Aufruf: so radikal wie die wirklichkeit

Nachdem die alljährliche autonome 1. Mai Demo in Oldenburg im letzten Jahr aufgrund des Naziaufmarsches in der Bremer Neustadt ausgefallen ist, findet in diesem Jahr wieder eine autonome 1. Mai Demo mit dem Motto „so­li­da­ri­sie­ren, or­ga­ni­sie­ren, an­eig­nen – welt­weit! So ra­di­kal wie die Wirk­lich­keit!“ statt.

Hier der Aufruf von [regentied]

so­li­da­ri­sie­ren…
Seit 2008 be­fin­det sich der Ka­pi­ta­lis­mus in einer Krise – sie ist nicht die Erste und wird auch nicht die Letz­te blei­ben. Die Krise bringt mit äu­ßers­ter Bru­ta­li­tät zu Tage, was schon immer Be­stand­teil des Sys­tems Ka­pi­ta­lis­mus war: mas­si­ve Pri­va­ti­sie­rungs-​ und Spar­maß­nah­men ver­ur­sa­chen vor allem in Süd­eu­ro­pa die Ver­ar­mung brei­ter Be­völ­ke­rungs­tei­le. Ren­ten-​ und Lohn­kür­zun­gen, Ob­dach­lo­sig­keit, die Aus­wei­tung des Zeit­ar­beits­sek­tors und die damit ein­her­ge­hen­de Um­ver­tei­lung von unten nach oben sind nur ei­ni­ge der Fol­gen.
An­statt sich in ras­sis­ti­scher Ma­nier über die „Plei­te-​Grie­chen“ auf­zu­re­gen, müs­sen wir uns be­wusst wer­den, dass der Wohl­stand der Bun­des­re­pu­blik auch auf der Ver­schul­dung Grie­chen­lands fußt.
Es ist die­sel­be ka­pi­ta­lis­ti­sche Elite, die in Grie­chen­land Spar­pro­gram­me durch­drückt, Pro­tes­te nie­der­knüp­peln lässt und hier in der BRD Hartz IV-​Ge­set­ze ver­schärft. Wie sol­len wir die­ses Sys­tem je­mals ab­schaf­fen kön­nen, wenn wir nicht auf­hö­ren, uns ge­gen­sei­tig zu be­kämp­fen?

Diese Un­zu­mut­bar­kei­ten ken­nen wir je­doch nicht erst seit der ak­tu­el­len Krise, sie durch­zie­hen schon lange den All­tag Vie­ler. Sei es ein Wirt­schafts­sys­tem, das nicht das All­ge­mein­wohl, son­dern die Be­rei­che­rung ei­ni­ger We­ni­ger zum Ziel hat. Ein­schnit­te im Ar­beits­all­tag, Lohn­dum­ping, und die Un­si­cher­heit, ob mor­gen der ei­ge­ne Ar­beits­platz noch si­cher ist, sind für viele trau­ri­ge Rea­li­tät. Sei es die Spal­tung der Ge­sell­schaft in bes­se­re und schlech­te­re Men­schen, die zu Hause ge­nau­so zu spü­ren ist wie auf der Stra­ße oder am Ar­beits­platz. Wenn hier nicht-​wei­ße Men­schen ras­sis­ti­schen An­fein­dun­gen aus­ge­setzt sind oder Flücht­lin­ge in Sam­mel­un­ter­künf­ten auf dem ehe­ma­li­gen Flie­ger­horst leben und an­stel­le von aus­rei­chend Bar­geld zur Si­che­rung ihres Le­bens­un­ter­hal­tes le­dig­lich Wert­mar­ken be­kom­men.
Wenn Nazis mor­dend umher zie­hen und Ver­fas­sungs­schutz, Po­li­zei, Me­di­en und Po­li­tik so tun, als gäbe es kei­nen ras­sis­ti­schen Hin­ter­grund.
Wenn die NPD genug Stim­men be­kommt, um in den Stadt­rat ein­zu­zie­hen.
Wenn Frau­en we­ni­ger Geld für die glei­che Ar­beit er­hal­ten, in der Disco an­ge­glotzt und an­ge­grapscht oder im trau­ten Heim vom Ehe­mann ver­prü­gelt wer­den.
Wenn Frau­en­Les­benIn­ter­Trans*-​De­mos an­ge­grif­fen und Men­schen dabei ver­letzt wer­den.
Wenn Men­schen kei­nen Bock haben, sich als Lohns­kla­ven zu ver­din­gen und sich dann an­hö­ren müs­sen, dass sie So­zi­al­schma­rot­zer sind und von der ARGE drang­sa­liert wer­den.
Wenn ein Farb­an­schlag auf den jü­di­schen Fried­hof immer noch bit­te­re Rea­li­tät ist.
Wenn Ho­mo­se­xua­li­tät als ab­ar­tig oder krank­haft be­zeich­net wird.
Diese Auf­zäh­lung ließe sich lei­der noch um ein Viel­fa­ches er­wei­tern. Wenn die­sen Un­ge­rech­tig­kei­ten auch un­ter­schied­li­che Herr­schafts­ver­hält­nis­se zu Grun­de lie­gen, so gehen Ras­sis­mus, Ka­pi­ta­lis­mus und Pa­tri­ar­chat doch Hand in Hand und haben die Ab­si­che­rung der Herr­schaft einer wei­ßen, männ­li­chen Klas­se, die zudem noch über den Groß­teil der fi­nan­zi­el­len Mit­tel ver­fügt, zum Ziel. Alle, die nicht die­ser herr­schen­den Klas­se an­ge­hö­ren, sind auf un­ter­schied­lichs­te Art von die­sen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen be­trof­fen. Es liegt an uns allen, jedes die­ser Pro­ble­me zu er­ken­nen und uns, auch wenn es auf den ers­ten Blick nichts mit uns zu tun hat, mit den An­de­ren zu so­li­da­ri­sie­ren und die ein­zel­nen Kämp­fe zu­sam­men­zu­füh­ren. Das muss auch hei­ßen, die ei­ge­ne Stel­lung im Sys­tem zu hin­ter­fra­gen, ei­ge­ne Pri­vi­le­gi­en zu er­ken­nen und be­reit zu sein, sie ab­zu­ge­ben – zu Guns­ten einer Ge­sell­schaft, in der Men­schen nicht mehr un­ter­schied­lich viel „wert“ sein wer­den. Wir wer­den diese Miss­stän­de nur be­sei­ti­gen kön­nen, wenn wir ge­mein­sam gegen sie vor­ge­hen und zei­gen, dass wir uns nicht spal­ten las­sen oder auch nur einen die­ser Un­ter­drü­ckungs­me­cha­nis­men je­mals hin­neh­men wer­den.

or­ga­ni­sie­ren…
Der All­tag ist für die meis­ten Men­schen alles an­de­re als ein­fach. Um mit den Pro­ble­men nicht al­lein zu blei­ben und um die­sen Miss­stän­den laut­stark und ent­schlos­sen etwas ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen, müs­sen wir uns zu­sam­men­schlie­ßen. Dies ist oft gar nicht so ein­fach. Die Meis­ten sind in der Lohnar­beit ver­strickt, die zu viel Zeit und En­er­gie klaut. Viele haben Kin­der und ver­su­chen, sich so gut sie kön­nen um sie zu küm­mern. Schu­le, Stu­di­um oder Aus­bil­dung fres­sen eben­so einen Groß­teil der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit. Und wenn wir schon etwas Zeit er­üb­ri­gen kön­nen, wol­len wir es uns ja nun auch gerne ein wenig gut gehen las­sen. Manch­mal fällt es schwer, auf­zu­ste­hen, die ei­ge­ne Stim­me zu er­he­ben, Ak­tio­nen zu or­ga­ni­sie­ren, und den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen ins Ge­sicht zu spu­cken. So will also auch der Wi­der­stand gut ver­netzt und or­ga­ni­siert sein. Schü­ler_in­nen­ver­tre­tung, ge­mein­sa­me Kin­der­be­treu­ung, Voküs, Ar­beits­lo­sen­selbst­hil­fe und an­de­re For­men der ge­gen­sei­ti­gen Un­ter­stüt­zung und Bün­de­lung der ei­ge­nen Kräf­te sind hier ein ers­ter An­satz.

an­eig­nen…
Die Ent­wick­lung die­ser Ge­sell­schaft, die­ser Welt, zu einer, in der alle so­li­da­risch zu­sam­men­le­ben kön­nen, wird nicht rei­bungs­los pas­sie­ren. Haben doch na­he­zu alle Men­schen Pri­vi­le­gi­en, die sie ver­tei­di­gen wer­den. Ge­schenkt wird uns in die­sem Kampf nix. Des­halb müs­sen wir den Mut haben, uns zu neh­men, was uns so­wie­so ge­hört, um die Ver­tei­lung von Reich­tum ein Stück weit ge­rech­ter zu ma­chen. Wenn sich die Er­werbs­lo­se das viel zu teure Bio­b­rot nimmt, ohne es zu be­zah­len, dann nen­nen sie das Dieb­stahl. Wenn Frau­en­Les­benIn­ter­Trans* in Ol­den­burg nachts in der In­nen­stadt de­mons­trie­ren, um sich zu­min­dest kurz­fris­tig einen klei­nen Frei­raum von dum­men An­ma­chen und Pa­tri­ar­chat an­zu­eig­nen, dann nen­nen sie das Nö­ti­gung. Wenn Ju­gend­li­che, die wegen „Auf­wer­tung der Im­mo­bi­lie“ aus ihrer Woh­nung ge­flo­gen sind, sich Wohn­raum an­eig­nen, indem sie ein Haus be­set­zen, dann nen­nen sie das Haus­frie­dens­bruch. Wir nen­nen es An­eig­nung – und sehen darin einen klei­nen Schritt in Rich­tung gutes Leben für alle! Wir er­kämp­fen uns die­ses Leben, ob wir nun die öf­fent­li­chen Plät­ze in un­se­rer Stadt be­set­zen oder die Gren­zen um Eu­ro­pa nie­der­rei­ßen, um uns frei be­we­gen zu kön­nen. Zu klein soll­ten wir da nicht den­ken, denn am Ende soll ja schließ­lich nichts we­ni­ger, als eine be­frei­te Ge­sell­schaft für alle ste­hen, und zwar…

…welt­weit!
Auch wenn die Ge­ge­ben­hei­ten hier alles an­de­re als rosig sind, müs­sen wir uns vor Augen hal­ten, dass wir das Glück haben, in dem Teil der Welt zu leben, der einen ver­hält­nis­mä­ßig gro­ßes Maß an Wohl­stand und Si­cher­heit bie­tet. Und das nur, weil der glo­ba­le Nor­den, ins­be­son­de­re die gro­ßen In­dus­tri­e­na­tio­nen, seit Jahr­hun­der­ten ihren Reich­tum auf­recht­er­hal­ten kön­nen, indem sie den Süden aus­beu­ten. Erst funk­tio­nier­te dies durch ri­go­ro­se Ko­lo­nia­li­sie­rung und damit ein­her­ge­hen­der Un­ter­drü­ckung und Ver­kla­vung. Heute durch die wei­ter be­ste­hen­de wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung und Un­ter­stüt­zung von re­pres­si­ven Dik­ta­tu­ren und Olig­ar­chi­en. Diese sind Hand­lan­ger von Kon­zer­nen und Staa­ten des glo­ba­len Nor­dens, die die Be­völ­ke­run­gen aus­pres­sen, sich selbst be­rei­chern, das Land rau­ben und ohne Skru­pel die Natur zer­stö­ren las­sen. Des­halb gilt es auch und ge­ra­de hier den Mund auf­zu­ma­chen, um sich mit den Kämp­fen vor Ort zu so­li­da­ri­sie­ren! Wir haben kei­nen Bock, dass für den Kaf­fee den wir hier trin­ken, Men­schen auf den Plan­ta­gen ver­re­cken.

Alle, die wie wir für ein gutes Leben für alle kämp­fen wol­len, die kei­nen Bock mehr haben, wür­de­los am Exis­tenz­mi­ni­mum rum­zu­kreb­sen, die kei­nen Bock haben ih­re­m_r Ver­mie­ter_in jeden Monat die so­wie­so knap­pe Kohle in den Ra­chen zu wer­fen; alle, die genug davon haben, täg­lich auf dem A-Amt oder der Aus­län­der­be­hör­de schi­ka­niert zu wer­den, die kei­nen Bock mehr dar­auf haben immer nach der Laune ih­res­_r Vor­ge­setz­ten zu sprin­gen, die kei­nen Bock mehr haben, jeden Tag wahn­sin­ni­gem Leis­tungs­druck in Schu­le oder Uni aus­ge­setzt zu sein, rufen wir auf, mit uns am 1. Mai auf die Stra­ße zu gehen! Wir wol­len den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen etwas ent­ge­gen­set­zen und uns aktiv in die Pro­zes­se in Ol­den­burg ein­mi­schen. Und zwar so ra­di­kal, wie es die Wirk­lich­keit ver­langt!

Wann & Wo? 01. Mai | 13 Uhr | Kai­ser­str./Hbf Ol­den­burg, im An­schluss gibt es ein Stra­ßen­fest beim Al­ham­bra