„Freizeitheim hat Angst vor neuen Nachbarn“

kopiert aus dem Weser Kurier

Vor wenigen Tagen haben Unbekannte Farbbeutel auf die neue weiße Fassade eines umstrittenen Bauprojektes am Ziegenmarkt geworfen und „Yuppies verpisst euch“ mit gelber Farbe an die Wände gesprüht. In das neue Gebäude ziehen ab Juni die ersten Mieter in die 24 Wohnungen ein. Im Bremer Viertel stehen viele Bewohner dem Bauvorhaben skeptisch gegenüber. Die Leiter des benachbarten Jugendfreizeitheims „Friese“ finden jedoch diese Art des Protests unpassend. Sie suchen andere Wege, um ihre Zukunftssorgen zu vermitteln. Sie wollen verhindern, dass sich die Jugendeinrichtung wegen Lärmbeschwerden der neuen Nachbarn stark einschränken oder sogar schließen muss.

„Die Polizei hat uns keine große Hoffnung gemacht“, sagt Markus Mennerich. Der Bauleiter des umstrittenen Projekts hat Anzeige gegen Unbekannt wegen der Farbbeutel erstattet. Warum die Täter mit Rot, Grün und Gelb das fast fertige Haus am Ziegenmarkt attackiert haben, kann er sich nicht erklären. Bereits in den Tagen vor der Wiedereröffnung des Rewe-Marktes in dem Gebäude Ende April, haben Unbekannte im Viertel Plakate geklebt, auf denen zu lesen war „Saubere Wände = höhere Mieten“ und „Verdrängt euch doch selber! Yuppies verpisst euch!“

Ortsamtsleiter: Haus in Ruhe lassen

Der Ortsamtsleiter Robert Bücking findet deutliche Worte für die Wandzettel-Kleber und Farbbeutel-Werfer. „Die sollten mal ein bisschen weiterdenken und mit diesem Blödsinn aufhören.“ Die Angst vor einem Verdrängungseffekt durch Besserverdienende kann er nicht nachvollziehen: „Es ist zynisch, das Vorhandensein von Dreck, Drogen und Lärm zur Bedingung für niedrige Mieten zu machen.“

Es sei an der Zeit, das Haus in Ruhe zu lassen, schließlich erfülle es mit dem Supermarkt und künftigen Arztpraxen eine wichtige Funktion für das Quartier. „Und spätestens, wenn die neuen Bewohner dort eingezogen sind, und sich selbstbewusst in das Viertelleben einbringen, werden auch die Letzten zur Vernunft kommen“, hofft Bücking.

Polizei hat Ziegenmarkt im Blick

Die Polizei ist in jedem Fall vorgewarnt. Bereits zur Eröffnung des Supermarktes waren mehrere Streifenwagen vor Ort. „Wir haben die Situation im Blick, aber wir gehen davon aus, dass ein friedliches Nebeneinander aller Beteiligten möglich ist“, sagt Polizei-Sprecherin Franka Haedke mit Blick auf den Einzug der Mieter. Schließlich wüssten die neuen Bewohner ja, worauf sie sich eingelassen hätten, fügt sie noch an.

Doch gerade in diesem Punkt sind sich die Verantwortlichen des Jugendfreizeitheims Friesenstraße („Die Friese“) nicht so sicher. Die Geschäftsführer des Trägervereins fürchten, dass einige der neuen Nachbarn keine Ahnung von der Existenz des Jugendfreizeitheims Friese direkt vor ihrer Haustür hätten.

„Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Musik- und Medienförderung, zusätzlich haben wir eine Fahrradwerkstatt, die im Innenhof einmal in der Woche Krach macht“, erklärt Holger Lauster.

Um auf diesen Umstand hinzuweisen, hängt ein gelbes Banner an der Friese, das bei jeder Wohnungsbesichtigung auf der anderen Straßenseite, nicht zu übersehen ist: „Hier proben 25 Bands – sieben Tage die Woche – 50 Konzerte im Jahr – Herzlich willkommen.“

Schallschutz für neue Nachbarn

Was die einen unter Aufklärungsarbeit verstehen, sieht Bauleiter Markus Mennerich als Provokation. Deshalb gibt es nun auch für das Freizeitheim keine Schallisolierung, die der Bauherr bereits in Aussicht gestellt hatte. Anstatt dessen sind nun die Fenster der neuen Wohnungen schallgeschützt.

„Damit wollen wir den Befürchtungen der Freizeitheim-Verantwortlichen Rechnung tragen“, so Mennerich. „Wir haben zusätzlich vereinbart, dass in den Mietverträgen eine Klausel steht, dass unser Jugendfreizeitheim so akzeptiert wird wie es ist“, so Michael Quast aus der Friese-Geschäftsführung. Ob diese auch umgesetzt werde, weiß er bislang nicht sicher. Markus Mennerich wollte sich der Presse gegenüber nicht zu internen Absprachen äußern. Quast verweist auf die Erfahrung an vielen anderen Orten in Bremen, an denen bereits einzelne Personen mit ihren Beschwerden die Handlungsfähigkeit von Jugendeinrichtungen stark eingeschränkt hätten.

„Es muss auch noch Orte in der Stadt geben, an denen Jugendliche laut sein dürfen“, so Quast. Robert Bücking sowie der Beirat Mitte wollen weiterhin zwischen den verschiedenen Interessengruppen vermitteln. „Bei dem ersten größeren Konzert der Friese, haben wir mit allen Beteiligten ein Treffen in einer der neuen Wohnungen verabredet, um zu hören wie viel Lärm dort ankommt“, sagt Bücking. Eines sei jedoch klar: „Gegenseitige Rücksichtnahme ist immer gefragt in einem Kiez, in dem Menschen zugleich arbeiten, sich amüsieren und wohnen wollen.“

kopiert aus dem Weser Kurier

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