Tierversuche in HB-Nord

gefunden im Weser Kurier

Lerchl sieht keine Alternative zu Tierversuchen

Die aktuelle Debatte über die Affenversuche des Bremer Hirnforschers Andreas Kreiter hat die politische Diskussion auf den generellen Einsatz von Lebewesen an Hochschulen und Instituten gelenkt. 1358 Tiere wurden Senatspapieren zufolge 2010 in Forschung und Lehre verwendet und anschließend getötet. Auch in der Privatuniversität in Grohn wird an Tieren geforscht. Was genau passiert, erklärt Biologie-Professor Alexander Lerchl. Er untersucht seit Anfang 2000 potenziell schädliche Effekte von Hochspannungsleitungen, Mobilfunk und Haushaltsgeräten.

Ein strenger Geruch von Futtermittel und Streu führt zu den Räumen mit Ratten, Mäusen und Hamstern. Die Ratten sind neugierig, stecken die rosafarbenen Schnäuzchen durch die Stäbe. „Die Ratten sind lieb und duldsam“, sagt Lerchl, streichelt eine Albino-Ratte. Angst, gebissen zu werden, hat er augenscheinlich nicht.

120 Tiere nehmen am aktuellen Versuch teil. Lerchl will im Auftrag des Bundesamt für Strahlenschutz, kurz BFS, herausfinden, welche Auswirkungen Handystrahlen auf Kinder haben. Weil Kinder eine dünnere Schädeldecke haben als Erwachsene, gibt es die Sorge, dass Mobilfunkstrahlung die Entwicklung stört. Lerchl arbeitet deshalb in diesem Versuch auch mit Rattenbabys.

Ab ihrem 14. Lebenstag, noch vor ihrer Entwöhnung, werden die Ratten regelmäßig in die Versuchsröhren gesteckt. Ist die Ratte in der Röhre, verstopft ein Propfen den Ausgang. Während der Bestrahlung kann das Tier weder vor noch zurück. Die Strahlung trifft nur auf das Hirn. Sie sei mindestens doppelt so stark wie die handelsüblicher Handys. „Es kann sein, dass die Ratten erwärmt werden“, sagt Lerchl. Der Wissenschaftler geht aber davon aus, dass die Tiere den Temperaturanstieg nicht spüren.

Tumorwachstum bei Mäusen

Die Ratten wurden langsam an die Versuche gewöhnt. Lerchls technische Assistentin, Karen Grote, erläutert: „Die Ratten wurden erst nur für wenige Sekunden in die Röhre gesteckt, dann für ein paar Minuten.“Zunächst hätten sich die Tiere gewehrt. Sie hätten versucht, sich in der Röhre zu drehen.

Inzwischen würden die meisten während der Prozedur schlafen, meint Lerchls wissenschaftliche Mitarbeiterin, Melanie Klose. Das Team hat dennoch den Stress-Test gemacht: das Körpergewicht der Versuchstiere im Vergleich zu Artgenossen überprüft. „Maximal ein Prozent Unterschied“, hat Lerchl festgestellt. Die fetteste Ratte in der Abteilung soll fast 400 Gramm wiegen und ist damit ein echter Brocken.

Das Team prüft darüber hinaus, ob die Strahlung die Lernkurve der Ratten in verschiedenen Lebensphasen beeinflusst. Die Ratten werden beispielsweise in Labyrinthe gesteckt, in denen sie nach Zuckerkügelchen suchen. Bisherige Erkenntnis: Die Tiere seien weder cleverer noch dümmer als unverstrahlte Artgenossen. Der Versuch soll noch bis kommenden Herbst fortgeführt werden.

80 Prozent der Ratten sterben am Ende der zweijährigen Versuchsreihe eines natürlichen Todes. Sagt Lerchl. Der Rest wird getötet, schmerzfrei, wie der Professor betont. Dann beginnt bei Autopsien die Suche nach versteckten Tumoren.

Eine Alternative zu seinen Experimenten sieht Lerchl nicht. „An Zellen lassen sich keine Verhaltensexperimente machen.“ Ab Februar kommenden Jahres will er ebenfalls im Auftrag des BFS 400 Mäuse einsetzen. Ihnen soll ein Stoff verabreicht werden, der Krebs verursacht. Lerchl wird dann prüfen, ob die Mobilfunkstrahlung – wie bisher angenommen – das Tumorwachstum begünstigt. „Für solche Untersuchungen muss man genügend Tiere haben. Bei Gruppen von zwölf Tieren wären die Ergebnisse nichtssagend“, meint er.

Es sind mal mehr und mal weniger Tiere, die in Grohn verwendet werden. Es käme auf den jeweiligen Versuch an, berichtet der Professor. Die Tierversuchszahlen in der Hochschulforschung haben sich bei der Jacobs University nach Unterlagen des Senats denn auch nicht kontinuierlich entwickelt. Während 2002 vier Mäuse eingesetzt wurden, waren es 2003 mehr als 1000. 2004 kamen zu 628 Mäusen 39 Hamster und 52 Fische. 2010 wurde ausschließlich mit 453 Ratten geforscht.

Bei der Jacobs University werden lebende und eigens für diesen Zweck getötete Tiere aber nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Lehre eingesetzt. Die Privatuniversität bietet ihren Studenten keine tierverbrauchsfreien Alternativen an, wie das aktuell von den Bremer Grünen gefordert wird.

Ginge es nach Silvia Schön, wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen, würde die Hansestadt wie demnächst Mainz Studierenden eine Alternative zum Sezieren von Tieren bieten. „Uns ist ein tierverbrauchsfreies Studium ein zentrales Anliegen. Wir können auf keinen Fall hinter der Uni Mainz zurückstehen“, so Silvia Schön zu ihrer Antragsinitiative.

Langfristig will auch die SPD dafür sorgen, dass Tierversuche überflüssig würden. Das meint zumindest Sybille Böschen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Die derzeitige Forderung der Grünen geht ihrer Fraktion aber zu weit. Ganze Studiengänge würden unmöglich gemacht.

Alexander Lerchl hält die Präparation von Tieren für eine Grundvoraussetzung des Biologiestudiums. Er sagt: „Man kann keine Geige spielen, ohne, dass man sie anfasst.“ In der Zeit, in der die Studierenden in der Jacobs University Hamster präparieren, lernten sie viel: „Nach vier Stunden haben sie nicht nur ihre Scheu verloren, sondern Biss bekommen.“

kopiert aus dem Weser Kurier