Sponti in Delmenhorst

Als Reaktion auf einen versuchten Brandanschlag von Neonazis auf das elterliche Auto eines Antifaschisten in Delmenhorst fand am Mittwoch Abend eine Spontandemonstration unter dem Motto „Naziterror stoppen!“ auch unter der Beteiligung zahlreicher Bremer AntifaschistInnen statt.
Im Folgenden ein Bericht der Delmenhorster Antifa.

Mehr als 140 Teilnehmer_Innen innerhalb weniger Stunden, Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt.

Nach wenigen Stunden der Mobilisierung demonstrierten am gestrigen Abend nach unterschiedlichen Angaben bis zu 150 Teilnehmer_Innen unter dem Motto “Naziterror Stoppen”. Die Demonstration stand im unmittelbaren Kontext eines am Vorabend verübten, jedoch glücklicherweise vereitelten, Brandanschlags auf das Auto – und damit auf die Familie – eines antifaschistisch aktiven Jugendlichen. Das Verhalten des Oberbürgermeisters, der noch Wochen zuvor “jede Unterstützung” im “Kampf gegen Rechts” zusagte, ist aufs Schärfste zu kritisieren, denn ein Lautsprecherwagen durfte nach seinem eigenen Entschluss nach nicht genutzt werden.

Brandanschlag am 28. April 2010.
In der heutigen Nacht, 28. April, ereignete sich gegen 00.30 Uhr ein Brandanschlag auf das Auto der Familie eines antifaschistisch engagierten Jugendlichen.

Nur durch Zufall konnte der Anschlag in letzter Minute vereitelt werden. Bereits eine Woche zuvor wurde ein Brief an die Eltern versandt, in diesem derselbe Jugendliche mit Diffamierungen konfrontiert wird und ihm und seiner Familie in erpresserischer Form gedroht wird – sollte der Jugendliche weiterhin politisch gegen Neonazis aktiv sein, so würden „Aktivitäten“ folgen, eben jene „Aktionen“ gegen „Linksextremisten“ äusserten sich nun in einem Brandanschlag.

Die Täter_Innen rekrutieren sich in beiden Fällen aus dem Kreis der Aktivistin_Innen der hiesigen Naziszene, dem „Nationalen Widerstand Delmenhorst“ und den „Jungen Nationaldemokraten“, der Jugendorganisation der NPD.

Dieser Vorfall stellt bis dato einen traurigen Höhepunkt neonazistischer Gewalt auf andersdenkende und politisch engagierte Menschen dar. Polizei und Feuerwehr gingen nach Sichtung der Sachlage von einer drastischen Gefahr für Familie und Haus aus – nur wenige Minuten später wäre der Tank des Fahrzeugs explodiert, eine angrenzende Hecke brannte bereits, schnell wäre das Feuer auf das direkt neben dem Auto befindliche Wohnhaus übergesprungen – auch schwere Verletzungen – oder gar die Tötung von Menschen wurden durch die Neonazis in Kauf genommen.
- Zitat aus Aufruf und Flugblatt.

Demonstration.
Ab 17:30 Uhr versammelten sich Demonstrant_Innen am Bahnhof, die Personengruppe überschritt dabei zeitweise eine Zahl von 140 Personen. Mittels Flugblättern und kurzen Redebeiträgen wurden die anwesenden Zuschauer_Innen über die rechtsextreme Aktivität, sowie den Brandanschlag der vergangenen Nacht informiert.

Die Stadt Delmenhorst hatte – obwohl versammlungsrechtlich legal – die Nutzung eines Lautsprecherwagens untersagt. Aus vermutlich standortpolitischen Gründen sollte die Außenwirkung der Demonstration gemindert werden; Delmenhorst ist eben die “Stadt im Grünen” und nicht “Stadt mit einem ausgemachten Naziproblem”.

Nach Verhandlungen zwischen Veranstalter_Innen und dem Einsatzleiter der Polizei konnte die Demonstration nach einer kurzen Auftaktskundgebung am Bahnhof (unter Einsatz des Lautsprecherwagens) starten. An der Spontandemonstration beteiligten sich etwa 100 Teilnehmer_Innen. Diese skandierten Parolen und verteilten Flugblätter an die umstehenden Passant_Innen und Autofahrer_Innen.

Das Verhalten des Oberbürgermeisters ist aufs Schärfste zu verurteilen. Es ist Teil der städtischen Taktik: Zum einen Neonaziaktivitäten stur zu relativieren oder gar gänzlich zu negieren, zum anderen legitimen antifaschistischen Protest entschlossen zu erschweren. Die Außenwirkung mit Megaphon ist selbstverständlich geringer als die eines Lautsprecherwagens. Im Kontext einer vor wenigen Wochen abgehaltenen Neonazimahnwache, bei der sich Teilnehmer_Innen vermummt hatten, Journalist_Innen bedroht und angegriffen und lautstark Parolen gegröhlt wurden, wirkt das Stadt- und Polizeiverhalten einmal mehr äußerst zweifelhaft.

Dennoch ist es positiv zu werten, dass innerhalb kürzester Zeit, nach etwa 10 Stunden Mobilisierung über 100 Teilnehmer_Innen spontan durch Delmenhorst demonstrierten – es steht fest: Wir sind da, wir kommen wieder.

Neonazis.
Am Rande der Kundgebung wurden mehrfach Neonazis beobachtet, stets um eine gewisse Distanz bemüht. Bereits am Nachmittag hatte Mario Müller, gemeinsam mit dem Jungnazi Marcel Hesse einen ihnen bekannten Menschen attackiert. Dieser entzog sich dem Übergriff, fast wurde er durch einen auf der Straße fahrenden Sattelzug überrollt.

Im folgenden ‘eierte’ Mario Müller, sichtlich unsicher, mit einem Rennrad durch an die Demonstartionsroute angrenzende Straßen.

Am Bahnhof Delmenhorst ereigneten sich teils turbulente Szenen: Benjamin Grätsch, seines Zeichens ehemaliger Neonazi und “Führer” des “Nationalen Widerstand Delmenhorst” pöbelte gemeinsam mit einer weiteren Person die Veranstaltung auf der anderen Straßenseite an. Bereits zuvor hatte der erwerbslose Neonazi einen Journalisten verfolgt, den er als “scheiß Zecke” erkannt haben wollte. Grätsch war an diesem Tag nicht gemeinsam mit weiteren organisierten Neonazis unterwegs. Kein Wunder, in der Szene gilt der ehemalige Gefängnisinsasse als stupide und wurde aus einem Großteil der Strukturen geworfen, Grund: Benjamin ist einfach “zu assi” (sic), so verlauten mehrere interne Quellen.

Wir werten die spontane Solidarität von mehr als 140 Teilnehmer_Innen als äußerst positiv. Trotz des schikanösen Verhaltens des Oberbürgermeisters, beteiligten sich viele Menschen an der Demonstration und informierten mittels Flugblättern zahlreiche Passant_Innen. Mehrere Presseartikel thematisieren die neonazistische Gewalt in Delmenhorst eben so – in die Offensive! Wir kommen wieder, wir sind da, wir bleiben.

einen Weser-Kurier Bericht gibt es [hier]