Kontraste über Markus Privenau

Politisch naiv – Wie ein Familiengericht eine ausgestiegene ehemalige Rechtsextremistin enttarnt

Tanja P. ist vor Jahren aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen. Sie bekam für sich und ihre Kinder eine neue Identität, um sie vor ihrem Ehemann und den alten Kameraden zu schützen. Dennoch hat jetzt das Oberlandesgericht Dresden angeordnet, dass der Vater, immer noch ein aktiver Rechtsextremist, seine Kinder regelmäßig sehen darf.

Dass die Gefahren durch Rechtsextremismus von den Behörden in Deutschland jahrelang unterschätzt wurde, wissen wir spätestens seit dem NSU-Debakel. Jetzt streiten sich alle darüber, wie sich die Verfassungsschutz-Behörden der Länder besser wappnen können, um mit diesem Problem fertig zu werden. Was dabei offenbar übersehen wird: Auch die Justiz ist mitunter auf dem rechten Auge ziemlich blind. Ursel Sieber und Axel Svehla.

Tanja Privenau möchte nicht erkannt werden. Die 41jährige hat dafür gute Gründe. Lange Zeit war sie Funktionärin in der militanten Neo Nazi Szene. Sie war Führerin der Kameradschaft Hannover Hildesheim, Mitglied der freien Nationalisten und mischte bei der Wiking Jugend mit, eine überzeugte Nationalsozialistin – genauso überzeugt wie er: Markus Privenau. Er war ihr Kampfgefährte und Ehemann und Vater ihrer Kinder. Markus Privenau, hier bei einer Gerichtsverhandlung, ist heute noch ein fanatischer Aktivist – doch anders als er stieg seine Frau Tanja Privenau aus der rechten Szene aus.

Tanja Privenau
„Es ist für mich wie so ein schleichender Prozess gewesen. Es kam natürlich die häusliche Gewalt, aber auch die Gwalt insgesamt in der Nazi-Szene, gerade auch die Gewalt den frauen gegenüber, aber auch der Druck und Drill den Kindern gegenüber in dieser Nazi-Szene, wie geht man mit den Kindern um, wie werden die gedrillt, auf den bewaffneten Widerstand.“

Im Jahr 2005 brach sie mit der Neo Nazi Szene. Verfassungsschutz und Landeskriminalamt halfen ihr, sich aus dem Kreis von Gewalt und Einschüchterung. Sie zog mit einem neuen Namen in ein anderes Bundesland. Doch ihren Neuanfang werteten die Kameraden von einst als schlimmen Verrat. Vor allem er: Markus Privenau, ihr damaliger Ehemann und Kampfgefährte.

Bernd Wagner ist ein ausgewiesene Kenner der NPD Strukturen. Auch er half ihr, sich aus der Szene und von ihrem Mann zu lösen.

Bernd Wagner
Extremismusforscher
„Er hat immer versucht, seine Ideologie auch mit Gewalt anderen zu vermitteln. Er hat auch des Öfteren höchst gefährliche und auch für die Betroffenen in Leben und Gesundheit gefährliche Situationen heraufbeschworen, hat Gewalt eingesetzt und gehört eigentlich zu dem ultramilitanten Kern der deutschen Nationalsozialisten.“

Das scheint nicht übertrieben. Denn kurz nachdem seine Frau dem rechtsradikalen Spektrum den Rücken kehrte, droht Markus Privenau ihr öffentlich und im Internet massive Strafe an:
„Außerdem gebe ich hiermit meiner Hoffnung Ausdruck, dass die Verräter eines Tages vor ein Reichsgericht gestellt werden können und sie dort ihre gerechte Strafe erhalten.“

Tanja Privenau
„In einem rechten Forum hat er da geschrieben und hat uns dem Reichsgericht übergeben. Das heißt in der Naziszene so viel wie zum Abschuss freigegeben. Also jeder, der diese Frau sieht, hat das Recht und so ist das in der Naziszene eben, diese Frau umzulegen. Weil ich das Verräterschwein bin, was auch die Kinder dem Nationalsozialismus entzogen hat.“

Deshalb war und ist es für Tanja Privenau und ihre Kinder überlebenswichtig, dass die Neonazis sie nicht ausfindig machen können. Neue Namen für alle und ein unbekannter Wohnort gehören dazu.
Trotz alledem – Markus Privenau findet sie. In rechtsradikalen Internetforen verbreitet er ihre neue Adresse und ihren neuen Nachnamen. Das war 2008. Die Folge: Tanja und ihre Kinder müssen erneut umziehen, wieder eine neue Identität annehmen. Für die Kinder ist das extrem belastend. Sie müssen sich jetzt sogar an neue Vornamen gewöhnen.

Doch ihr Mann lässt nicht locker. Nebenbei will er über das Familiengericht in Dresden das Umgangsrecht mit seinen Kindern erstreiten, ein anderer Weg, seine Frau und die Kinder ausfindig zu machen. Er scheitert in erster Instanz. Zunächst.

Er legt Widerspruch ein und gewinnt in zweiter Instanz. Ende Juli erteilt ihm das Oberlandesgericht Dresden ein eingeschränktes Umgangsrecht. Es urteilt: die Kinder und die Mutter wären keinen Angriffen aus der rechtsradikalen Szene ausgesetzt, …:
“… die eine Gefährdung des Wohl der Kinder oder auch der Antragstellerin (also der Mutter) bedeuten würden.“

Also keine konkrete Gefahr für die Aussteigerfamilie. Das Recht des Vaters, seine Kinder zu sehen wertet das Gericht, höher. Auf Anfrage von Kontraste teilt uns das Gericht mit, man äußere sich zu Familienstreitigkeiten grundsätzlich nicht.

Die Aussteigerin Tanja Privenau befürchtet das Schlimmste.

Tanja Privenau
„Also die ganzen Sicherungsmaßnahmen, die ergriffen worden sind, werden damit zunichte gemacht. Auch der Identitätswechsel, der stattgefunden hat.“
KONTRASTE
„Warum?“
Tanja Privenau
„Natürlich erzählen Kinder aus ihrem unmittelbaren Umfeld, was haben sie für Hobbys, wo gehen sie zur Schule, was ist in ihrem Alltag. All diese Dinge und natürlich auch die neuen Namen dürften niemals genannt werden. Ihm ist es ja wichtig, auch uns zu bestrafen, es ist ja nicht nur so, er hat ja auch eine Pflicht, als Szenemitglied, hier zu wirken und nicht nur als der Vater. Also wir reden ja hier nicht von einem normalen Familienrechtsstreit.“

Auch ihr Anwalt ist über das Urteil des Dresdner Gerichts mehr als erstaunt. Er kritisiert schriftlich in einer Stellungnahme für KONTRASTE, dass das Gericht die Gefahren für Aussteiger aus der Neonaziszene nicht berücksichtigt hat:
„Der Senat hat sich in seinem Beschluss mit einer vorgelegten Recherche zu Feme und interner Bestrafung gegenüber Abtrünnigen … bedauerlicherweise nicht auseinandergesetzt“.

Tanja Privenau gibt nicht auf – sie will jetzt das Bundesverfassungsgericht anrufen.

Quelle: rbb-online.de

siehe auch:
netz gegen nazis: Einmal Neonazi und zurück: Kontakt mit dem rechtsextremen Vater – zum Kindeswohl?