„Das Jobcenter, Herr Janßen und Ich“

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Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Ich bin seit einem Monat beim Jobcenter und kriege Hartz IV. Gleich zu Beginn wurde ich verpflichtet an einer eintägigen Maßnahme teilzunehmen, bei der wir über unsere „Rechte und Pflichten“ als Hartz IV EmpfängerInnen aufgeklärt werden sollten. Wir waren ungefähr 15 Leute aus ganz verschiedenen Bereichen und Altersstufen, von Meistern aus dem Logistikbereich über Hafenarbeiter bis hin zu Graphikerinnen und Psychologen, manche grad aus der Ausbildung gekommen, manche schon über 30 Jahre gearbeitet.

Uns gegenüber saß eine junge Frau vom Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet und erzählte uns mithilfe ihrer super designten Powerpoint Präsentation, was wir nicht alles zu tun und zu lassen hätten. Der erste Satz, den sie auf die Leinwand projizierte war: „Sie müssen JEDE Arbeit annehmen, die sie körperlich und psychisch machen können“. Auf meine Frage, wer definiert, was ich körperlich und psychisch machen kann, bekam ich keine Antwort. Es folgten lange Ausführungen darüber, wann uns welche Sanktionen drohen und schlussendlich absurde Tipps für unsere Bewerbungsschreiben. Als läge es nur an unseren schlechten Bewerbungsschreiben, dass wir keine Arbeit finden und daran, dass wir uns auf den Bewerbungsfotos immer mit Augen-zu und Zigarette im Mund ablichten lassen. Nach den ersten qualvollen vier Stunden wurde die junge Frau von einem eleganten Herrn in Anzug abgelöst: er stellte sich vor als Herr Janßen von der Leiharbeitsfirma Pensum. Er wurde vom Jobcenter eingeladen um uns über die Vorzüge der Leiharbeit zu berichten und uns zu erzählen, dass es nichts besseres gäbe als für 7,80 € ohne Perspektive zu ackern. Dabei waren ihm die Berichte der Anwesenden über ihre schlechten Erfahrungen mit Leiharbeit fremd: Nein, bei ihnen gäbe es keine Kündigung im Krankheitsfall, keine ständig wechselnden Einsatzbetriebe, keine Probleme bei Betriebsratsgründung etc. Pensum sei vielmehr ein einziges Sprungbrett in die Festanstellung. Dass pro Jahr nur ca. 15 von 300 Arbeitern bei seiner Firma übernommen werden, ändere daran nichts. Die Tatsache, dass sich die meisten nicht freiwillig bei Leiharbeitsfirmen bewerben, sondern vom Amt dazu gedrängt werden und bei Nicht-Bewerbung Sanktionen drohen, war ihm ebenfalls fremd. 2/3 der neu eingestellten LeiharbeiterInnen kämen bei Pensum zwar direkt vom Amt, aber von Zwang wisse er nichts. Wenn jemand sich bewerbe und sage, er mache das nur, weil er oder sie vom Amt dazu gezwungen worden ist, ja, dann würden sie das Amt natürlich darüber informieren. Aber mit Zwang habe das alles nichts zu tun.

Die ganze Veranstaltung dauerte sieben Stunden. Wir haben Herr Janßen ganz gut gezeigt, was wir von Leiharbeit halten, aber an der grundlegenden Tatsache ändert das herzlich wenig: das Jobcenter und die Leiharbeitsfirmen arbeiten Hand in Hand. Ziel der Politik des Jobcenters ist es, die Leute in schlecht bezahlte und unsichere Arbeitsverhältnisse zu bringen. Während das Amt uns durch Sanktionen und Drohungen an den Rand der Verzweiflung treibt, reiben sich die Leiharbeitsfirmen die Hände und warten mit offenen Armen, dass wir für ein beschissenes Gehalt für sie arbeiten. Dass sich Leiharbeitsfirmen bei Pflichtmaßnahmen vom Jobcenter vorstellen und präsentieren dürfen, ist der beste Beleg dafür.

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1 Antwort auf „„Das Jobcenter, Herr Janßen und Ich““


  1. 1 ... 01. März 2013 um 19:25 Uhr

    bald gehen verleihfirmen in die schulen und unterrichten neben bwl mit der bundeswehr zusammen ethik und steuern gemeinsam kurse über den sinn des lebens.

    ich habe mal an einem 5-tägigen kurs des schrottcenters teilnehmen müssen. obigen bericht über die wertlegung auf die bewerbung kann ich bestätigen. ca. 15 von 20 teilnehmenden sagten, sie sollten eigentlich nur eine „vernünftige“ bewerbung schreiben lernen. im ganzen 5-tägigen kurs nahm dieses „training“ einen halben tag ein.

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