kopiert aus dem Weser Kurier
Suche nach Spuren der Zwickauer Zelle
Seit im November 2011 plötzlich klar wurde, dass eine rechte Terrorgruppe jahrelang in der Bundesrepublik unerkannt morden und Straftaten begehen konnte, kommen auch in Bremen alle unaufgeklärten Verbrechen erneut auf den Prüfstand. Die „EG-Trio“ kämpft sich seit Januar durch durch eine Flut von Akten.
Am 4. November 2011 erbeuten zwei Bankräuber in einer Sparkasse in Eisenach 70000 Euro. Die Polizei leitet eine Fahndung nach dem Duo ein, errichtet Straßensperren und setzt einen Hubschrauber auf der Suche nach den Tätern ein. Wenige Stunden später erschießen sich die zwei Bankräuber in einem Wohnmobil in Eisenach. Am frühen Nachmittag zerstört eine gewaltige Explosion ein Haus in Zwickau-Weißenborn, in der die beiden Täter bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit ihrer Komplizin gewohnt hatten. Beate Zschäpe stellt sich vier Tage später der Polizei in Jena. Bei den toten Bankräubern finden die Beamten mehrere scharfe Waffen, darunter auch die Dienstpistolen einer 2007 in Heilbronn getöteten Bereitschaftspolizistin und ihres schwer verletzten Kollegen.
Andreas Weber, Leiter der Bremer Kriminalpolizei, kann sich noch genau an den Tag erinnern, als klar wurde, dass Beate Zschäpe zu einer terroristischen Vereinigung gehört und mindestens zehn Morde auf das Konto des Zwickauer-Trios gehen: Acht türkischstämmige Männer, ein Grieche und eine 22-jährige Polizistin. Außerdem ein Nagelbombenattentat in einer von Migranten bewohnten Kölner Straße (2004) und eine Explosion in einem Lebensmittelgeschäft in Köln (2001): „Die Erkenntnis war ein Schock für alle zuständigen Behörden in denBundesländern.“
Die Zwickauer Zelle hatte jahrelang rauben und morden und Dutzende von Menschen verletzen können, ohne das die politische Dimension dahinter erkannt wurde.
Noch im November 2011 beginnt der Bremer Staatsschutz mit ersten Ermittlungen. Seit Januar hat eine elfköpfige Ermittlungskommission mit dem Namen „EG-Trio“ ihre Arbeit aufgenommen. Außerdem stellt die Bremer Polizei zwei Sachbearbeiter für das Gemeinsame Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus (GAR) mit Sitz in Köln und Meckenheim und einen Verbindungsmann zum Bundeskriminalamt.
Ein Berg von Ermittlungsarbeit
Bereits Mitte Dezember nahm das GAR seine Arbeit auf. „Es gilt ein riesiges Spurenaufkommen zu analysieren und zu bewerten“, sagt Thomas Renken, Abteilungsleiter beim Bremer Staatsschutz. Gesucht werden weitere Taten bundesweit, die nicht aufgeklärt oder womöglich von den Behörden dem falschen Milieu zugerechnet worden sind. „Vielleicht gibt es noch eine andere Serie des Trios und seiner Unterstützer, die wir in der Bundesrepublik nicht entdeckt haben“, gibt Weber zu bedenken.
Überall, so auch in Bremen, stehen die Ermittler vor einem Berg von Arbeit: In einem ersten Schritt gleichen sie seit Januar knapp 5000 schwere Straftaten mit Parametern ab, die sich aus den Ermittlungen gegen die Zwickauer Zelle ergeben hatten: Zum Beispiel Wohnhäuser, Namen, Autokennzeichen oder Telefonummern. Dazu ging die Ermittlungskommission-Trio bis zum Jahr 1990 zurück. Die Beamten untersuchten Raubtaten, Banküberfälle und Tötungsdelikte. Ergebnis: „Bei keiner der Straftaten gab es nach unserem bisherigen Ermittlungsstand Bezüge zur Zwickauer Terrorzelle“, so Kripochef Weber.
Schwieriger wird es mit Phase Zwei. Dabei sollen alle versuchten und vollendeten Tötungsdelikte in Bremen, die nicht aufgeklärt werden konnten, erneut auf einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund hin überprüft werden. Seit 1990 sind dies rund 90 Fälle. Hinzu kommen noch die Straftaten, in denen es zwar Tatverdächtige gab, aber es nicht zu einer Verurteilung reichte. „Die Akten müssen wir uns alle per Hand angucken“, sagt Renken. Ein Expertenteam des GAR entwickelt derzeit Parameter, mit denen alle eingesetzten Ermittlungsgruppen bundesweit die Tausenden von Akten über unaufgeklärte Schwerverbrechen in den letzten 20 Jahren durchforsten können.
Doch es gibt noch mehr Phasen, die auf die Bremer EG-Trio und ihre Kollegen in den anderen Ländern zukommen: Nach Angaben des Verfassungsschutzes leben in Bremen und Bremerhaven 150 Rechtsextreme. 30 von ihnen gelten als potenziell gewaltbereit oder gewalttätig. Hinzu kommen allein 20 Neonazis aus Norddeutschland, die nach Angaben des Bundesinneminsteriums untergetaucht sind. Gegen sie gibt es vollstreckbare Haftbefehle. Einer von ihnen lebte vor Jahren in Bremen.
Wer im Untergrund lebt, braucht Geld. Viel Geld sogar. Und so müssen die Beamten zusätzlich alle nicht aufgeklärten Banküberfälle und Raubtaten auf Geldtransporter seit 1990 überprüfen. Auf ihrer Liste stehen zudem unaufgeklärte Sprengstoffdelikte und Fälle von schweren Körperverletzungen.
Angesichts der Flut von Altfällen macht Kripochef Andreas Weber keinen Hehl aus seiner Befürchtung: „Das könnte uns absorbieren.“ Irgendwann müssten sich die Ermittler fragen, wie viel Energie sie in die Rückschau stecken wollten und wie viel in aktuelle Fälle. Weber: Derzeit steht jedoch für uns fest, das muss so gemacht werden. Die Anstrengungen sind alternativlos.“
Quelle: Weser Kurier
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