Proteste gegen neoliberale Stadtumstrukturierung am Ziegenmarkt

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Um den 26.4. gab es im Vorfeld, wie am Tag selbst, verschiedene Protestaktionen am Ziegenmarkt und an anderen Orten im Bremer Stadtteil „Das Viertel“. Die Kritik galt u.a. der profit-orientierten Stadttumstrukturierung, die von Regierenden und Geschäftsleuten besonders vorangetrieben wird.

Es wurde sich nicht auf einen Bremer Stadtteil beschränkt, sondern dieser Problematik grundlegend Öffentlichkeit verschafft. Die Folgen solcher städtebaulicher Veränderungen wie Wohnungsnot, Verdrängung ärmerer Milieus aber auch von Subkulturen sowie das Stören und Verhindern eines Lebens jenseits von (Ver)kaufsinteressen wurden dabei thematisiert.

Am Bremer Ziegenmarkt steht ein „Neubau“ kurz vor der Fertigstellung. Seit Bekanntwerden der fertigen Baupläne sorgte dieser nicht nur für kritische Diskussionen unter den Anwohner_innen und in der Bremer Öffentlichkeit, sondern auch für viel Unmut bei den Subkulturen vor Ort.

Mit einer „Bürgerbeteiligung“ zur Gestaltung der Fassade wurde versucht möglichst schnell wieder „Ruhe“ einkehren zu lassen. Erfolg hatte das bei einem größeren Teil der Protestierenden aus dem bürgerlichen Spektrum.

Das gegenüberliegende Jugendzentrum „Die Friese“ hatte am Anfang kritische Transparente aufgehängt. Es wurde erfolglos versucht, mit dem „Bauherrn“ über Schall/Lärmschutz für die zukünftigen Nachbarn zu verhandeln. Wegen regelmäßigen Bandproben und vielen Konzerten wird dort schon an einen Konflikt und an eine nicht unwahrscheinliche Vertreibung gedacht.

Trotzdem sprachen unzählige nächtliche Besuche auf der Baustelle eine deutliche Sprache. Mit vielfältigen Aktionen und gezielter Sabotage, zum Beispiel großzügiger Umverteilung von Baumaterialien, leisteten viele Menschen Widerstand.

Ohne eine 24h-Bewachung der Baustelle von mehreren Securitymännern, schien eine Fertigstellung der Baustelle zwischenzeitlich nicht möglich. So sorgte „Ziegenmarkt 21“ auch weiter für viel Gesprächsstoff unter den Bremer_innen, auch wenn die Presse davon keine Notiz mehr nahm. Öffentlich werben wollte nur noch der Rewe mit Roten Werbebannern am Gebäude, dass er hier für seine Kund_innen neu baue.

Mit der Eröffnungsfeier der Supermarktkette „Rewe“ stand nun am 26.4 das erste Lebenszeichen in diesem unbeliebten Klotz und Symbol für Stadtplanung von „oben“, ohne die Berücksichtigung nicht konsumorientierter Bedürfnisse, an. Dafür, und für den Fall von Störungen war der Markt überdurchschnittlich gut vorbereitet, es wurden keine Kosten und Mühen gespart.

http://endofroad.blogsport.de/2012/04/24/grosse-eroeffnung-des-rewe-supermarktes-am-ziegenmarkt/

Vor dem Eingang hatte das „Rewe Aktions Team“ einen Stand aufgebaut,

in dem eingerahmt in Luftballons und sonstigem Werbematerial ein Drehrad für Kinder aufgestellt war. Zu gewinnen gab es unter anderem Blumenketten in Deutschlandfarben und Deutschlandfähnchen. In der Eingangstür standen, mal draußen mal drinnen, 2-3 Securitymänner, die reingehende Menschen begutachteten und dies an Ihre 7-10 Kollegen im Inneren weitergaben. So war zusammen mit ca. 20 Rewe-Mitarbeiter_innen vorübergehend fast mehr „Personal“ als konsumfreudiges Publikum anwesend. Zusätzlich sprach sich im Vorfeld herum, dass Angestellte besonders geschult wurden, um mögliche Proteste zu unterbinden.

Schon im Vorfeld haben „autonome Gruppen“ entlang des Ostertorsteinwegs und Vor dem Steintor, sowie in einigen Nebenstraßen viele bunte Plakate (siehe Bilder) geklebt. Auf diesen war nicht nur eine radikale Kritik der innerstädtischen Verhältnisse zu lesen, es wurde auch der Prozess der „Stadtaufwertung“ und das „Unternehmen Stadt“ in Verknüpfung mit einer Kritik an der bestehenden Ordnung und Herrschaft angedeutet. Mit dem Aufruf zu Besetzungen („Häuser besetzten statt teure Mieten!“) und dem befürworten von direkten Aktion („Scherben bringen Glück!“) wurde sich auch für militantes Handeln positioniert.

Dazu: http://endofroad.blogsport.de/2012/04/26/chaoten-vogel-und-ein-sixpack-b…

Am 26.4. wurden den Tag über im Viertel Flugblätter verteilt. Unter dem Titel „Stadt Für Alle?“ informierte es umfangreich zur Thematik der momentanen Stadtentwicklung. Dies beinhaltete kleinere historische Bezüge und eine kurze Beschreibung der Bremer Verhältnisse. Eine weitere Erwähnung im Text fand auch, ein schon in der Planung befindliches größeres stadtplanerisches Vorhaben, das „Hulsbergquartier“. Dort wiederholt sich gerade in großem Stile, was in vielen Städten seit Jahren bei neoliberaler Stadtentwicklung schief geht. „Neubau von Wohnungen im hochpreisigen Segment“ der Wohnungswirtschaft und dann kein Platz für Menschen mit wenig oder ohne Einkommen. Schliessen tut das Blättchen mit einer kurzen Positionierung aus autonomer, anarchistischer Sicht.

Der komplette Text: http://endofroad.blogsport.de/2012/04/27/sandstein-oder-glasfassade/

Es ging das Gerücht herum, dass gegen 15 Uhr ein Flashmob im Rewemarkt stattfinden sollte. Als es soweit war, sammelten sich auch einige neugierige auf dem Ziegenmarkt. Es wurde Musik mit gebracht, Bier getrunken, sich unterhalten und aus sicherer Entfernung das merkwürdige Treiben vorm Markteingang betrachtet. Zu der kleinen Ansammlung gesellten sich auch wenn mit etwas Abstand einige Herren der Polizei, in Uniform und in Zivil mit Auto. Sichtbar nervöser brachte sich das Sicherheitsaufgebot des Rewe-Marktes verstärkt in Stellung. Die kostenlose Umverteilung von Waren an die anwesenden Menschen blieb leider aus. Aber mal im Ernst – wer glaubt denn, dass während der Eröffnungsfeier eines Einkaufsmarktes die große soziale Revolte ausbricht und den Kapitalismus vernichtend schlägt?

Ab 16 Uhr dann spontan ein Straßenmusiker mit einem Akkordeon, erst an der Ecke Fehrfeld/Vor dem Steintor und später am Ziegenmarkt unterwegs. Dieser nutzte sich und sein Instrument als Aktionsform und trat weit über das Spielen seiner radikalen Lieder hinaus, mit den Vorbeilaufenden und Herumstehenden in Kontakt. Am Ziegenmarkt versuchte dann das „Rewe Aktions Team“ durch Lauterdrehen ihrer Musikanlage, dem ausschließlich mit akustischen Mitteln ausgestatteten Aktivisten die Show zu stehlen. Dazu kam noch Verstärkung aus dem Inneren des Marktes. Es half ihnen allerdings nicht, da sie in die Performance mit eingebaut wurden, so dass alle Umstehenden sehen und hören konnten, was dort gerade passiert.

Nach einigen Wortwechseln löste sich die Situation auf und vor dem Markteingang wurde es leerer. Durch die Aktion wurde auf künstlerische Weise veranschaulicht, wie mit Menschen umgegangen wird, die nichts kaufen wollen oder können – sie werden vertrieben.

Gegen 18 Uhr gab es Bewegung und es strömten viele Menschen mit Instrumenten und sonstigem Equipement herbei, und bauten ein Konzert auf dem Ziegenmarkt auf. Ein Transparent wurde aufgehängt, auf dem zu lesen war, das Jugendzentrum „Friese“ will so bleiben, wie es ist. Darauf wurde eine die Tage zuvor veröffentlichte Pressemitteilung des Jugendzentrums zur eigenen Situation verlesen. Es sammelten sich im Verlauf ca. 80 Leute. Während dessen wurden Flugblätter verteilt und es fanden viele angeregte Gespräche mit dazukommenden Menschen statt. Die Polizei tauchte mit 2 Streifenwagen auf und schaute dem Treiben bis zum Ende zu, ohne in das Konzert eingreifen, fing aber an, die Verteiler_innen der Flugblätter zu belästigen.

Abschließend bleibt nur noch zu sagen: Für Bremer Verhältnisse ein vielseitiger, ereignisreicher Tag und gerne öfters Konzerte ohne Anmeldung im „öffentlichen“ Raum, ohne festen Eintrittspreis.

Aber vor allem :

… auch Bremen braucht 1, 2, 3, 4, … und mehr Autonome Stadtteilzentren und auch hier reicht ein Stück vom Kuchen nicht aus, es ist wichtig sich die Ganze Bäckerei anzueignen!

Quelle: linksunten.indymedia.org


2 Antworten auf „Proteste gegen neoliberale Stadtumstrukturierung am Ziegenmarkt“


  1. 1 SCHÖN 30. April 2012 um 23:55 Uhr

    Da ist ja doch gar nicht so wenig gelaufen…
    Schön, schön!

  1. 1 …immer diese Autonomen… « end of road Pingback am 24. Mai 2012 um 19:44 Uhr
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