Geht die Quälerei weiter?

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Gutachter bescheinigt Kreiter Weltrang

Der Dauerstreit um die Affenversuche in Bremen spitzt sich zu. Uni-Professor Andreas Kreiter hatte, wie berichtet, im August dieses Jahres einen Antrag auf neue Versuche gestellt.

Seine jetzige Genehmigung läuft nach einem Gerichtsbeschluss am 30. November aus. Der neue Antrag soll bis 2014 gelten und einen Wechsel in den Versuchen bringen. Sie sollten sich von der bisherigen Grundlagenforschung hin zu stärkerer Anwendungsorientierung bewegen.

Die Ablehnung der Gesundheitsbehörde von Senatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will die Universität so nicht stehen lassen. Uni-Sprecher Eberhard Scholz kündigte am gestrigen Mittwoch an, dass in den kommenden Tagen ein Eilantrag bei Gericht gestellt werden soll, damit die Versuche vorerst fortgesetzt werden können. Die Uni klagt vor dem Oberverwaltungsgericht gegen die Stadt und beruft sich dabei auf die Freiheit von Forschung und Lehre. Ein Termin steht noch nicht fest. In erster Instanz war die Stadt unterlegen, aber in Berufung gegangen.

Kreiter forscht im Zentrum für Kognitionswissenschaften an der Universität seit 1997 in der Frage, welche Prozesse bei der Wahrnehmung im Gehirn ablaufen. Bei den Versuchen sitzen Makaken, die zu den Rhesusaffen gehören, über Stunden fixiert in einem Stuhl. Ihre Teilnahme am Versuch wird mit Trinkwasser belohnt, das ihnen ansonsten vorenthalten wird. Der Protest gegen die Forschung hält ebenfalls seit 15 Jahren an. Im März 2007 haben die Fraktionen in der Bürgerschaft den Ausstieg aus den Affenversuchen an der Uni beschlossen. Daraufhin erteilte die Behörde 2008 erstmals keine Genehmigung mehr. Das Verwaltungsgericht hatte allerdings im Juni 2010 die Ablehnung der Tierversuche durch die Gesundheitsbehörde aufgehoben. Kreiter konnte damit seine Versuche bis zum 30. November 2011 fortsetzen. Gleichzeitig hatte das Gericht das Ressort aufgefordert, zwei weitere Gutachten vorzulegen. Zum einen sollte damit geklärt werden, in welchem Maße die Makaken leiden.

Zum anderen sollte die Bedeutung der Forschung von Professor Kreiter noch einmal eingeordnet werden.

John P. Gluck, emeritierter Psychologie-Professor der University of New Mexico, kommt in seinem Bericht zu dem Schluss, dass die Makaken in der Skala zwischen „moderat und erheblich“ leiden. Er stützt damit die Behördenposition. Besonders den Wasserentzug der Tiere während der Experimente stuft der Gutachter als bedeutsam und sehr belastend ein. Dabei ist es nach Ansicht Glucks nicht zulässig, die Lebensverhältnisse der Affen in freier Wildbahn zum Maßstab zu nehmen und ihre Fähigkeit, im Zweifelsfall einen langen Zeitraum ohne Flüssigkeit zu überbrücken.

Dies sage nichts über das Leid aus. Der Wissenschaftler merkt dazu auch an, dass Makaken die Fähigkeit besitzen, Stress zu verbergen, um sich in der Gruppe nicht angreifbar zu machen. Gluck widerspricht damit der Einschätzung Andreas Kreiters, wonach die Affen nur in geringem Maße leiden.

Jon Richmond aus Schottland kommt allerdings zu einem Ergebnis, das der bisherigen Argumentation der Behörden zuwiderläuft. Richmond stuft die Forschungstätigkeit Kreiters als herausragend ein. Er bescheinigt der Forschung hohes Potenzial und weltweite Wahrnehmung.

Vier zusätzliche Affen im Einsatz

Als ein Maßstab, die Tätigkeit von Forschern zu ermessen, gilt der sogenannte Hirsch-Index. Dabei werden Zitierungen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft als Gradmesser für die Bedeutung der Forschung genutzt. Kreiters Forschung wurde 2010 mit einem H-Index von fünf bewertet. Im Vergleich zu anderen Neurowissenschaftlern in Deutschland ein niedriger Wert. Nikos L. Logothetis am Max Planck Institut in Tübingen kam zum selben Zeitpunkt auf einen Index von 22, Stefan Treue an der Uni Göttingen auf sieben und Wolf Singer am Max-Planck-Institut in Frankfurt auf neun. Alle forschen in verwandten, wenn auch nicht identischen Bereichen.

Richmond lässt diesen Index aber nicht gelten. Er stellt fest, Kreiters Veröffentlichungen würden „international stark beachtet“. Die Ergebnisse, die Richmond von Kreiter erwartet, würden künftige Forschung auf diesem Feld beeinflussen und hätten das Potenzial, über klinische Anwendungen hinaus einen Niederschlag zu finden. Richmond nennt die Behandlung von Epilepsie und der Parkinson-Krankheit. Richmond stuft Kreiter bundesweit – anders als der H-Index – wenigstens auf Rang zwei ein, international siedelt er den Hirnforscher in den besten zehn Prozent seines Fachgebietes an.

2010 waren noch vier neue Affen in die Versuche aufgenommen worden. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der grünen Abgeordneten Silvia Schön hervor. Insgesamt arbeitet Andreas Kreiter mit rund 20 Affen.

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