Autonome Vollversammlung im September: 10.09. im Paradox

Wie setzen sich die Aufstände in den arabischen Ländern zusammen, Unterschiede, Subjektivität, Was machen wir zu Syrien? Chile, Israel? Weißrussland?

Wie können hier die Impulse aufgegriffen werden zum eigenen Aufstand? Es gibt eine vorbereitung zu einem Transnationalen Treffen in Tunesien Ende September. Dazu müsste sich möglichst bald eine Vorbereitungsgruppe in den einzelnen Orten z.B. hier, bilden. Hier ein Thesenpapier zum Verhältnis mitteleuropäische Gesellschaft zu den Aufständen in den arabischen Ländern und der Indifferenz auch gegenüber den 20 anderen Aufständen um uns herum:

DER BEGRIFF ISLAMOPHOBIE ist schlecht – welcher ist besser?

Der Begriff Islamophobie wird in letzter Zeit häufiger verwendet um aktuelle Tendenzen rassistischer Ausschlüsse in Mitteleuropa zu bezeichnen. Der Begriff der Phobie passt jedoch nicht.

Homophobie bezeichnet noch ziemlich treffend Kerne des Problems: als würden Schwule Sirenen einen verführen und in den Abgrund hinabziehen.

Also steckt im Begriff Homophobie der Bezug auf eine Handlungsdimension, die mit einem selbst passieren könnte, das Dispositiv des Einbezugs des Individuums – Phobie als Angst vor dieser „Gefahr“ – der Aufweichung der Grenzen der sexuellen
Orientierung.

Allerdings ist der Begriff der Phobie eine Psychologisierung, und die Menschen, die eine Phobie haben, werden sich bedanken. Allerdings sind beide heilbar. Religion ist auch heilbar.

Islamophobie kann das ungleich weniger bedeuten: denn eine behauptete Vereinnahmung durch islamische Vereine, und deren Gebete, Glaube, Normen etc. sind nicht der Hauptgegenstand der rassistischen Abwehr, also keine Phobie. Es handelt sich vor allem nicht um Religionskritik.

Die aktuelle Geistesströmung und Bewegung von Rechts richtet sich hauptsächlich gegen „die Moslems“ als Menschen, gegen „die Araber“ im Besonderen und gegen „die Ausländer“ im Allgemeinen.

Das Ressentiment ist eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die in der Ideologie und Praxis der Anderen begründet wird. Diese rassistische Erneuerung unterscheidet sich von älteren Rassismen darin, dass die Artikulation, die Erklärungen, Exegesen, Fatwas, mündlichen, schriftlichen und praktischen Handlungen der Anderen zum Anlass genommen werden, diese Anderen als Kollektiv abzulehnen und vom imaginierten eigenen Kollektiv getrennt und mit ihm unvereinbar zu erklären und zu kategorisieren mit entsprechenden Forderungen nach Segregation, Ausschluss, Abschiebung, mehr Polizeigewalt, Bürgerwehr und anderem.

Der neue Rassismus löst sich etwas von der Rasse, etwas von der Kultur und stellt die Religion und Theorie in den Vordergrund und sagt: weil diese Leute dort nur so handeln können wie sie nach ihren Geboten handeln müssen, deshalb müssen wir sie ablehnen, abwehren etc. Das Theorem behauptet also einen Verhaltensdeterminismus der Anderen, der aus ihrer Lehre, dem Koran, abgeleitet wird. So als gäbe es nur eine monolithische Exegese. Dieser in Religionskritik gekleideten Menschenfeindlichkeit geht es eigentlich um Wohlstandschauvinismus. Und sie ist vermischungsfeindlich, was für Rassismus konstitutiv ist.

Der Bezug auf die Verteidigung einer westlichen säkularen Freiheit ist natürlich verlogen und vordergründig, die Behauptung, die Moslems, der Islam, etc. wollten hier die Scharia einführen, dient hauptsächlich der gesellschaftlichen Verankerung. Diese Freiheit soll und kann dann mit dem Ruf nach mehr Polizei gleich wieder abgeschafft werden.

Hier treffen sich im Rassismus bzw. der von ihm entfachten emotionalen Polarisierung die sozialen Gegensätze: Araber, Muslime wollen von Europa den Fortschritt, die Techniken, aber nicht den Lebensstil und die Verhaltensweisen, teilweise nicht
einmal die Konsumartikel.

Die antimuslimischen Europäer hingegen wollen nicht teilen, und keinen sozialen, persönlichen, oder verwandtschaftlichen Kontakt mit diesen Anderen, sie sind sozusagen mixophob, und elitär – würden aber zumindest auf Djerba oder in Scharm al-Sheik Urlaub machen.

Die Fähigkeit über die islamische Ethik die Umma zu kollektivem Handeln und Einigkeit zu versammeln, politisch zu mobilisieren, ist bedeutsam und von großer Kraft. Heute vor allem orientiert auf gewaltlosen Protest, demokratische Aktion und
Selbstermächtigung. Dafür finden sich unter Linken in Europa einige Sympathien. Unter Linksradikalen hält sich jedoch besonders starke Distanz, denn der egalitäre und antiautoritäre Anteil der Revolten wird nicht gesehen. Um das
eigene Misstrauen zu erhalten wird vor allem auf Libyen geschaut. Dass die arabischen Aufstände hier so wenig Resonanz erfahren (eher hängen noch einmal Fotos aus Oaxaca 2006) liegt daran, dass die im dortigen Alltag liegende Relation zwischen Erleben und Empörung, Unrecht und Berechtigung, Rechtsordnung / Willkür und kollektiver Einigkeit, den Despoten und Diktaturstrukturen die Legitimation zu entziehen, hier nicht gesehen wird. Damit wird der Kern der aufständischen oder revolutionären Subjektivität ignoriert.

Also nicht die religiöse Lehre von haram und halal (verboten und erlaubt) wird von einem namenlosen Kollektiv bewusstlos umgesetzt – das machen so durchaus europäische Bürokraten mit ihren Akten und Gesetzbüchern. Schon Kadavergehorsam nach Aktenlage. Sondern zwischenmenschlich werden tausende Male im Kleinen in den Versammlungen, seit Jahren, auf dem Weg dahin, in den Aktionen, Angriffen auf Polizeiwachen oder der Belagerung der Kasbah Bestätigungen vollzogen, bewusst,
intuitiv, rituell, vor allem durch Verabredung.

Rassismus negiert, dass sich die Anderen überhaupt verabreden, dass sie kommunizieren. Die sind schon so, schon vorher so gewesen, mit böser Absicht, und sie sind undurchschaubar. Und außerdem steht die religiöse Praxis bei der Selbstermächtigung nicht so sehr im Vordergrund, es ist eine Form neben anderen.

Ich empfehle Reisen nach Tunesien, den Tanz, die Gesänge, die Stimmen, die Gesichter, die Berührungen, die Anstrengungen des Lebens im Süden und den Körperkontakt mit der Energie, auch dem Dervisch.

Der gegen Muslime, Araber, Afrikaner und andere gerichtete Rassismus, Orientalismus – Okzidentalismus, ist regressiv, rhetorisch demagogisch und volksverhetzend, aber praktisch gehemmt und unfähig zur Konfliktbewältigung und gesellschaftlichen Gestaltung. Ein Sarrazin- und Heinsohn-geprägtes Bürgerkomitee ist keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft, ist eine Anomie, auch wenn sie als Bürgerwehr (wie in Italien) gemeinsam angreifen können. Das Attentat von Oslo und Utoya enthält auch etwas selbstzerstörerisches, selbstmörderisches, todeskultiges.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen psychisch krank, pathologisch und irrational: Der Attentäter von Norwegen ist nicht psychisch krank, sondern seine Angriffe folgen einer Begründung, die irrational ist. Das gilt auch für die meisten anderen
Verschwörungstheorien.

Der Attentäter hatte dieses gegen die eigene Gesellschaft gerichtete mit dem Massenmörder von Oklahoma gemein, der dies auch in der erstrebten Hinrichtung gegen sich selbst richtete.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der terroristischen Aktion von Oslo und Utoya ist die Intention der rechtsradikalen Terrorgruppen, den Staat als unfähig, ohnmächtig, schwach und verwundbar vorzuführen. Dies soll mehr autoritäre Kontrolle,
Polizeipräsenz und letztlich den Wunsch nach Faschismus provozieren. Insofern ist es klug, zu reagieren mit der Behauptung: nein, absolute Sicherheit kann es nicht geben und wir werden wegen diesem Terrorakt nicht in die Neurose verfallen, wie von der Gewerkschaft der Polizei gefordert, „alles verdächtige Verhalten zu melden“. Alles, Verhalten, verdächtig, melden,
bei wem? Sie, die deutschen Polizeigewerkschaften haben auf diesen Anschlag positiv reagiert und sich inspirieren lassen, in dem sie genau dieses Ohnmachtsgefühl zur abstrakten, autoritären Ermächtigung instrumentalisierten.

Fatal an der aktuellen Situation in Deutschland ist allerdings, dass die rechtsradikale, rassistische Artikulation eine Form gefunden hat, in der sie unerkannt in den Mainstream einwandern kann, ins interaktive Web 2.0 noch mehr als in die Medien. ‚Wer hat diese Behauptung aufsgestellt?‘ Alle und keiner. So verlieren die Abwertungen, Zuschreibungen und Entrechtungsaufforderungen ihre Herkunft.

Aus dieser Situation finden wir ebenfalls nur durch Kommunikation wieder heraus, in dem es so viel Vollversammlung wie möglich gibt und Vereinzelung aufgebrochen wird. Ein Gutteil der Neurosen gehen auf das Konto der medial produzierten Bilder.
Medien verschlucken die Leute und Vereinzelung macht ängstlich und inkompetent.


4 Antworten auf „Autonome Vollversammlung im September: 10.09. im Paradox“


  1. 1 Fragend voran 08. September 2011 um 15:55 Uhr

    Wie wärs mit „anitmuslimischer Rassismus“?
    Und ist nicht Heterosexismus auch treffender als Homophobie?

  2. 2 Was fürn Schwachsinn! 08. September 2011 um 16:37 Uhr

    Islamophobie bzw. den Begriff und die Thematik in diesem Kontext so in den Focus zu stellen ist total daneben.
    Wer hat denn da noch Lust drüber zu diskutieren?
    Eigentlich wäre es doch viel Interessanter den Themenblock „Solidarität“ vom Autonomie Kongress in Köln zum Thema zu machen. Was ist außerdem mit dem Facebook Thema?
    Sollte das Aufstandsthema nicht im Juli auf der Tagesordnung stehen? Niemand da? – heißt kein Interesse!
    Prioritäten werden selbst gesetzt!
    Also mal sehen bestimmt fällt die AVV schon wieder aus bei soner drecks Kultur komm ich auf jeden Fall nich!

  3. 3 WiSsEnDe 09. September 2011 um 11:47 Uhr

    Das Thema ‚Facebook‘ wurde wohl, da es fuer diese Vollversammlung zwei Themenvorschlaege gab, zurueckgezogen. Gab wohl die Ueberlegung, das das naechste Mal, also im Oktober zu bereden. Mach doch einfach den Kongress zum Thema auf der AVV! Bzw. als Themenvorschlag auf irgendeiner VV!

  4. 4 @WiSsEnDe 12. September 2011 um 18:27 Uhr

    mh ich glaub „Was fürn Schwachsinn“ is nen bischen wissender ;-)
    die kernfrage des themen blocks solidarität war internationalismus also das thema der letzten avv. die is ausgefallen weil zu wenig leude. jetzt wird das thema innem anderem gewand wiederholt und das sorgt für kritik. weil: wenn keine leude dann kein interesse! also neues thema und das wäre facebook!

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