Nationalistische und faschistische Demonstration in Bremen und die (Nicht-)Reaktion der Antifaschist_innen

Dieser Artikel ist eine Antwort auf die Darstellungen der Demonstration türkischer Nationalist_innen und Faschist_innen in Bremen am letzten Samstag in den öffentlichen Medien und leider auch auf endofroad.

Am Samstag mobilisierten türkische Faschist_innen und Nationalist_innen zu einer Demonstration gegen „den Terror der PKK“ in die Bremer Innenstadt. Rund 1000 Teilnehmer_innen folgten dem Aufruf und versammelten sich gegen 13 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz. Unter ihnen viele offensichtlich erkennbare „Graue Wölfe“, also Mitglieder der faschistischen türkischen Partei MHP, sowie deren Anhänger_innen und Sympathisant_innen. Bereits bei der Auftaktkundgebung wurden zahlreiche MHP-Fahnen (drei Halbmonde vor rotem Hintergrund) geschwenkt und das unverkennbare Handzeichen („Wolfsgruß“) gezeigt.

Die Demonstration ist im Zusammenhang mit einer europaweiten Mobilisierung türkischer Nationalist_innen und Faschist_innen anlässlich des aktuellen Angriffs der PKK auf das türkische Militär am vergangenen Mittwoch zu sehen. Am Wochenende, den 22./23. Oktober fanden in mehreren Städten (u.a. Berlin, Hamburg, Stuttgart, Amsterdam,Wien) ähnliche Demonstrationen statt, teilweise begleitet von Angriffen auf kurdische Vereine oder Läden. Zu den größtenteils über facebook bekannt gemachten Demonstrationen hatte nach Aussagen der JW das türkische Konsulat zentral aufgerufen.

Ungefähr 80 kurdische Gegendemonstrant_innen versuchten am Anfang die Demo zu stören, wurden jedoch von Einsatzkräften abgedrängt und vor dem kurdischen Verein am Rembertiring gekesselt, durchgehend gefilmt und erst nach dem Ende der Demo freigelassen.

Während in den Medien größtenteils positiv von den Demonstrationen „für den Frieden in der Türkei“ berichtet wurde, finden Nachrichten über die Situation von Kurd_innen in der Türkei sowie über die aktuelle Entwicklung des Konflikts kaum Erwähnung. So wurden allein dieses Jahr in den ersten sechs Monaten 4015 Menschen festgenommen, darunter viele kurdische Politiker_innen und Vertreter_innen legaler kurdischer Organisationen1. Die Friedensangebote seitens der PKK an den türkischen Staat wurden in den letzten Jahren immer wieder abgelehnt. Ebenso die vielen Versuche seitens der kurdischen Zivilgesellschaft einen Friedensprozess voranzubringen. Stattdessen intensivierte das türkische Militär seine Angriffe auf die PKK und gegen die Zivilbevölkerung2. Bei den letzten Operationen Mitte Oktober 2011 wurde gegen Kämpfer_innen der PKK zudem Gas eingesetzt und die toten Körper mit abgeschnittenen Gliedmaßen den Medien präsentiert. Um den Krieg gegen die Kurd_innen zu legitimieren, kriminalisiert die türkische Regierung jeglichen kurdischen Widerstand und fördert gezielt die Nationalisierung der türkischen Gesellschaft. Die nationalistischen Demonstrationen in den letzten Wochen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Vor dem Hintergrund einer nationalistisch bis faschistischen Demonstration von rund 1000 Teilnehmer_innen in Bremen hätten wir uns eine klare Positionierung und Reaktion von linker bis linksradikaler Seite gewünscht. Schockiert waren wir davon, dass es keinerlei Aktivitäten vor Ort gab und auch die Resonanz im Nachhinein ausblieb bzw. sich teilweise an den Darstellungen der lokalen Medien orientierte.

Während in den 80er und 90er Jahren die Solidarität mit Kurd_innen auch in der „deutschen“ Linken eine wichtige Rolle spielte, findet gemeinsames antifaschistisches Handeln von kurdischen und „deutschen“ Linken heutzutage kaum mehr real statt. Der Krieg in der Türkei scheint inzwischen in Vergessenheit zu geraten bzw. die Solidarisierung mit kurdischen Linken an Bedeutung verloren zu haben. Dabei hat die Organisierung von türkischen Faschist_innen auch in der BRD zugenommen; dabei spielt die BRD seit Jahrzehnten bei der Unterstützung der Türkei im Kampf gegen die Kurd_innen eine wichtige Rolle; dabei sind kurdische Aktivist_innen seit Jahren diejenigen in der BRD, die von der Verurteilung durch § 129 a/b und polizeilicher Repression am meisten betroffen sind.

Antifaschismus heißt für uns, sich gegen alle Formen faschistischer und rassistischer Äußerungen und Handlungen zu stellen, egal welcher „Nationalität“ sie sind. Gleichzeitig halten wir es für wichtig, dass links/linksradikal denkende Menschen und Gruppen wieder stärker in Kontakt zur kurdischen Linken treten und damit antirassistische Theorie auch in die Praxis umsetzen. Immer wieder werden Widersprüche gegenüber der Politik der PKK in den Vordergrund gestellt, um eine Zusammenarbeit mit jeglichen kurdischen Linken zu vermeiden. Dabei gibt es oft wenig Wissen über die Entwicklungen der PKK seit den 90er Jahren und vor allem über die Vielfalt kurdischen Widerstands außerhalb der PKK3. Solidarisierung und gemeinsamer Widerstand heißt unserer Meinung nach nicht auf eine Kritik an den Strukturen und Inhalten der PKK zu verzichten oder sich mit allen Formen kurdischer Politik identifizieren zu müssen, sondern gemeinsam gegen Faschismus, Rassismus und Kapitalismus zu kämpfen.

Weitere Informationen zu den verschiedenen Themen siehe u.a. tatortkurdistan.blogsport.de

Einige Antifaschist_innen aus Bremen

1 http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2011/38/02.htm
2 So z.B. nach dem Erdbeben in Wan. Siehe: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2011/43/03.htm http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2011/43/05.htm


8 Antworten auf „Nationalistische und faschistische Demonstration in Bremen und die (Nicht-)Reaktion der Antifaschist_innen“


  1. 1 endofroad 03. November 2011 um 15:50 Uhr

    Da wir oft genug bei Berichterstattungen über Geschehnisse von linksradikaler Seite im Stich gelassen werden, müssen wir leider entsprechend oft unsere Informationen aus den allgemeinen lokalen Medien (Weser Kurier, Radio Bremen) oder aufgrund persönlicher Erfahrungen ziehen.
    Dabei geht natürlich eindeutig Qualität verloren, wie bei der endofroad-Berichterstattung zur oben erwähnten Demonstration.

    Deshalb begrüßen wir es immer, wenn Leute, die direkt an Geschehnissen beteiligt waren, Sachen einsenden. Ansonsten kann damit gerechnet werden, dass wir Sachverhalte so wiedergeben (weil nicht anders bekannt), wie sie in den Medien zu finden sind.
    Damit bedanken wir uns auch für diese Richtigstellung zur oben erwähnten Demonstration!

  2. 2 endofroadleser 03. November 2011 um 17:06 Uhr

    Vielen Dank an die Autor_innen dieses Berichtes und an die endofroadies für ihre Klarstellung. Ich habe den Eindruck, dass endofroad inzwischen von vielen als wichtige Informationsquelle für Ereignisse in und um Bremen genutzt wird, an denen sie nicht selbst beteiligt waren (zu Recht – bei der Gelegenheit ein dickes Lob an alle bei endofroad für Euer Engagement!). Ich selbst gehe meist davon aus, dass Berichte im Blog auf Informationen aus erster Hand beruhen, wenn nicht explizit andere Medien als Quelle erwähnt werden. Vielleicht liessen sich Enttäuschung oder auch Empörung über evtl. verkürzte oder falsche Darstellungen vermeiden, indem redaktionell in Zukunft noch mehr darauf geachtet würde, Artikel die auf der Berichterstattung von Mainstreammedien beruhen auch als solche zu Kennezichnen (was ja oft auch geschieht). Ansonsten sollte dies vor allem auch ein Aufruf an uns alle sein, endofroad häufiger mit eigenen Berichten zu beliefern.

  3. 3 Zusammenarbeit mit deutschen Linken 03. November 2011 um 18:21 Uhr

    „Immer wie­der wer­den Wi­der­sprü­che ge­gen­über der Po­li­tik der PKK in den Vor­der­grund ge­stellt, um eine Zu­sam­men­ar­beit mit jeg­li­chen kur­di­schen Lin­ken zu ver­mei­den.“ –

    … es lohnt sich mal die Unterstützerliste auf dem Solidaritätsblogs anzuschauen – dort ist unter anderem ein Großteil der deutschen, antizionistischen Schlägerlinke versammelt.

  4. 4 kritikerin 04. November 2011 um 12:49 Uhr

    Gibt es irgendwelche Fotos, etc. das es sich tatsachlich um graues wölfe gehandelt hat? behaupten kan das ja erste einmal jeder.

  5. 5 Max 04. November 2011 um 13:27 Uhr

    Vielen dank für diesen Artikel, ich fand es schade das in dem alten Bericht zwar Links zu den Medienberichten enthalten waren, die Berichte aber nicht hinterfragt wurden.

    @kritikerin
    Ich habe die Demonstration nicht gesehen, aber diese Demos waren in den anderen Städten (z.B. Berlin wo ein Kurdisches Café angegriffen wurde und mit Steinen und mindestens einem Messer geworfen wurde) voller MHPlern.

  6. 6 Worum geht es einigen hier eigentlich? 04. November 2011 um 17:10 Uhr

    Was die starke Sichtbarkeit von MHP-Fahnen und „Wolfsgruss“ angeht, stimmen die Berichte verschiedener Personen aus linksradikalen und antifaschistischen Zusammenhängen, die die Bremer Demo unabhängig von einander und zu verschiedenen Zeiten gesehen oder beobachtet haben, völlig überein.

    Unabhängig von der Frage der MHP-Beteiligung könnte aber zum Gesamtausdruck der Demo auch mal folgendes in Erwägung gezogen werden: Wenn den DemoteilnehmerInnen wirklich ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben kurdischer und türkischer Menschen am Herzen lag, weshalb waren dann nur (auch auf den spärlichen WK- und RB-Fotos) nur türkische Nationalfahnen zu sehen und nicht auch Fahnen mit den kurdischen Farben, oder gar Regenbogenfahnen etc. Die türkische Nationalfahne ist ja nicht nur Symbol einer Nation, sondern auch Symbol der bis heute fortgesetzten Unterdrückung ethnischer Minderheiten durch diese Nation.

    Auch braucht man sich nicht unbedingt zu fragen, weshalb Menschen, die angeblich ein ehrliches Interesse an einem friedlichen und gleichberechtigten Zusammenleben haben, sich nicht klar von Grauen Wölfen in ihren Reihen distanzieren, um der Frage nachzugehen, weshalb die TeilnehmerInnen dann nicht auch die Repression, den Rassismus und die Kriegspolitik des türkischen Staates in kurdischen Regionen anprangern, sondern einseitig nur „den Terror der PKK“.

    Dass die Demonstrationen im Zuge einer gross angelegten nationalistischen Mobilisierung organisiert wurden, bedeutet natürlich nicht, dass sämtliche TeilnehmerInnen autoritäre NationalistInnen, RassistInnen oder MHP-AnhängerInnen waren. Ihr Ziel erreichen die Demos allerdings gerade durch die Beteiligung vergleichsweise moderater Kräfte viel besser als wenn dort nur ein Haufen erklärter völkischer SektiererInnen marschiert wäre: Die Demo-TeilnehmerInnen wirkten bunt und modern, wer nur flüchtig hinsah oder sich nicht auskannte, musste die Grauen Wölfe nicht zur Kenntnis nehmen, Nationalfahnen stimmen hierzulande traditionsgemäß eher wenig nachdenklich, und auch die Berichterstattung in den Mainstreammedien unterstrich undifferenziert die angeblich friedlichen Zielsetzungen der Demos. Nun geht es in der Öffentlichkeit nur noch um den Terror der PKK, während der Terror der türkischen Regierung, des Militärs und der Polizei in den kurdischen Gebieten ausgeblendet wird. Als Teil einer nationalistischen Mobilisierung waren die Demos also erfolgreich. (Nebenbei bemerkt handelt es sich im aktuellen Fall beim „Terror der PKK“ um Angriffe auf Militärstellungen, bei denen ausschliesslich Soldaten zu Tode kamen, während bei den Vergeltungsbombardements des türkischen Militärs ZivilistInnen getötet wurden – womit ich nicht bestreiten will, dass auch die PKK in der Vergangenheit ZivilistInnen verletzt und getötet hat, aber mehr Trennschärfe bei der Verwendung des Terror-Begriffs wäre schon wünschenswert).

    Der Widerstand der kurdischen Bevölkerung hat sich in den letzten 10 Jahren von der PKK erfreulich emanzipiert und äußert sich in vielfältigen unabhängigen Strukturen vor Ort, die Dominanz der leninistischen Guerilla innerhalb des Widerstand ist durchbrochen auch wenn sie unbestreitbar nach wie vor nicht unwichtig ist. Die Frage der Selbstbestimmung der kurdischen Bevölkerung war noch nie mit der nach der PKK identisch. Wenn deutsche Linksradikale aber heute, in einer Zeit, in der emanzipatorische Prozesse innerhalb des kurdischen Widerstandes zunehmend Bedeutung gewinnen, die Debatte auf eine Positionierung pro/contra PKK reduzieren, während sie die Auseinandersetzung mit anderen Teilen des kurdischen Widerstandes bequemerweise ignorieren, ist das ziemlich absurd. Lasst uns mal aufwachen und mit der Gegenwart auseinandersetzen, statt die Konflikte der Vergangenheit künstlich am Leben zu erhalten, wenn die Geschichte sie schon überholt hat.

  7. 7 özgürlük 04. November 2011 um 23:49 Uhr

    Während die BRD versucht, die als periodische Ausbeutung gedachte kontrollierte Immigration von Arbeitskräften aus der Türkei heute als Multikulti aka Standortfaktor zu verkaufen, ist sie damit immer noch progressiver als emanzipatorische Gruppen auf BRD-Territorium. Die haben nämlich noch weniger Kontakt, geschweige denn kompromissbereite Haltungen zu kurdischen Gruppen als der VS.

    Integrationskurse für die dt. Linke!

    Wieso diskutiert ihr hier noch über An- oder Abwesenheit von MHP-Symbolen, wenn ihr ALLE unter „Kein Tag der Nation“ auf die Straße geht? Ey, die Fahnen selber sind nicht Problem genug? Von mir aus könnt ihr ja auch gegen türkische Staatsfahnen sein, weil die Türkei Verbindungen mit Palästina forciert. Auch wenn ich persönlich eher generell Fahnen problematisch finde. Aber dass weder das eine noch das andere zieht, ist schon traurig.

    SCHEISS auf die Unterstützungsliste auf „Tatort Kurdistan“ etc. !!

    Wenn DU was gegen Nationalfahnen, gegen Militarisierung, gegen Autokratismus, gegen Verdrängung von ländlicher Bevölkerung für die Interessen des Kapitals undundund hast, wo warst du am Wochenende?

  8. 8 Kara 05. November 2011 um 16:10 Uhr

    Ähnliche Disko wie hier findet auch woanders statt. Wens intressiert:
    http://linksunten.indymedia.org/de/node/48961
    http://de.indymedia.org/2011/11/319240.shtml
    Fotos und Kommentare zu Demos in Berlin und Stuttgart zeigen dass es da auch nationalistische Demos waren mit starker beteiligung von MHP und Bozkurts. Vor den Demos waren einige deutsche linke verwirrt weil Işçi Partisi (Türkische Arbeiterpartei) mit aufgerufen hat. Sie ist aber anders als andere linke türkische organisationen weil sie schon immer sehr nationalistisch und kemalistisch war. Sie wollen kein selbständiges Kurdistan, keine anerkennung von kurdischer sprache und Kultur. Es gibt ein verdacht dass sie mit Geheimdienst kooperiert.
    http://de.wikipedia.org/wiki/%C4%B0%C5%9F%C3%A7i_Partisi
    http://en.wikipedia.org/wiki/Workers%27_Party_%28Turkey%29
    http://linksunten.indymedia.org/de/node/48961#comment-33285

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