Der Mordfall Daniel S.: Wie Neonazis aus einer Tragödie politisches Kapital schlagen wollen

kopiert von endstation-rechts.de

Am letzten Wochenende wurde der 25-Jährige Daniel S. bei einer Auseinandersetzung getötet. Gegen den Hauptverdächtigen, einen jungen Migranten, wurde Haftbefehl erlassen. Wie die Aasgeier stürzten sich Rechtsextremisten auf den Vorfall, um ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Allen voran: Die NPD. Aber auch die Bild-Zeitung ist mit an Bord und nutzt die Tragödie, um Schlagzeile zu machen und Vorurteile zu schüren.

Es ist eine unfassbare Tat, die sich am Wochenende in Weyhe (Landkreis Diepholz) ereignete. Auf der Heimfahrt von einem Discobesuch in einem eigens angemieteten Bus gerieten zwei Gruppen von Jugendlichen aneinander. Der 25-jährige Daniel S. wollte schlichtend eingreifen – was ihm zum Verhängnis wurde. Nach Auskunft der Polizei seien die Streitigkeiten nach der Ankunft in Kirchwehye eskaliert. Der völlig unbeteiligte S. geriet zwischen die Fronten, ein Polizeisprecher sprach gegenüber ENDSTATION RECHTS. von einem „Zufallsopfer“.

Durch sei Eingreifen habe der junge Lackierer womöglich den Zorn des Beschuldigten auf sich gezogen, teilte die zuständige Staatsanwaltschaft mit. Cihan A., der Polizei bereits wegen anderer Delikte bekannt, soll so heftig auf den Oberkörper seines Opfer eingetreten haben, dass es „gegen einen Linienbus schleuderte und mit dem Kopf unbremst auf das Straßenpflaster aufschlug.“ Selbst als S. regungslos am Boden lag, soll der Verdächtige weiter auf ihn eingetreten haben. Sein Motiv liegt derzeit noch im Dunkeln.

Bei Eintreffen der Polizei am Tatort war der 25-Jährige nicht mehr ansprechbar und musste vom Notarzt reanimiert werden. Er wurde mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus nach Bremen gebracht. Der mutmaßliche Täter flüchtete, wurde jedoch bald in unmittelbarer Nähe des Tatortes aufgegriffen. Die Beamten nahmen mehrere Personen fest.

Der dringende Tatverdacht bestätigte sich bislang nur gegen den 20-jährigen A. Vier weitere Verdächtigte wurden nach Durchführung strafprozessualer Maßnahmen wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen gegen sie dauern indes an. Ein Polizeisprecher bestätigte ENDSTATION RECHTS., dass alle mutmaßlichen Beteiligten über einen Migrationshintergrund verfügen würden. Ein Richter erließ Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Haupttäter. Nachdem S. gestern an den Folgen des brutalen Angriffs verstorben ist, erweiterte die Staatsanwaltschaft den Untersuchungshaftbefehl um den Vorwurf „des vollendeten Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen“. A. soll zum Tatzeitpunkt „leicht alkoholisiert“ gewesen sein.

In Kirchweyhe herrscht Fassungslosigkeit ob der Tragödie. Die Gemeinde ruft am kommenden Samstag um 11.00 Uhr am Bahnhof des rund 10.000 Einwohner umfassenden Ortsteils zu einem „stillen Gedenken“ auf. Die Anwesenden könnten dort ihre „Trauer um Daniel zum Ausdruck bringen und ein klares und unübersehbares Zeichen gegen Gewalt setzen“. Die Initiatoren nutzen die Gelegenheit auch, um sich von „rechtsextremen und neonazistischen Kräften“ zu distanzieren, die längst versuchen, die Tat für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. „Wer in unserem Rechtsstaat eine Straftat begeht, muss sich dafür als Individuum rechtlich verantworten – nicht als Angehöriger einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Dies gilt auch in diesem Fall“, schreiben die Verfasser der Erklärung.

Längst haben alle Arme der „Bewegung“, von rechtskonservativ bis zu beinharten Neonazis, den Tod des jungen Mannes aufgegriffen, um daraus politisches Kapital zu Schlagen und ihrem Hass auf alles Fremde freien Lauf zu lassen. In den Sozialen Netzwerken verbreitete sich die Nachricht über den Vorfall wie ein Lauffeuer. Die „Berliner Burschenschaft Gothia“ initiirte auf Facebook eine „digitale Lichterkette“, deren Aufruf – ein Foto – innerhalb weniger Tage fast 32.000 mal geteilt wurde. Der ausländerfeindliche Blog „Messerattacken“ spricht von einem „türkischen Kopftreter-Rudel“, das Daniel S. getötet habe. Auch das neurechte Jugendmagazin „Blaue Narzisse“, die „Sezession“ oder der Blog „Politically Incorrect“ befeuern den fahrenden Zug stetig mit neuer Kohle in Form von empörenden Artikeln. Der „Sezzesion“-Autor Thomas Schmidt vermag gar ein „Muster der Gewalt vorwiegend orientalischer Jugendlicher gegen junge Deutsche“ zu erkennen.

Damit befinden sich die Neurechten ganz auf NPD-Linie, wenngleich deren Niveaulosigkeit nicht erreicht wird. Der NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel hat auf den Parteiblog „DS Aktuell“ eine Stellungnahme verfasst, die kaum in das von ihm angepeilte „seriöse“ Image passt. Dort packt er nämlich die grobe Keule aus uns spuckt Gift und Galle. Apfel scheut nicht einmal davor zurück, den toten S. vor den Karren der „Bewegung“ zu spannen.

Mag die Partei angesichts des drohenden Verbotsverfahrens noch so oft ihre Grundgesetztreue betonen, hier fällt die Maske: „Aggressiv, gewalttätig, dreist und mit einem maßlosen Geltungsbedürfnis ausgestattet, treten testosterongesteuerte Jung-Muselmanen immer stärker im Alltag auf“, konstatiert der sächsische NPD-Fraktionschef voller Hass, um dann auf eine beliebte Verschwörungstheorie zurückzugreifen. Unterstützung erhielten die „wilden Horden ausländischer Krimineller“ vom „Staat, den Behörden, die Medien und der Gutmenschen-Mafia“. Wenn Ausländer Zutritt zu Diskotheken bekämen, freuten sich nur die „Dealer und K.-o.-Tropfen-Freier“.

„Gerade junge Frauen werden häufig Opfer triebgesteuerter Täter aus Kleinasien oder Afrika“, schreibt Apfel. Vor Gericht hätten sie nichts zu befürchten, es gäbe einen „Migranten-Bonus“. Generell seien „Asylanten gut vernetzt“. Ins Visier genommen hat er dabei besonders türkische Mitbürger, die sich „offenbar bereits wie die fünfte Besatzungsmacht in Deutschland fühlten“.

Bereits gestern fand in Hannover die erste „Mahnwache“ von Neonazis statt. Rund 50 von ihnen versammelten sich in der niedersächsischen Landeshauptstadt, berichtet die Hannoversche Allgemeine. Nach eigener Aussage redete dort auch der bekannte Neonazi Dieter Riefling.

Weitere Veranstaltungen seien für dieses Wochenende in Kirchwehye angemeldet, teilte die zuständige Polizeiinspektion Diepholz ENDSTATION RECHTS. auf Nachfrage mit. Ob sich darunter auch extremistische Kräfte befänden, könne man derzeit nicht sagen. Die NPD jedenfalls hat ihr Kommen angekündigt. Den „Kameraden“ scheint jeder Anlass willkommen, um von der eigenen desaströsen Lage abzulenken.

Doch nicht nur Rechtsextremisten heizen die Stimmung an, auch die Bild-Zeitung gießt ordentlich Öl ins Feuer. „Unter Hochdruck ermittelt die Polizei gegen sechs der brutalen Schläger. Alles Südländer“, schrieb die Autorin Astrid Sievert am 11. März. Eine Sprache, mit der sich auch die NPD identifizieren kann. Genüsslich teilt sie die Berichterstattung des Blattes auf ihrem Facebookprofil.

Quelle: endstation-rechts.de