Antisemitismus?!

Persönlicher Bericht zur Veranstaltung in der Villa Ichon am 9. April 2013 [Info].

Die Veranstaltung war von ca. 100 Leuten besucht. Die Referentin war besser als ich befürchtete;

Als ich verspätet um 20:15 eintraf, standen vor der Villa zwei Wannen mit je zwei Bullen drin. Am Eingang standen vier
Drinnen waren einige Palästinenser oder Ägypter, arabisch Sprechende.
Vor dem Goethetheater stand ja eine Gruppe die gegen die Veranstaltung protestierte.

In den Gesichtern der vielen älteren Teilnehmer_innen sah ich Anspannung und auch Mißtrauen.
Es referierte Susan Witt-Stahl, kurze Beiträge kamen von Arn Strohmeyer und Rudolph Bauer, es moderierte Söhnke Hundt.

Eine Kopie der BILD-Zeitung vom 16.12.2012 lag aus zusammen mit der Retourkutsche der junge Welt vom 21.01.2013 als Buchvorstellung:
„Landnahme-Mythen. Arn Strohmeyers Buch über Israels Geschichte und Politik“

http://www.bild.de/politik/inland/guenther-jauch/nahost-talk-bei-jauch-frieden-fuer-israel-27368108.bild.html
http://www.jungewelt.de/2013/01-21/002.php

Der Vortrag von Susann Witt-Stahl behandelte das Thema, wie Neokonservative in USA und viele ihrer Adepten und Varianten den Antisemitismusvorwurf instrumentalisieren und gegen alles einsetzen, was links ist, auf Klassenkampf orientiert oder universelle Menschenrechte fordert.

Von Stiftungen finanziert werde Druck auf die Opposition, auf Linke gemacht, eine Hegemonie hergestellt.

Weiteres Thema waren die rhetorischen und semantischen Techniken, von Verdrehungen und Unterstellungen, in denen v.a. die Pauschalitäten der Autoren deutlich würden. Ständiges Thema waren die antideutschen Deutschen.

Per Beamer wurden Zitate präsentiert, z.B. Stephan Grigat über den „Umma-Sozialismus, der wohlfahrtsstaatlich, almosengebend und totalitär“ sei.

Ivo Bozic in der jungle world über die „Links-Jihadistischen Bündnisse: seit der Mavi Marmara sei die Linke eine andere.“
Achse des Guten-H.Broder und 9/11 waren nicht Thema, weil es so viele andere aktuelle Beispiele gab.

Wiederholt empfahl sie allen die Lektüre der Kritischen Theorie, die eine marxistische Theorie sei und zitierte Max Horkheimer.

Arn Strohmeyers Buch lag aus: Wer rettet Israel? Ein Staat am Scheideweg, Selbstverlag, er habe keinen Verlag gefunden.
Gaby Webers neues: Eichmann wurde noch gebraucht. Der Massenmörder und der Kalte Krieg. Das Neue Berlin, Berlin 2012, in der die Mossad-Entführung als Mythos bezeichnet wird.
Moustafa Bayoumi (Hrsg.): Mitternacht auf der Mavi Marmara. Der Angriff auf die Gaza-Solidaritäts-Flottille, übersetzt von Sigrid Landhäuser, LAIKA-Verlag, Hamburg 2011

In der Diskussion tauchte die Frage auf, warum besonders in der jüngeren Generation so viele Zionismus-idealisierende Israel-Beschützer zu finden seien und wie es zu dieser Agitation und Militärverherrlichung komme. Susann Witt-Stahl schätzte, es sei zum einen ganz allgemein die Wirkung der Diskursverschiebung des Neoliberalismus, der zu einer massenhaften Verblödung geführt habe; zum anderen seien linke Strukturen und Organisationen zusammengebrochen und Enttäuschungen nicht aufgearbeitet worden.

Ein Teilnehmer nannte den Aspekt für Entstehung dieser Haltung: da streben Leute an ganz individuell zu sein und sind gegen Zwangskollektive. Es gäbe eine Furcht vor autoritären Massenorganisationen.

Rednerin und Publikum diskutierten auch über die allgemeine Frage was „links“ heute ausmacht. Aus der neuen Marx-Lektüre werde die Klassentheorie herausgewaschen, so Witt-Stahl. Gemeint sind die Publikationsgruppen um R Kurz und die Krisis, Ingo Stützle und Michael Heinrich.

Söhnke Hundt äußerte sein mit Entsetzen gemischtes Staunen darüber, wie es möglich sei, dass sich Leute heute mit einer solchen Israel-idealsierung antinational nennen können und trotzdem als links bezeichnen, was dann ja irgendwie stimme.

siehe auch der Aufruf auf indymedia 2011, eine Veranstaltung der Antifa Mannheim mit Stephan Grigat zu boykottieren!
https://linksunten.indymedia.org/de/node/35171

Eine Diskussion über die Kritikpunkte an antizionistischen Äußerungen der letzten Jahre (in Bremen) fand nicht statt.

Der Vortrag bestand viel aus Rhetorik, und die ganze Veranstaltung diente der Identitätsstiftung der Linken gegen alles was Rechts ist. Was an Nationalismus befreiend gewesen sei oder nicht sein konnte, war kein Thema. Es gab einige Rhetorikanlässe für heftigen Beifall.

Susann Witt-Stahl schrieb auch zum Thema 9/11 und die patriotisch gewendete Kulturindustrie (in den USA), sieht jedoch neben den ungeklärten Fragen des Anschlagsablaufs auch rechte und antisemitische Verschwörungstheorien.

Einer der verantwortlichen Redakteure ihrer Zeitschrift Hintergrund.de (die sie mitbrachte), Ronald Thoden, publizierte im Kai Homilius-Verlag, der neben alten SED-Majoren wie Heinz Geyer auch Jürgen Elsässers Aufruf zur Volksinitiative Gegen Finanzdiktatur (2009) und in Elsässers Reihe Abu Bakr Rieger „Weg mit dem Zins: soziale Wirtschaft im Dialog der Religionen“ 2011, Berlin: Homilius Elsässers Reihe Compact 26, veröffentlichte.

Jedenfalls sind rechtsradikale und nationalrevolutionäre Strömungen sehr auf der Lauer, Slogans und Redewendungen des nationalen Antiimperialismus aufzugreifen, und da fehlt es vielen Altlinken an Aufmerksamkeit. Ihr gemeinsamer Nenner ist: nationaler Antiimperialismus.

Aber auch bei den antinationalen Kommunisten und anderen, noch stärker auf Rhetorik begrenzten Critique-Gruppen fehlt die Orientierung auf die sozialen Konflikte. Brüder im Geiste sind beide verfeindeten Lager in ihrem identitären Verharren in der „Außenpolitik“.

Ein junger Teilnehmer kritisierte, dass sich hier nun alle vor allem als Opfer fühlen würden. Witt-Stahl wies seine Wahrnehmung zurück, dass sie gesagt hätte, der antimuslimische Rassismus habe den Antisemitismus abgelöst oder, dass sie die beiden gleichgesetzt habe.

Antizionistische Äußerungen passen besser zu Selbstkritik und Sachlichkeit!


7 Antworten auf „Antisemitismus?!“


  1. 1 Mark 11. April 2013 um 22:15 Uhr

    „Am Ein­gang stan­den vier Drin­nen waren ei­ni­ge Pa­läs­ti­nen­ser oder Ägyp­ter, ara­bisch Spre­chen­de.“ Oha!

  2. 2 abgwb 12. April 2013 um 10:33 Uhr

    Einen Kommentar zur Veranstaltung gibt es hier:

    http://abgwb.wordpress.com/2013/04/11/in-stahlgewittern/

  3. 3 superuser 16. April 2013 um 11:29 Uhr

    „Euch gehört doch sowieso schon alles“. Juden bei Linken-Veranstaltung beschimpft

    Weblink: bild.de/regional/bremen/antisemitismus/juden-bei-linken-veranstaltung-beschimpft-30001450.bild.html

  4. 4 joe 16. April 2013 um 11:57 Uhr

    Die Frage „Antisemitismus?“ kann getrost mit ja beantwortet werden.
    bild.de/regional/bremen/antisemitismus/juden-bei-linken-veranstaltung-beschimpft-30001450.bild.html

  5. 5 bild 16. April 2013 um 15:35 Uhr

    klar, genau so war. wenn die bild zeitung das sagt muss es ja stimmen.

  6. 6 Selbst die taz/FDP greift den Vorfall auf 17. April 2013 um 0:26 Uhr

    Kein Zutritt für Juden

    „Empört“ ist die Jugend-Organisation der FDP in Bremen über „anti-semitische Tendenzen in der Partei ,Die Linke‘“, wie sie gestern in einer Pressemitteilung schrieb. Anlass ist ein Bericht der Bild-Zeitung, wonach einer Frau und einem Mann der Zugang zu einem Vortrag über Antisemitismus in der Villa Ichon verweigert wurde, weil sie jüdischen Glaubens sind. Mit den Worten „euch gehört doch sowieso schon alles, auch die Medien“, habe einer der Türsteher sie am Eintreten gehindert, heißt es in dem Artikel. Die beiden hätten sich zuvor an einer Mahnwache vor der Villa beteiligt, weil in dieser über den „Antisemitismusvorwurf als ideologische Waffe“ diskutiert werden sollte. Den Vortrag der Tierrechtlerin Susann Witt-Stahl hatten ein Kreisvorstand der Linken sowie weitere Linken-Mitglieder mit organisiert. (taz)

  7. 7 taz 19. April 2013 um 14:06 Uhr
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