„Stu­den­t_in-​Sein, total über­be­wer­tet“

Lehmbauer_innen aller Gender, vereinigt euch, denn unserem Elfenbeinturm fehlt noch die Spitze des Eisbergs!

Moin, ich bins GW3,

wir haben uns ja schon länger nicht mehr gesehen und da dachte ich, schneiste einfach mal wieder rein.
Wie, wir kennen uns nicht, echt nicht, naja gut ich machs mal kurz. Bin als Freiraumprojekt während den Studierendenprotesten 2003/2004 geboren, jaja meine Entbindungsstation war halt die Uni, echt kein schöner Ort, sehr steril, ob jetzt Personal, Architektur oder Inhalte. Schön klinisch sauber. Meine ersten Schritte waren echt nett, habe viel Farbe und soziales Leben in diesen neoliberalen Glas-Beton-Jungle gebracht. Was soll ich sagen, ich bin ganz schön schnell zu einem kunterbunten Holzhaus herangewachsen. Auf einmal liefen in mir so verdammt nochmal alternative Veranstaltungen, ich hab so den ein oder anderen Film geschoben, Seminare behebergt und Vokü, ja das konnt ich auch, alles selbstorganisiert, ach, ich gerate schon wieder ins schwärmen, sorry wollt es ja kurz machen. Hin und wieder bin ich auch mal geschrumpft, doch das verschweige ich immer gerne, macht sich besser im Lebenslauf, aber hey psst.
Sehr einschneidend, ich erinner mich noch ziemlich genau, es war dieser Winter 2009/2010, ich sollte eingeschult werden, so ne ganze Armada von autoritär pädagogischen Besserwisser_innen, naja so Stadtplaner_innen, Architekt_innen, Baufirmen, jaja Politik und Unileitung sowieso, hatten es auf mich abgesehen. Ich sollte verschwinden, obwohl ich eigentlich gerade die beste Zeit meines Lebens durchmachte. Ein lieblos hingekotzter Campus Park sollte auf mir entstehen. Viele Menschen kämpften mit mir kreativ, entschlossen und mit unterschiedlichsten Mitteln. Resultat, ein zähneknirschender Kompromiss. Ich wurde abgerissen, auch noch von meinen eigenen Leuten. Naja, wenigstens haben sie versprochen mit den erkämpften Mitteln mich an neuer Stelle wieder aufzubauen. Größer, bunter, subversiver, das sagen sie zumindest immer.
Wie es jetzt so nach der OP ist? Also, ich kenne bis jetzt ja nur die Pläne, ich soll so ein echtes Fachwerkhaus werden, auch gar nicht mal so klein. Stehen tu ich ja bereits, aber mir fehlt es halt noch an Haut, es zieht ziemlich, weil noch diverse Lehmwände fehlen. Was mir auf jeden Fall helfen würde, sind viele Menschen, die Lust haben an und mit mir zu arbeiten. Fähigkeiten und Kenntnisse sind nicht erforderlich, und dieses Student_in-Sein, total überbewertet. Für mich ist eher entscheidend, Interesse an emanzipatorischer Politik und Lust die Verhältnisse umzustürzen. Im Großen und Ganzen würde ich mich daher schon als sehr kontaktfreudig beschreiben, sehe gerne neue Gesichter, aber diese „üblichen -Ismen“ finde ich ziemlich scheiße.
Natürlich finden mich auch Leute Scheiße, gar keine Frage, ein Stachel im Fleisch der herrschenden Normalität schmeckt halt nicht. Ist mir aber ehrlich gesagt auch egal, mag eh kein Fleisch.
Letztens wurde ich deshalb schon wieder angegriffen, tat schon ein bisschen weh. Praktische Solidarität ist bekanntlich die beste Medizin, was daher vielleicht interessant sein könnte, am Freitag den 24.6., jaja diesen Freitag, lade ich zu einem fetten Lehmbautag ein, ab 10 Uhr bereits. Habe gehört, das ganze nennt sich Workshop.
In letzter Zeit, haben die Leute die gebaut haben, auch hin und wieder was zu esssen mitgebracht, war schon ganz schön gemütlich mit diesen Snacks.
Nein nein, ganz im Gegenteil, ich freue mich über alle, die Lust haben, auch über diesen Freitag hinaus Zeit mit mir zu verbringen, wir können da alles mögliche starten.
Das heißt, ich lebe eigentlich nur durch die Inhalte, die andere in mich reintragen, diese Existenz ist ja fast gruselig, klingt so stark nach Selbstorganisierung und so.
Achja, und ich habe eine schwäche für stumpfe Wortspielereien.

gw3@riseup.net
gw3.allesfüralle.de


9 Antworten auf „„Stu­den­t_in-​Sein, total über­be­wer­tet““


  1. 1 andreas 22. Juni 2011 um 14:21 Uhr

    Haaalt Stop! ist an der Stelle nicht schon lange die neue Tiefgarage des Kfz-Referats geplant? Ich frag ja nur weil sonst muss das GW3 ja schon wieder umgestellt werden….

  2. 2 Anonymous 23. Juni 2011 um 14:47 Uhr

    …das hätte auf jeden Fall mehr Sinn als das gw3.

    mit dieser Hütte hat man es geschafft. Linke Politik ist jetzt noch marginaler als zuvor, herzlichen Glückwunsch!
    Mit dem Geld das die dafür bekommen haben, hätte man nun wirklich auch etwas sinnvolleres machen können, als seine Soziophobie auszuleben.
    Ganz ehrlich, für die zwanzig Gestalten die da rumhängen ist das vielleicht schön, aber den Großteil der menschen die diese Uni besuchen, hat man eher von linken Ideen abgeschreckt.
    Das ist ja auch kein Wunder, mit diesem „Freiraum“ im kunterbunten Haus kann nunmal so gut wie niemand etwas anfangen.

    Am Ende ist es eben genau das wofür es alle halten, ein Ort an dem sich eine handvoll leute vor den anderen Menschen verstecken können… den es ist ja nun nicht so als wenn es in Bremen zu wenig Projekte geben würde, und die meisten werden grade mal die hälfte der Zeit genutzt.
    Außerdem schaffen es ja auch andere Leute an der Uni Räume für Lesungen, Filmvorführungen etc. zu bekommen. warum die Gw3 leute nicht? weil einem die Architektur nicht gefällt ist ja wohl ne faule Ausrede.

  3. 3 red kein dummes zeug! 23. Juni 2011 um 20:28 Uhr

    „aber den Großteil der menschen die diese Uni besuchen, hat man eher von linken Ideen abgeschreckt.“

    und wer hat die linken listen bei den SR-wahlen gewählt? welche ~120 leute besuchten öfters die vokü???

    außerdem: warum kommen denn die ganzen krassen stadt-antifas nicht mal aus ihren yuppie-vierteln raus und lernen was neues kennen?

  4. 4 Anonymous 23. Juni 2011 um 21:16 Uhr

    Ja „raus kommen“ ist natürlich das stichwort!!
    Genau das ist ja die kritik gewesen, das man es nicht mehr schafft rauszukommen aus seinem kleinen heilen Schneckenhaus und sich lieber in irgendwelchen Utopien außerhalb der realen Gesellschaft verfängt.
    So weit ich weiß bestand die Gruppe die damals ewig wegen dem alten GW3 rumgenervt hat, aus 20 Leuten (auch wenn man gern so getan hat als ob es anders wäre) und ich kann mir nicht vorstellen das es inzwischen 120 geworden sind, das kann man ja auch an der Baubeteiligung sehen. Aber selbst wenn dem so ist, trifft die Bezeichnung marginal diese Zahl „essender“,weiterhin am besten.
    Diesen etwas stupide geratenen letzten Teil werde ich mal nicht groß kommentieren außer das mit dem „was neues lernen“, denn diese möchtegern Hausbesetzermentalität und dieses ewige Abgegrenze durch Oberflächlichkeiten war noch nie eine sonderlich reflektierte Einstellung und schon garnicht „neu“.

  5. 5 Irgendwer 24. Juni 2011 um 18:35 Uhr

    Hui, das geschreibe von Anonymous geht ja mal krass an der Realität vorbei.
    Dass Menschen sich dort „verstecken“ wollen würden, sich „in Utopien außerhalb der realen Gesellschaft verfangen“ (by the way: Utopien müssen wohl irgendwie außerhalb der realen Gesellschaft sein, sonst wären es keine Utopien) oder „durch Oberflächlichkeiten abgrenzen“ sind stumpf falsche Behauptungen.

  6. 6 Anonymous 25. Juni 2011 um 18:04 Uhr

    Mit welchem Argument wolltest du jetzt die vorhergegangenen „Behauptungen“ wiederlegen?
    Das sie deiner Meinung nach nicht stimmen und deshalb einfach falsch sind ist ja nun etwas schwach.

    Wie bereits angeführt wurde, sind sehr viele Menschen besonders im Rahmen der früheren Studentenproteste mit der Thematik „GW3″ in berührung gekommen und dies hat für ein breit gefächertes Unverständnis gesorgt. Auf der einen Seite kann außer den GW3 Insassen so gut wie niemand verstehen wofür diese Einrichtung überhaupt nötig sein soll, auf der anderen Seite können sich auch sehr wenig Menschen mit der phrasenhaften Politik sowie dem, der modernen Gesellschaft entgegengesetzen Pathos der GW3 Vertreter indentifizieren (wie gesagt kein Wunder).

    Außerdem ist es nochmal sehr interessant auf das Argument des Unikomplexes einzugehen. Denn eigentlich ist diese Architektur im Gegensatz zu vielen andern Universitäten sehr offen konzipiert und man hatte versucht den „Muff“ welcher auf vielen Universitäten liegt auf diesem Weg etwas Modernes entgegenzusetzen.
    Naja, aber das muss auch nicht jeder verstehen.
    Es liegt natürlich nahe stattdessen ein Fachwerkhaus zu Bauen und den Charme einer konservativen bayrischen Kleinstadt auf das Unigelände zu verpflanzen. Ich glaube viel deutscher kann man sich nicht presentieren.

  7. 7 irgendjemandanderes 26. Juni 2011 um 9:53 Uhr

    Hui, das Geschriebene von Anonymous trifft den Nagel ja mal auf den Kopf.
    Nochmal 2 Sachen dazu; LISA wurde bei den SR Wahlen wahrscheinlich gewählt, weil der Name so nett klingt und weil die Plakate so herrlich beliebig waren. Davon abgesehen waren die Stimmen für die Linken Listen mal ganz schön bescheiden.
    Und dann nochmal zu dem achso wichtigen Freiraum GW3. 98% der Lebenszeit stand das vor sich rum und vergammelte. Da liefen kaum bis gar keine Seminare, selbstorganisierten Veranstaltungen etc. Insofern war die Aufregung bei angedrohtem Abriss ziemlich lächerlich.
    Und darüberhinaus: für mich ist das GW3 ganz typisch für autonome Politik. Sozusagen die selbsterfüllende Prophezeiung schlechthin; ich mache was, was überhaupt keinen Anknüpfungspunkt für nicht-autonome Menschen bietet, damit ich mich am Ende selbst bestätigt finde, dass wieder alle so egoistisch und „normal“ sind und sich gar nicht für mein Projekt interessen. Klar, die eigene Identität wird gestärkt, indem ich mich von den anderen abgrenze. Und das ist doch das wichtigste…

  8. 8 irgendjemandanderes 26. Juni 2011 um 10:56 Uhr

    und was die Utopie betrifft: ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute überhaupt nicht zurück zu selbstgebauten Holzhütten wollen. Ich finde z.B. feste, beheizte, mit Strom und Wasser versorgte Gebäude supergeil. Ich finds auch großartig dass es professionelle Menschen gibt, die sowas konstruieren und bauen. Aber Hauptsache das GW3 ist bestimmten Leuten „ein Dorn im Auge“ (den meisten Leuten ist es übrigens ziemlich egal).

  9. 9 Komisch 27. Juni 2011 um 10:26 Uhr

    Wird hier über das gleiche GW3 gesprochen?
    So wie ich das erlebt habe ist es immer offen für alle möglichen Menschen und das wird auch immer wieder kommuniziert.
    Und niemand möchte gerne zurück in die Höhle mit nem Lehmhaus. Das ist nur die einzige Möglichkeit überhaupt was zu bauen, denn alles andere wäre zu teuer. Und fließend Wasser wäre auch cool, ja stimmt.
    Aber na ja, wenn das Ding erstmal steht wird sich schon zeigen dass viele Menschen froh darüber sind, dass es es gibt. Und dann kann Anonymus mal auf nen Kaffee vorbeikommen und wir disktutieren dass persönlich aus. Ist ja auch wirklich ganz interessant und netter als im Internet.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.