30 Jahre 6. Mai

Der 6. Mai 1980 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte der militanten Autonomen. Einige sehen in den Geschehnissen diesen Tages sogar die „Geburtsstunde der Autonomen“. Demnächst findet der 30-jährige Jahrestag zu diesem Datum und damit auch eine Veranstaltungswoche [INFO] statt.
Aber was passierte damals überhaupt?
Im Bremer Weserstadion fand eine öffentliche Rekrutierungsveranstaltung zum 25jährigen Bestehen der Bundeswehr statt.
Gegen dieses Gelöbnis demonstrierten circa 10 000 Menschen. Es kam zu heftigen Ausschreitungen. Tausende MilitarismusgegnerInnen, in Gewaltbereitschaft und Anzahl von den Bullen unterschätzt, viele davon in militanten Gruppen organisiert, lieferten sich am Weserstadion Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Der Konflikt konnte erst beendet werden, als die Bullen Verstärkung aus Niedersachsen bekamen.


Thomas Grziwa hat uns per E-Mail mitgeteilt, dass er auf dieses Bild ein Copyright habe. Falls dies so ist, ist das Foto dann wohl von ihm und wir sollen eine Quelle angeben: Foto: Thomas Grziwa/ docuMoments.de
Vielen Dank Thomas, für diese rechtliche Belehrung!

Nachdem im April 1980 die Pläne einer öffentlichen Rekrutenvereidigung im Weserstadion bekannt werden, konstituieren sich eine „Aktionseinheit“ in der sich unter anderem „Antimilitaristen, Linke“ und „Chaoten“ finden und ein Bündnis aus „Revis und Jusos“, die jeweils zu den Protestdemonstrationen mit verschiedenen Anfangs- und Zielpunkten aufrufen (Karneval in Bremen. Eine Chronologie des 6.5., radikal 79 Juni 1980, S. 18). Innerhalb der Aktionseinheit werden die Vorschläge diskutiert, den Platz im Stadion zu besetzen, von den Rängen aus zu stören oder alle Tore zu blockieren. Es wird jedoch kein Konzept angenommen: „So ging man mit der diffusen Vorstellung auseinander, irgendwie vielleicht sowohl ins Stadion reinzukommen als auch, es von außen zuzumachen (…) man hoffte, der Verlauf der Demo werde schon irgendwie in die richtige Richtung laufen“ (Eine Chronologie, S. 18).
Am sechsten Mai 1980 finden ab 16.30 die beiden Demonstrationen statt. Die Aktionseinheit legt die Route so, dass der andere Demonstrationszug unterwegs dazustoßen kann. Die TeilnehmerInnen aus dem Zug der Jusos reihen sich ein und folgen mehrheitlich der Aktionseinheit zum Weserstadion, während die zweite Demonstrationsleitung zu einem anderen Kundgebungsplatz zieht (vgl. Eine Chronologie, S. 18).
Vor dem Eingangstor des Stadions beginnen dann die Auseinandersetzungen zwischen gut vorbereiteten DemonstrationsteilnehmerInnen und einer, an dieser Stelle unterbesetzten Polizei: „An den direkten Auseinandersetzungen waren zunächst einmal ungefähr hundert Bullen außerhalb des Stadions und etwa ebensoviel Bullen innerhalb des Stadiongeländes auf der einen Seite und einige hundert mit Gesichtstüchern, Helmen, wasserdichten Lederklamotten und teilweise mit Knüppeln bewaffneten Leuten auf der anderen Seite beteiligt“ (ein Autonomer: Unter dem Pflaster liegt der Strand…, radikal 79 Juni 1980, S. 19).
Der Kampf im Stadion läuft folgendermaßen ab: „Eine Gruppe drängt die andere mittels Steinwürfen und Mollies zurück um nach kurzer Zeit selber vor den Knüppelschlägen der Bullen zu flüchten“ (ebenda). Auf den Zufahrtsstraßen wird die Polizei mit Steinwürfen zurückgedrängt und es werden Bundeswehrfahrzeuge umgekippt und angezündet (vgl. ebenda). Die polizistInnen können dieses Vorgehen nicht beenden, „da sie zu wenige“ sind (ebenda). Außerdem greifen DemonstrationsteilnehmerInnen ein, die militante Aktionsformen nicht billigen: Wie im Widerstand gegen technische Großprojekte kommt es zu „Auseinandersetzungen mit den Gewaltfreien“ (ebenda).
Gegen halb elf Uhr abends deutet sich das Ende der Kämpfe an; die militärische Überlegenheit der Polizei ist durch nachrückende Einheiten wiederhergestellt und die DemonstrantInnen organisieren den Rückzug. Es wird beschlossen, „gemeinsam abzuziehen“ (Bericht einer Delmenhorster Antimilitaristin, radikal 79 Juni 1980, S. 19). Doch die Polizei ist vorebereitet und spielt ihre militärische Überlegenheit aus: „Die Bullen hatten Nebenstraßen abgesperrt und waren von zwei Seiten gekommen (…) Gegriffen wurde niemand. Die Bullen prügelten nur wahl- und zügellos um sich!“ (Bericht einer Delmenhorster Antimilitaristin, S. 19).
Eine Bremerin, die aktiv an den Auseinandersetzungen beteiligt ist, erschrickt durch den Anblick eines brennenden Polizisten und ändert daraufhin ihr eigenens Gewaltverhalten. Sie habe bereits im Vorfeld „Angst vor körperlicher Gewalt gegen mich und andere“ gehabt und sich deshalb „entsprechend ausgerüstet, um mich zu schützen“ (Eine Bremerin: Gewalt und Gewalt, radikal 79 Juni 1980, S. 19). Am Stadion habe sie sich dann aktiv beteiligt, habe aber mit ihren Steinwürfen niemand verletzen wollen. „Ich hab kräftig Steine geworfen, aber nie gezielt auf Bullen geworfen, sondern immer nur in der Richtung, um sie abzuschrecken, zurückzuhalten und zu verhindern, daß sie uns vom Stadion wegdrängen (verprügeln)“ (ebenda). Doch dann trifft ein Molotow-Cocktail einige Polizisten und sie stehen kurz in Flammen. Die beteiligte erkennt die möglichen Konsequenzen ihres Verhaltens und wirft nicht mehr auf Menschen. „Ich habe nie gesehen, daß ein Bulle getroffen wurde, aber bei dem Mollie hatte ich ganz nah vor mir die Auswirkungen unserer Gewalt – brennender Bulle (…) Von da ab habe ich keinen einzigen Stein mehr auf die Bullen geworfen, nur später auf Wasserwerfer“ (Eine Bremerin: Gewalt und Gewalt, S. 19).
An diesem Bericht wird deutlich, wie sehr die Gewalt der Autonomen expressiven Charakter hat und wie wenig sie auf die Schädigung von Menschen ausgerichtet ist. Der „Wutausbruch“ richtet sich gegen ein gesichtsloses System, es sind keine konkreten Personen, die angegriffen werden sollen. So kann die beteiligte Person erschrecken, als sie einen brennenden Polizisten sieht. Sie wirft danach nur noch Steine auf Polizeiausrüstung; bei den Symbolen des Staates hat sie offensichtlich keine Skrupel.

aus: „Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung“ von Jan Schwarzmeier