Frohe Weihnachten!

Weihnachten bietet (leider) mehr als Gänsebraten und Geschenke.
Frohe Weihnacht denen, die als Opfer des Genozids im Sudan nicht anerkannt werden. Mögen sie ein friedvolles Fest der Liebe erfahren; mögen sie lange vom Dschandschawidüberfall verschont bleiben; mögen sie das Leid vergessen, welches man ihnen und ihren Familienangehörigen angetan hat; mögen sie – falls sie doch in die Hände der Dschandschawiden geraten – sofort getötet und nicht erst verstümmelt, vergewaltigt oder langsam bei lebendigem Leibe aufgeschlitzt werden.

Frohe Weihnacht den Kindern aus Afrika, Asien und Südamerika, die bereits im zarten Kindesalter für ihre Familie mitzusorgen haben. Eine schnelle Heilung kleiner Teppichknüpferfinger sei Wunsch; Seelenfrieden und rücksichtsvolle Kundschaft aus dem zivilisisierten Teil der Welt, sei den Mädchenhuren und Strichern beschieden; ein Wiedersehen mit Vater und Mutter sei den Kinderarbeitskräften beschert, die aufgrund ökonomischer Zwänge ihre Familien verlassen mußten.

Frohe Weihnacht auch den Gütigen und Gerechten innerhalb der Favelas. Den Betreibern der Mülldeponien, die generös die Abfälle an die Armen abtreten; den Kinderliebhabern, die Säuglinge aus ihren Familien losreißen und entführen, um so der westlichen Welt Nachwuchs zuzuführen; den medizinischen Rohstofflieferanten, die uns mit frischen Nieren, Lebern und Herzen versorgen, entnommen von verwilderten Kindern, die in den Favelas sowieso keine Zukunft mehr hatten.

Frohe Weihnacht auch dem guten Kameraden aus Rußland. Eine warme Suppe den tapferen Soldaten in Tschetschenien, die Zivilisten – Kinder, Frauen, Senioren eingeschlossen – dahinmetzeln, um uns vom Terror zu schützen; harte Knochen denen, die auf den Straßen russischer Städte verprügelt werden, weil sie eine andere, regierungsferne Meinung haben oder für Homosexuellenrechte einstehen; Einsicht den Russen, die glauben, Demokratie beinhalte freie Wahlen oder gar Auswahl innerhalb einer Wahl.

Frohe Weihnacht auch den letzten Wilden dieser Erde. Reichlich Alkohol dem entwurzelten amerikanischen Ureinwohner, der sein Reservat zum Trinken gern hat; gelungene Umerziehung den Kindern der australischen Aborigines, denen man aus humanen Gründen die Kinder wegnimmt; einen gemütlichen Wohncontainer den indigenen Volkstämmen des Regenwaldes, die nun das Privileg haben, zivilisiert zu werden.

Frohe Weihnacht den gleichberechtigten Minderheiten. Den schwarzen US-Amerikanern, die weniger verdienen, schlechter wohnen und minderwertiger gebildet werden; den Emigranten in Europa, die in Randbezirke gedrängt werden, die keine Teilhabe am Wohlstand der Gesellschaft einfordern können; all den ethnischen Minderheiten, die man als Ballast, Fremdkörper oder minderwertige Menschen betrachtet, die zudem kurz vor ethnischen Säuberungen stehen.

Frohe Weihnacht der Waffenindustrie und denen, die die Ehre hatten, die Leistungsfähigkeit der Produkte am eigenen Leib erfahren zu dürfen. Dank den zerfetzten Körpern, die meterweit sich auf staubigem Boden verteilten; ein Dank auch den entstellten Menschen, die gerade noch so mit dem Leben davonkamen; Ehre den abgerissenen Beinen und Armen der Kinder, die innerhalb von Krisengebieten Minensucher sein dürfen.

Frohe Weihnacht auch denen, die in unserem Kreise feiern. Frohes Fest, sogenannter Sozialparasit, der du nur Kohlenhydrate in dich hineinschiebst und mit reichlich Bier nachspülst; frohes Fest, Rentner, der du dich weigerst sozialverträglich frühabzuleben, uns weiterhin Kosten auferlegst; frohes Fest, ihr Kinderlein, die ihr innerhalb eines Bildungsapparates gefangen seid, der Mittel kürzt und Leistungsdruck erhöht; mutlu noel bayrami, ihr muslimischen Mitbürger, die wir euch unter uns leben lassen, obwohl ihr doch potenzielle Terroristen seid; frohes Fest, ihr Demonstranten, die man euch das Gewaltmonopol des Staates hat kosten lassen, indem ihr geschlagen, zurückgedrängt und ohne richterliche Anordnung eingesperrt wurdet.

Frohe Weihnacht dem redlichen Bürger. Demjenigen, der sich heute Abend beklagen wird, daß die Gans ein wenig zu fett und der Wein zu korkig war; demjenigen, der heute Existenzängste aussitzen muß, weil die Heizung den bescheidenen Speisesaal nicht derart erwärmt, daß er kurzärmelig den Abend verbringen kann; demjenigen, der heute ungerecht beschenkt wird, zu wenig beschenkt wird, zu spät beschenkt wird; auch den Scrooges, die das Leid der Welt nicht an ihrer Weihnachtstafel aussprechen möchten und felsenfest davon überzeugt sind, daß die Not der Menschen Resultat mangelnder Leistungsbereitschaft ist.

Frohe Weihnacht natürlich dem lächelnden Tyrannen. Dem alten Mann, der innerhalb seiner vatikanischen Festung Reichtümer hortet und gleichzeitig Kirchenrenovierungen durch Spendengelder vollziehen läßt; dem alten Mann, der Geburtenkontrolle und Verhütung, Sexualität und Zölibat, Gleichtheit der Frau und Homosexualität ächtet und dogmatisch bekämpft; dem alten Mann, der sich wie ein Ikone feiern, sich zum Gott auf Erden stilisieren läßt, der seine ideologische Macht lediglich nutzt, um theologische Spitzfindigkeiten zu entwerfen, gleichzeitig den Tyrannen dieser Erde die Hand schüttelt.

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