFO].

Wichtig war uns von Anfang an, dass es sich um einen Ausdruck der Solidarität mit den MitarbeiterInnen von Schlecker handeln sollte. Es ging also nicht darum, den Laden zu blockieren, mit Aufklebern zu ‚verzieren‘ oder Sachen mitgehen zu lassen. Im Vordergrund stand vielmehr das Ziel, unserer Ablehnung der Arbeitsbedingungen bei Schlecker Ausdruck zu verleihen, und zwar dort, wo sie sich tagtäglich abspielen, nämlich in einer Schlecker-Filiale selbst. Vor diesem Hintergrund wurde bereits im Aufruf ein expliziter Brückenschlag zwischen Schlecker-Beschäftigten und KundInnen vorgenommen:

„Schlecker XL – Hinter der schicken Fassade steckt ein altes Konzept: Gewinnmaximierung auf Kosten der Beschäftigten. Doch es fehlt ein Faktor in der blau-weißen Neuinszenierung: Wir! Dass unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen immer mieser werden, ist kein Naturgesetz. Ob wir uns mit Klopapier im Sonderangebot zufrieden geben, ist unsere Entscheidung. Ob Schlecker und Co. weiter ihre Ruhe haben, liegt in unserer Hand. In diesem Sinne laden wir KundInnen und Beschäftigte, Interessierte und Wütende, Junge und Alte ein zu einem flashmob im Schlecker XL. Wenn unsere Bedürfnisse mit Füßen getreten werden, müssen wir uns zusammentun.“

Konkret war für elf Uhr zu einem Treffen am Klopapierregal in der Schlecker-XL-Filiale in Gröpelingen aufgerufen worden. Zu unserer Überraschung war zunächst keine Polizei zu sehen. Nur einige Sicherheitsmitarbeiter von Schlecker hatten sich in der Nähe des Einganges postiert. Dennoch konnten wir in kleinen Gruppen den Markt problemlos betreten. Mit einer mitgebrachten Mini-Lautsprecheranlage wurde die Aktion sodann eröffnet und kurz erklärt, worum es geht.

Gleichzeitig wurden die Schlecker-MitarbeiterInnen gezielt angesprochen und darüber informiert, dass es sich um eine mit ihnen solidarische Aktion handelte und es uns nicht darum ginge, den Ladenbetrieb aufzuhalten oder den Beschäftigten Unannehmlichkeiten zu bereiten. Die Reaktion war leider sehr verhalten, was aber auch verständlich war, immerhin haben sich VertreterInnen der Geschäftsleitung im Laden aufgehalten. Um so erfreulicher war, dass sich unter die AktivistInnen auch eine Schlecker-Betriebsratsvorsitzende gemischt hatte – natürlich als Privatperson, aber nicht inkognito.

Es bildete sich sofort eine Traube aus ca. 100 Menschen – während draußen ca. 50 Leute standen. Die TeilnehmerInnen waren ausgesprochen gemischt – ungleich gemischter, als das üblicherweise bei Aktionen diesen Zuschnitts der Fall ist: Beteiligt waren gewerkschaftlich Aktive, StudentInnen und SchülerInnen, linke AktivistInnen, VertreterInnen der Partei Die Linke, ‚normale‘ KundInnen, Beschäftigte aus Bremer Betrieben, Erwerbslose etc. Mit Jubel wurde die Ansage begrüßt, gegen die Lohnpolitik protestieren zu wollen, und Sprechchöre schallten durch den Laden („Schlecker XL – ein Negativmodell“ etc.).

Die Security-Mitarbeiter von Schlecker versuchten einzuschreiten und die Megaphondurchsagen zu beenden, ließen sich aber durch das entschlossene Weiterführen der Aktion verunsichern. Nach einer Besprechung mit einer Vorgesetzten wurden wir dann vom Sicherheitspersonal nicht weiter behelligt, und die Aktion konnte ungestört weitergehen. Weitere AktivistInnen mit Transparenten und Plakaten wurden allerdings nicht mehr in den Markt gelassen. Der Einlass einer Teilnehmerin im Eselskostüm und mit Schild konnte dagegen zur Freude der TeilnehmerInnen durchgesetzt werden („Bremer Stadtmusikanten gegen beschissene Arbeitsbedingungen“).

Anstatt vorbereiteter Redebeiträge wurde den AktionsteilnehmerInnen im Rahmen eines offenen Mikrofons sodann die Gelegenheit gegeben, von ihren eigenen Erfahrungen mit Krise, Lohnkürzungen und Sozialabbau zu berichten. Eindrücklich schilderte z.B. ein Gewerkschaftsaktivist, wie sich bei dem Bremer Unternehmen „mdexx“ Widerstand gegen die gerade ausgesprochene Kündigung von 200 MitarbeiterInnen formiert. Auch VertreterInnen des „Komitees Gesamthafenbetriebsverein“ in Bremerhaven, die derzeit massivem Stellenabbau und Lohnkürzungen ausgesetzt sind, berichteten von ihrem Kampf und sprachen den Schlecker-Beschäftigten ihre Solidarität aus (vgl. hierzu die Webseite des Komitees)

KundInnen, die während der Aktion im Schlecker-Markt einkauften, äußerten sich nach unserer Beobachtung überwiegend positiv. Viele bekundeten Sympathie und Zustimmung gegenüber den Forderungen des Flashmobs. Die Aktion im Schlecker wurde nach etwa einer halben Stunde beendet. Die Teilnehmenden sammelten sich anschließend vor dem Markt, von dem aus dann eine spontan angemeldete Demonstration durch Gröpelingen zog. Auch diese wurde von PassantInnen überwiegend wohlwollend aufgenommen.

Insgesamt sind wir mit dem Verlauf der Aktion äußerst zufrieden. Es ist uns gelungen, laut und deutlich auf die brutale Geschäftspolitik von Schlecker und anderen Einzelhändlern hinzuweisen. Auch die im Vorfeld diskret eingeladene Presse war zahlreich vor Ort – mit guten Berichten in den Abendnachrichten des dritten Programms: http://www.radiobremen.de/mediathek/index.html?id=021523 sowie in der Sonntagsausgabe des Weserkuriers). Diese Aktion war aber weder der Anfang noch das Ende unserer Aktivitäten zu Schlecker und anderen Einzelhänderlnnen. Denn natürlich ist Schlecker nur ein Beispiel von vielen. Und die Zumutungen sind nicht auf schikanöse Arbeitgeber begrenzt: Die neue schwarz-gelbe Bundesregierung plant munter Steuerentlastungen für Gutverdienende und Unternehmer, während Geringverdienende durch höhere Abgaben (z.B. durch die Umstrukturierung des Gesundheitswesens) belastet werden sollen. Auch in Zukunft werden wir Widerstand gegen eine Politik leisten, die darauf zielt, von unten nach oben umzuverteilen und die Krise dazu nutzt, Lohnkürzungen und den Abbau sozialer Sicherung durchzusetzen. Protest und Widerstand sind nötig und möglich!

mehr Infos beim Mayday-Bündnis und auf kapitalismuskrise.org

Schlecker Flash MobSchlecker Flash Mob


4 Antworten auf „Flashmob bei Schlecker XL“


  1. 1 Esel Kostüm 09. Oktober 2010 um 14:30 Uhr

    Ich denke, das ist wirklich sehr interessant.

  1. 1 Flash-Mob Aktion gegen Metro-Plan « end of road Pingback am 16. Dezember 2009 um 16:15 Uhr
  2. 2 Schlecker-Protest geht weiter « end of road Pingback am 01. Februar 2010 um 21:51 Uhr
  3. 3 Schlecker-XL-Eröffnung blockiert « end of road Pingback am 06. Februar 2010 um 10:37 Uhr
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