„Überfall auf Jugendzentrum wirft Fragen auf“

kopiert aus dem Weser Kurier

Im September 2011 verurteilte das Amtsgericht Bremen sieben rechte Hooligans zu Geldstrafen, weil sie politisch linksorientierte Werder-Fans im Ostkurvensaal des Weserstadions überfallen hatten. Politiker und Fanvertreter kritisierten das Urteil als wenig abschreckend. Ihre Meinung könnte sich nun bestätigen: Unter den Verdächtigen, die am Sonnabend ein Wunstorfer Jugendzentrum überfallen haben sollen, sind nach Recherchen des WESER-KURIER zwei der verurteilten Ostkurvensaal-Schläger. Sie sollen zuvor ein Regionalliga-Spiel in Essen besucht haben.

Die Fäuste geballt, die Arme hochgestreckt setzten sich Anhänger der rechtsextremen Schlägertruppe „Nordsturm Brema“ am vergangenen Sonnabend im Essener Stadion in Szene. Sie waren zum Saisonabschlussspiel des Regionalligisten Rot-Weiß Essen an die Ruhr gereist. Die meisten trugen einschlägige Szeneklamotten, auf vielen Shirts prangte der Schriftzug „Nordsturm Brema“ – genau wie auf der Fahne, die die Werder-Hooligans im Stadion ausrollten.

Die einschlägig bekannten Gewalttäter unter ihnen tummeln sich zunehmend bei Spielen niedrigerer Ligen, weil für die Bundesliga-Arenen gegen viele von ihnen Stadionverbote verhängt wurden. So wie gegen den 27-jährigen Mirco H. aus Weyhe und den 29-jährigen Gerhardus B. aus Bremen. Die beiden waren nach Informationen dieser Zeitung am Essener Stadion mit von der Partie. Ihre Stadionverbote hatten sie kassiert, nachdem das Amtsgericht Bremen sie und fünf weitere rechte Werder-Hooligans im September 2011 für schuldig befunden hatte, Gäste im Ostkurvensaal des Weserstadion überfallen und zum Teil schwer verletzt zu haben. Ihre Opfer gehörten der politisch links orientierten Ultra-Gruppe „Racaille Verte“ an.

In Wunstorf traf die Gewalt mutmaßlicher Werder-Hooligans am vergangenen Wochenende keine Bremer Ultras, sondern 14 bis 27 Jahre alte Gäste einer Techno-Party. Lediglich das Jugendzentrum, in dem diese feierten, bietet laut Verfassungsschutz unter anderem Veranstaltungen einer linksextremen Gruppe Raum.

Mindestens 20 Hooligans hätten die Partygäste angegriffen, berichtet ein Sprecher des Jugendzentrums. Zeugen hätten unter den Angreifern auch Michael S. ausgemacht, berichtet der Sprecher weiter. Michael S. war zeitweise stellvertretender Landesvorsitzender der rechtsextremen NPD in Bremen, auch in der Bremer Neonazi-Kameradschaft „Backstreet Skinheads“ mischte er mit.

Dass NPD-Funktionäre als Fußballschläger auftreten, wäre nicht ungewöhnlich: Nach Informationen dieser Zeitung reiste auch der 31-jährige Neonazi Daniel F. aus Dörverden im „Nordsturm Brema“-Shirt nach Essen. Für die NPD saß Daniel F. bereits in Dörverdens Gemeinderat, er hatte es zum Vorsitzenden der radikalen NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ in Niedersachsen gebracht.

„Wo sind die Antifas?“ sollen die Angreifer gebrüllt haben, als sie die Partygäste in Wunstorf überfielen. „Antifas“ steht für Antifaschisten und wird in der links- und rechtsextremen Szene als Synonym für Linksextremisten verwendet. Dennoch kann die Polizei Hannover kein politisches Motiv für den Überfall erkennen. „Das sind bedenkliche Parallelen zum Ostkurvensaal-Überfall“, sagt dagegen Thomas Hafke vom Bremer Fanprojekt. „Auch damals haben Justiz und Polizei die politische Dimension der Tat nicht genügend wahrgenommen.“ Eine politische Bewertung ist laut Hafke nicht nur für das Strafmaß wichtig, sondern vor allem für die Opfer. Ähnlich sieht das die Bremer Linken-Vorsitzende Kristina Vogt. Sie nennt die Ähnlichkeit zum Ostkurvensaal-Überfall „frappierend“ und sieht ihre Kritik am milden Urteil bestätigt: „Die Neonazis durften sich durch ihre Erfahrungen mit der Bremer Justiz sogar noch ermutigt fühlen, häufiger und heftiger zuzuschlagen.“

kopiert aus dem Weser Kurier