Telekom jagt die Wildplakatierer

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Ein Vertrag mit der Stadt garantiert der Telekom ein Monopol auf die Vermarktung des öffentlichen Raums als Werbefläche. Damit hat sie auch das Recht, gegen jeden vorzugehen, der dort wirbt, ohne dafür zu zahlen. In einem Fall ist sie gegen einen gemeinnützigen Kulturverein aus Bremen-Nord vorgegangen.

Soll noch mal jemand sagen, Bremens Behörden könnten nicht mit Geld umgehen. Der Vertrag, den die Stadtgemeinde mit der Telekom abgeschlossen hat, kann sich sehen lassen: Mindestens 3,9 Millionen Euro bringt er der hochverschuldeten Kommune jedes Jahr, und das garantiert bis 2025. Und damit nicht genug. Denn außer den steten Einnahmen erhofft sich Bremen von ihm, dass wildes Plakatieren unterbunden wird und dass Kultureinrichtungen trotzdem für ihre Arbeit werben können. Wäre dieser Vertrag ein Tier, er wäre eine eierlegende Wollmilchsau.

Überzeugt sind trotzdem nicht alle. Vor allem Bremens Kulturvereine haben Klärungsbedarf. „Viele Einrichtungen sind verunsichert“, sagt Torsten Fink. Er ist Geschäftsführer des Vereins Stadtkultur und damit eine Art Lobbyist für die freie Kulturszene in Bremen.

Der Grund für die Verunsicherung ist ein Schreiben an die Betreiber des Kulturbahnhofs in Vegesack. Darin weist die Telekom in verbindlichem Ton darauf hin, dass ihr das alleinige Recht zusteht, öffentliche Werbeflächen zu vermarkten. Der Kulturbahnhof möge doch ihr Kunde werden. Dafür müsse der Verein allerdings fortan darauf verzichten, wild zu plakatieren.

Fink findet das nicht in Ordnung. Es sei ein weiteres Beispiel dafür, dass öffentliche Räume immer weiter privatisiert würden. Die zusätzlichen Ausgaben für die Werbung dürften keinesfalls zulasten der Kulturbudgets gehen, sagt er.

Unterstützung erhält er aus der Politik. Carsten Werner, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, sagt: „Für Kulturinitiativen mit kleinem Etat sind selbst produzierte Aufkleber und Plakate oft der einzige Weg zur Eigenwerbung.“ Schwierig werde es zudem immer dann, wenn nicht ganz klar sei, ob es sich um Werbung oder eine politische Aussage handele. „Die Bürger sollen sich äußern dürfen“, findet er. Es geht auch um die Frage, wem der öffentliche Raum gehört. Und der ist begehrt.

Umkämpftes Geschäft

Trotz des Internets ist die klassische Außenwerbung noch immer ein beliebtes Marketingmittel. So beliebt, dass auch die Telekom in das Geschäft eingestiegen ist. Bremen ist die erste Stadt dieser Größenordnung, in der sie zum Zuge gekommen war. Seit gut zehn Monaten bietet die Telekom den Werbekunden Hunderte Flächen an – von Riesenpostern an Hauptverkehrsstraßen bis zu kleinen Flächen auf Stromkästen. Weitere Städte sollen folgen.

Deshalb nehme die Telekom zunächst auch Verluste in Kauf, sagen Experten. Das Vorhaben, in Bremen mindestens 3,9 Millionen Euro zu verdienen, halten sie für gewagt. Dieser Kampfpreis dürfte es auch gewesen sein, der die Firma Ströer im vergangenen Jahr auf ihre Option verzichten ließ, die öffentlichen Flächen weiterhin zu vermarkten. Sie hatte dafür jährlich nur 1,2 Millionen Euro an die Stadt gezahlt.

Der Vertrag macht der Telekom klare Vorgaben: Das Unternehmen soll den Kultureinrichtungen, jedenfalls denen ohne Gewinnziele, eine bestimmte Menge an Werbeflächen zur Verfügung stellen und zwar mit hohen Rabatten. Auch der Kulturbahnhof in Vegesack könnte demnach auf Stromkästen für gerade mal 30 Prozent des Listenpreises werben.

Zum Fall des Kulturbahnhofs wollte ein Telekom-Sprecher gestern auf Anfrage nichts sagen. Nur so viel: Aus vielen „Wildwerbern“, vor allem Unternehmen, seien mittlerweile Kunden geworden. Der Aufbau der neuen Werbeträger sei so gut wie abgeschlossen und das Unternehmen zufrieden mit seinem Geschäft in Bremen.

Am Donnerstag soll es mit Kulturschaffenden und Behörden ein klärendes Gespräch geben. Ein Ziel des Vertrages sei es schließlich, den Kultureinrichtungen günstige Werbeflächen zu verschaffen, heißt es aus der Baubehörde. „Das werden wir auch erreichen.“ Das hofft auch Carsten Werner. „Wir wollen weiter Zeichen und Wunder im öffentlichen Raum erleben und wahrnehmen“, sagt der Grünen-Politiker. „Nicht nur Hochglanzwerbung.“

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