„Auseinandersetzungen um die Immobilie heftiger als erwartet“

kopiert aus dem Weser Kurier

Neue Nachbarn am Ziegenmarkt

Seit einigen Wochen füllen sich die neuen Wohnungen am Bremer Ziegenmarkt über dem Rewe. Während die neuen Mieter sich auf ein Leben im Herzen des Steintors freuen, attackieren Unbekannte weiterhin das Gebäude.

An der Adresse Vor dem Steintor 73 sind bisher sieben der 25 neu entstandenen Wohnungen über dem Supermarkt Rewe bezogen. Die Quadratmeterpreise der derzeit auf Onlineportalen angebotenen Wohnungen am Ziegenmarkt betragen ohne Nebenkosten zwischen 9,46 und 11,61 Euro. Die erste Etage ist für Arztpraxen und Büroflächen ausgelegt. In den beiden Stockwerken darüber befinden sich die Wohnungen. Zum aktuellen Vermarktungsstand will die Patritus Liegenschaften GmbH als Eigentümerin zum jetzigen Zeitpunkt jedoch keine Auskunft geben.

Eine der neu beschrifteten Klingeln gehört zu einer Wohnung, in die eine junge Bremerin ganz frisch eingezogen ist. Sie möchte namentlich nicht genannt werden, weil die Auseinandersetzungen um die Immobilie heftiger sind, als sie es erwartet hatte. Am Hauseingang hängt ein Schild, da offensichtlich zuvor die Klingelanlage beschädigt wurde. Sprayer sowie Mitglieder autonomer Gruppen werden schriftlich darauf hingewiesen, dass ältere und behinderte Hausbewohner auf eine funktionierende Klingel angewiesen seien, da sonst der Zugang durch Rettungskräfte und Pflegepersonal nicht mehr gewährleistet sei.

„Man merkt daran, dass hier manches etwas anders läuft als normal“, sagt die junge Frau. Unwohl fühlt sie sich dennoch nicht. „Ich habe kein Problem mit der Szene, wie die älteren Mieter im Haus darüber denken, weiß ich aber nicht“, sagt sie.

Das Bauprojekt am Ziegenmarkt wurde im Quartier kontrovers diskutiert (wir berichteten). Zum einen gab es die Forderung nach einer alternativen Nutzung des Platzes, zum anderen befürchteten einige Gegner des Neubaus eine so genannte „Yuppisierung“ des Stadtteils und eine langfristige Verdrängung der ärmeren Quartierbewohner. Graffiti mit dem Schriftzug „Yuppies verpisst euch“, stand eine Zeit lang an einer Hauswand des Neubaus. Zudem bewerfen Unbekannte immer wieder das Gebäude mit Farbbeuteln. Die Polizei hat seit 2011 drei Anzeigen wegen Sachbeschädigung am Gebäude aufgenommen, doch nur eine davon bezieht sich auf Graffiti am Haus und auf Baumaschinen. „Manche Delikte wie Farbbeutel-Attacken wurden aber eventuell gar nicht erst angezeigt“, sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen.

Die junge Frau hat sich ganz bewusst für ein Leben im Steintor entschieden: „Ich freue mich auf das Leben im Viertel, doch wer mit dem Geräuschpegel hier nicht klar kommt, sollte gar nicht erst dorthin ziehen“, findet sie. Ihre vorherige Wohnung in Schwachhausen war zwar ruhig, „doch dort ist mir zu wenig los.“ Sie kennt das benachbarte Jugendzentrum „Friese“ schon viele Jahre, Freunde von ihr haben dort mit ihrer Band geprobt. Bei der Wohnungsbesichtigung ist ihr das große Plakat an der „Friese“ aufgefallen. „Hier proben 25 Bands, 7 Tage die Woche, 50 Konzerte im Jahr – herzlich Willkommen“, steht dort in großen Buchstaben. Die Verantwortlichen des Jugendzentrums haben es dort aufgehängt, weil sie Lärmklagen der neuen Nachbarn fürchten. „Ich finde das nicht bedrohlich, ich wusste ja, worauf ich mich einlasse“, so die Mieterin. In ihrem Mietvertrag steht eine Klausel, die Mietkürzungen aufgrund von Lärmbelastung durch das Jugendzentrum ausschließt. Eine Regelung, die sie in Ordnung findet.

Der Ortsamtsleiter Robert Bücking findet, das Jugendfreizeitheim Friesenstraße solle das Plakat allmählich einpacken. „Das Transparent hat einen unnötigen Unterton“, so Bücking. Sowohl bei den Alteingesessenen als auch bei den Neuankömmlingen setzt er auf Toleranz: „Mittlerweile steht das Haus mit einer gewissen Selbstverständlichkeit dort. Wir müssen zur Tagesordnung übergehen. Mal sehen, was da für nette Leute einziehen.“ Die Konzerte der Friese müssten zwar als viertelübliche Hintergrundgeräusche akzeptiert werden. Trotzdem sei das kein Freifahrtschein für provokante Botschaften oder mutwilligen Lärm. Sowohl die Wohnungen als auch die Friese haben mittlerweile Schallschutzfenster eingebaut bekommen, bei der Friese folgen im Erdgeschoss auch noch gedämmte Türen.

„Wir machen einfach ganz normal weiter“, sagt Michael Quast von der Friese zur aktuellen Situation. Er bewertet das Transparent am Jugendzentrum nicht als Provokation, sondern als Information für die neuen Mieter. Es solle daher erst abgehängt werden, wenn der letzte Mieter eingezogen ist. Sollte es dennoch zu Konflikten kommen, setze er auf den Dialog. Kontakt zu den neuen Mietern habe es bislang aber noch keinen gegeben, so Quast.

Die junge Neumieterin betrachtet ihr neues Wohnquartier ohne rosarote Brille: „Ob es dieses neue Gebäude oder etwas anderes ist, hier im Viertel wird es immer wieder Ärger geben, schließlich liegt der Ziegenmarkt unweit der Sielwallkreuzung. Wenn man das weiß, kann man auch damit leben.“

Quelle: Weser Kurier


2 Antworten auf „„Auseinandersetzungen um die Immobilie heftiger als erwartet““


  1. 1 Schmunzlerin 20. März 2013 um 16:51 Uhr

    Eine lässige höfliche Bitte. Alles andere wird also notgedrungen toleriert. Wenn denn wirklich Menschen in diesem Haus leben sollten, die auf Hilfe angewiesen sind (kann ja sein), dann geht diese Bitte völlig in Ordnung. Farbe brauch der Bau auf jeden Fall!

  2. 2 Hahaha 21. März 2013 um 12:15 Uhr

    Wie cool!

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