Sandstein oder Glasfassade

Der fast fertige Neubau am Ziegenmarkt veranschaulicht unübersehbar, dass eine Mitbestimmung über die Nutzung des Ortes über eine „Bürgerbeteiligung“ hinaus nicht für Menschen möglich ist, die unmittelbar von den negativen Auswirkungen betroffen sind. Es ist dadurch ein weiteres Mal deutlich geworden, dass einzig und allein auf die Ästhetik Einfluss genommen werden kann. Die sozialen Konsequenzen, wie zum Beispiel Mieterhöhungen und damit einhergehende Verdrängung der ärmeren Menschen aus dem Stadtteil, wurden ohne Skrupel in Kauf genommen.

Entwicklungen im ehemaligen Szeneviertel
Im Viertel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schleichend aber stetig eine soziale Entmischung vollzogen. Es ist geblieben, wer das Geld dazu hat. Auch die Zeiten, in denen Alt-68er noch für eine gerechtere Verteilung von Eigentum und Besitz gestritten haben, sind hier lange vorbei – wie auch deren Ideale längst Geschichte sind. Stattdessen dient das Viertel heute den Konsum- und Profitinteressen vieler Menschen. Das sich aufdrängende Straßenbild ist voll von Gastro-Monokulturen, unterbrochen von Schickimicki-Läden für eine gutbetuchte Käufer*innenschaft. In diesem Sinne wird seit Längerem eine „Aufwertung“ in Konkurrenz zu anderen Stadtteilen betrieben. Dies trifft auch durchaus auf eine zahlungsfreudige Zielgruppe. Ein äußerst finanzstarkes Ökobürgertum hat nach und nach die Häuser aufgekauft und saniert. In der Folge stiegen die Immobilienpreise kontinuierlich, was für die Verdrängung sozial schwacher Milieus förderlich war, die dem Traum von ungestörter kleinfamiliärer Idylle weichen müssen.

Bremer Verhältnisse
Der Anstieg der Immobilienpreise ist dabei kein viertelspezifisches Problem. In allen innenstadtnahen Stadtteilen führt die Wertsteigerung des Immobilienbestands zu einem Anstieg der zu zahlenden Mietpreise. Desweiteren wird der Neubau von Wohnraum im hochpreisigen Segment durch konkrete Planungsprozesse der staatlichen Stadtentwicklung forciert.
Beispielhaft hierfür ist der Neubau von Wohnraum auf dem Stadtwerder, der Überseestadt und bald dem Hulsbergquartier. Demgegenüber steht ein Wohnungsmangel von ca. 7000 Wohnungen, insbesondere von Einzimmerwohnungen, im preisgünstigen Segment. Betroffen sind in erster Linie sozial schwächere Milieus. Der Leerstand von Räumen, die nicht zum Wohnen ausgeschrieben, aber geeignet sind, wie Büroflächen in der Innenstadt, verschärft das Problem zusätzlich.

Soziale Kontrolle
Historisch wurde eine Umstrukturierung städtischer Räume gezielt unter dem Gesichtspunkt vorgenommen, oppositionelles Handeln einer von Unterdrückung und Armut betroffenen Arbeiter*innenschaft und damit deren Widerstand zu verhindern. Auch in heutigen Stadtentwicklungskonzepten findet sich dieser Bestandteil, wird aber so nicht direkt benannt. Darin werden Straßen, Wege und Gebäude so geplant, dass Menschen besser kontrollierbar werden. Das ist Teil sich zunehmend autoritärer gestaltender Gesellschaftsverhältnisse, was sich z. B. in Form aggressiver „Ordnungshüter“, die „Störer*innen“ von der Straße prügeln, zeigt.

Auch wird alles daran gesetzt, die bestehenden gesellschaftlichen Alternativen des Zusammenlebens zu zerstören und das Entstehen neuer zu verhindern. Dazu gehören sowohl Bauwagenplätze, Kommuneprojekte, besetzte Häuser oder auch sonstige Freiräume für widerständiges Leben.

Wem gehört die Stadt?
„Das wahre Gesicht einer Stadt ist nicht der Regierungspalast und nicht die 5-Sterne Hotelbar plus Terrasse auf dem Dach, es ist eher das sogenannte bettelnde Pack und der Müll und die Ratten ganz tief unten im Schacht.“ (Lena Störfaktor)

Wohnungsnot, Vertreibung unerwünschter Gruppen oder rassistische Ausgrenzung passieren nie zufällig. Sie sind das Ergebnis struktureller Gewaltverhältnisse, aber auch Folgen des Gewaltmonopols eines neoliberalen Staates, in dem Profite wichtiger sind als Menschen und deren Lebensgrundlage. Viele Menschen akzeptieren und reproduzieren widerstandslos die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Eigentum und damit auch Unterdrückung und schlechte Lebensverhältnisse. Dabei befindet sich der entstehende Reichtum doch nur in den Händen eines kleineren Teils unserer Gesellschaft.

Eine andere Welt jenseits des Kapitalismus‘ gibt es nicht zu kaufen und schon gar nicht geschenkt. Auch entwickeln oder verwirklichen sich Ideen von einem herrschaftsfreien Leben nicht von allein. Von einer Stadt für alle sind wir offensichtlich noch sehr weit entfernt.

Aber damit müssen wir uns nicht abfinden – wir könnten zusammen kommen und gemeinsame Strategien entwickeln, mit denen wir die Kontrolle über unsere Leben der Fremdbestimmung entreißen. Dies ist nur möglich, wenn wir auch unsere eigene Rolle hinterfragen und Privilegien und Profitinteressen zu Gunsten einer gleichberechtigten Gesellschaft aufgeben. Eigentum wird uns dabei nur im Weg stehen und keine Hilfe sein!

Menschen brauchen keine Regierung, Gesetze und vor allem keine Stadtplaner*innen für ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben miteinander. Wir sind durchaus in der Lage, uns selbst zu organisieren und dabei unsere Bedürfnisse auf Augenhöhe zu verhandeln! Wir wollen ohne „Autoritäten“ selbst bestimmen, wie wir, wo wir & mit wem wir Plätze, Häuser und überhaupt alles nutzen, egal ob zum wohnen, arbeiten oder kulturell!
Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft in der wir unsere Abhängigkeiten selbst bestimmen! Für eine autonome Selbstorganisierung!
Für den Anarchismus!


2 Antworten auf „Sandstein oder Glasfassade“


  1. 1 gegen gedankliche Altbauten 27. April 2012 um 15:51 Uhr

    Wenn es im Viertel so schrecklich geworden ist, warum ziehen denn alle diesen Ort den vielen Plätzen vor, in denen mensch in Bremen ganz nahe mit den Proletarisierten und Deklassierten an Selbstbestimmung und -organisierung arbeiten könnte?
    Im gemütlichen Wohlstandskiez gegen Gentrifizierung wettern ist so durchschaubar beschränkt. Wer ist denn von dem Neubau „betroffen“? Weniger Sonne für die Friese-Dachterrasse? Ihr habt echt Fun-Sorgen…
    Kein Schwein im schicken Szene-Viertel hat sich vor 10 Jahren für die Kämpfe der Menschen in Tenever für erträglicheren Wohnraum interessiert und genauso wenig tut ihr das heute, wenn immer nur versucht, die Probleme anderer auf die eigene privilegierte Situation zu übertragen, anstatt mit den Betroffenen in Kontakt zu gehen.
    Da helfen auch große Zusammenhänge und große Worte im Abspann nicht – die Show ist eine echte Lachnummer.

  2. 2 franz 29. April 2012 um 10:48 Uhr

    Hab einen absatz gelesen..dann eingeschlafen.. hat der*ie autor*in

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.