Emma Goldman: Zur Aktualität ihrer Ideen

So 29.1. 16 Uhr | Kurzschluss

Emma Goldman war eine der wichtigsten öffentlich agierenden Anarchist_innen in den USA am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir wollen uns anhand von verschiedenen Textstellen gemeinsam grundlegend erarbeiten was Anarchismus für sie bedeutete und welche Ideen sie vertrat die Gesellschaft dahingehend zu verändern. Eine Geschichtsstunde wollen wir dennoch nicht machen: wie aktuell sind ihre Ansichten?

„Die Gemüter der Menschen sind in Verwirrung, denn die Grundlagen unserer Zivilisation selbst scheinen zu schwanken. Die Menschen verlieren den Glauben an die bestehenden Institutionen, und die Intelligenteren merken, dass die kapitalistische Wachstumsideologie eben den Zweck negiert, dem sie zu dienen berufen war.
Die Welt ist um einen Ausweg verlegen. Parlamentarismus und Demokratie sind im Verfall begriffen; man sucht sein Heil im Faschismus und anderen Formen „starker“ Regierungen.
Der Kampf gegensätzlicher Ideen, der zur Zeit in der Welt abläuft, impliziert soziale Probleme, die einer Lösung dringend bedürfen. Das Wohlergehen des Individuums, das Schicksal der menschlichen Gesellschaft hängen von der richtigen Antwort auf diese Fragen ab. Dazu gehören die Krisenmomente Arbeitslosigkeit, Krieg, Abrüstung, internationale Beziehungen usw.
Der Staat, die Regierung mit ihren Funktionen und Machtbefugnissen ist jetzt Gegenstand vitalen Interesses für jeden denkenden Menschen. Politische Entwicklungen in allen zivilisierten Ländern haben die Frage aufs Tapet gebracht: brauchen wir eine starke Regierung? Sind Demokratie und parlamentarische Regierung vorzuziehen oder ist der Faschismus der einen oder anderen Spielart, die Diktatur – ob monarchisch, bürgerlich oder proletarisch – die Lösung der Gebrechen und Schwierigkeiten, die sich heute in der Gesellschaft häufen? Mit anderen Worten, sollen wir die Mängel der Demokratie mit mehr Demokratie kurieren oder sollen wir die unlösbaren Probleme der Volksregierung wie den Gordischen Knoten mit dem Schwert der Diktatur zerhauen?
Meine Antwort ist: weder das eine noch das andere. Ich bin eben-so gegen Diktatur und Faschismus, wie ich parlamentarische Regimes und die sogenannte Demokratie ablehne.“

S. 63 in: Emma Goldman: Das Individuum, die Gesellschaft und der Staat, in dies.: Frauen in der Revolution, Karin Kramer Verlag, Berlin 1977

Themen ihrer Texte sind:
Wie sah sie die damalige Gesellschaft und was fand sie daran besonders problematisch? Was bedeutete im Gegensatz dazu Anarchismus für sie und wie sollte eine so organisierte Gesellschaft ihrer Meinung nach aussehen?
Welche Stellung nimmt das Individuum in ihrer politischen Philosophie ein und was denkt sie davon ausgehend über die Emanzipation von weiblich sozialisierten Menschen im Besonderen?
Und vor allem: Wie wollte sie die Gesellschaft dahingehend verändern?

Davon ausgehend wollen wir darüber reden an welchen Stellen ihre Sicht auf die Gesellschaft und auf die Möglichkeiten diese zu verändern nicht nur alt, sondern auch überholt ist und an welchen wir immer noch Antworten auf Fragen finden können die heute immer mehr Menschen beschäftigen: Wie wollen wir zusammenleben? Und wie kommen wir dahin? Und wenn manche der Möglichkeiten die sie sah um Veränderungen zu bewirken heute recht komisch erscheinen, wo sehen wir ausgehend von unser heutigen Lebensrealität Alternative Herangehensweisen?
Die Veranstaltung findet im Rahmen der „AnarchaFeministmus Reihe“ statt.