Redebeitrag Fight Racism Now!-Demo (10.08.13)

Gemeinsame Rede von Flüchtlingsinitiative, Gruppe ara und der Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé auf der Fight Racism Now!-Demo in Vegesack am 10.08.2013

An vielen Orten der BRD protestieren seit mehr als einem Jahr Menschen gegen die unwürdigen Lebensbedingungen, in die sie in diesem Land gezwungen werden. Sie besetzen Plätze, sie organisieren Protestmärsche, sie treten in den Hungerstreik. Es sind Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in die EU gekommen sind und die hier dann den Status »Flüchtling« bekommen. »Flüchtling« sein, das heißt: von vielen Freiheiten ausgeschlossen sein. »Flüchtlinge« dürfen nicht wählen, wo sie wohnen und mit wem sie wohnen, sie dürfen nicht frei entscheiden, wohin sie gehen. »Flüchtlinge« werden verwaltet, kontrolliert, sehr oft kaserniert. Aus ihren Herkunftsländern sind sie vor Krieg, Verfolgung, Vergewaltigung und Armut geflohen.
In Europa finden sie nicht Schutz, sondern Sammelunterbringung, Arbeitsverbot, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die ständige Drohung mit Abschiebung.
Während EU-Bürger_innen mit ihrem Pass problemlos in fast jedes Land der Welt reisen können, riskieren andere ihr Leben für die gleiche Strecke. Und die EU gibt Milliarden aus, um diese Reisen unmöglich zu machen. Zehntausende sterben wegen dieser Politik der Abschottung an den europäischen Außengrenzen.

Das ist staatlicher Rassismus.
Staatlicher Rassismus bietet jenen Teilen der Gesellschaft eine Bühne, die rassistisch sprechen und rassistisch handeln wollen. Ihre Parolen sind austauschbar. Immer geht es darum, dass die Geflüchteten als Bedrohung angesehen werden – für den eigenen Vorgarten, das eigene Auto, den Wert des Grundstücks oder den Sportplatz des Stadtteils. Und immer geht es darum, dass die Geflüchteten nicht hier sein sollen, sie sollen weg – am besten sollten sie gar nicht existieren. Rassisten, wie sie hier auf der Beiratssitzung in Vegesack aufgetreten sind, wollen die Kriege in der Welt nicht sehen und nicht die Not, die Menschen dazu bringt, sich auf die Suche nach einem besseren Leben zu machen. Rassisten, wie auf der Vegesacker Beiratssitzung, wissen ganz genau, dass sie auf der privilegierten Sonnenseite leben und sie sind bereit, diesen Platz mit allen Mitteln ihrer Macht zu verteidigen.

Wieso glauben sie eigentlich, diese Privilegien verdient zu haben? Und dies noch dazu vor dem Hintergrund einer unfassbaren historischen Ungerechtigkeit!? Denn dieses Land ist nach 1945 zu einem der reichsten Staaten der Welt gemacht worden – und dies unmittelbar, nachdem es sich des größten Verbrechens der Menschheit schuldig gemacht hat.

Als die Elbe und die Oder in diesem Sommer über die Ufer getreten sind, sind die Leute ins Auto gesprungen und haben in Dresden und in Deggendorf Sandsäcke geschleppt. Zweistellige Millionensummen wurden gesammelt – ein Teil davon sicherlich auch hier in Vegesack. Denn wenn in den deutschen NPD-Hochburgen die Elbe aus dem Klo sprudelt, ja, dann ist Solidarität erste Bürgerpflicht.

Wer sich auf den langen und gefährlichen Weg nach Europa macht, hat in jedem Fall andere Sorgen als einen überschwemmten Keller. Doch diese Sorgen interessieren offensichtlich viele der Anwohnerinnen undAnwohner in Vegesack nicht. Interessiert sind sie nur an ihren eigenen Unterstellungen. Über die Menschen, die nach Europa kommen, wissen sie ü-ber-haupt nichts.

Jeder Mensch auf der Flucht hat eine eigene, ganz besondere Geschichte. Zuhören wäre da vielleicht angebracht. Und staunen.

Was die Anwohner_innen zu wissen behaupten, gründet sich einzig und allein auf ihre Ablehnung. Es sind ihre eigenen rassistischen Bilder und Phantasien. Und es sind die immer gleichen.
Wir kennen sie zur Genüge und wir haben sie hundertfach gehört und gesehen, z.B. in den hassverzerrten Gesichtern der Deutschen, die in den 1990er Jahren die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda beklatscht haben.

Denn wir mögen das Gebrüll der Anwohner_innen für dumm, für rassistisch oder für undemokratisch halten – eines ist es sicher nicht: ungefährlich.

Wenn die Stimmung kocht bei den deutschen Wutbürger_innen, wenn sie meinen, von »Denen da Oben« übergangen und von Flüchtlingen »überrollt« zu werden, dann schwingt immer die Bedrohung dieses gruseligen »Wir können auch anders!« mit. Dann kokettieren sie plötzlich mit dem mörderischen Teil der eigenen Geschichte, die sonst gerne verbannt wird in die »dunkle Vergangenheit« oder vor die dunklen Leinwände von »ZDF History«.

»Der Bunker Valentin ist groß genug!« wurde auf der Beiratssitzung in Vegesack gerufen.

Es muss gar nicht offen mit einem »zweiten Rostock-Lichtenhagen« gedroht werden, wie neulich auf einer Bürgerversammlung in Berlin-Hellersdorf. Die Drohung ist stets mit im Raum, wenn jemand ruft: »Die Grenze ist erreicht!« oder »Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!«.
Einige von uns haben die mörderischen 90er Jahre erlebt und wir sind sehr sensibel für die menschenfeindlichen Untertöne, die in diesen Sätzen wohnen. Die Arbeitsteilung ist schließlich erprobt. Die bürgerliche Mehrheit gibt in solchen Versammlungen durch ihre offene Ablehnung von Flüchtlingen grünes Licht. Und die stillen Handlanger, die Nazi-Schläger, die Nazi-Mörder, sie verstehen das Signal sehr genau und sie schreiten zur Tat. Am Ende will es dann natürlich wieder niemand gewesen sein.

Stattdessen ist man jetzt ganz betroffen in Vegesack. Von den Vorwürfen, man habe sich rassistisch verhalten. Weil: gegen die Flüchtlinge hätte hier ja wirklich niemand etwas. Nur sei eben die Form der Unterbringung nicht angemessen.

Also – haben wir das alles falsch verstanden? In Wirklichkeit sind die aufgebrachten Anwohner_innen gegen Sammelunterkünfte und Lager und für eine selbstbestimmte Wahl der Wohnung?
Angesichts der Tatsache allerdings, dass es diese Wohnungen offensichtlich ja gerade nicht gibt, ist es doch wohl eher eine infame Art zu zeigen, dass jedes »Argument« gut genug ist, solange die Unterkunft nicht in die eigene Nachbarschaft kommt.

Denjenigen, die es mit der Kritik an den unzumutbaren Unterkünften und Wohncontainern ernst meinen, denen empfehlen wir, sich mit den neuen Nachbar_innen zusammen zu tun und sich gemeinsam mit den bestehenden antirassistischen Initiativen gegen Lager, gegen rassistische Sondergesetze und gegen Abschiebungen zu engagieren und sich für globale Bewegungsfreiheit und für ein gutes Leben für alle einzusetzen!
Denn dafür stehen wir schon lange.


3 Antworten auf „Redebeitrag Fight Racism Now!-Demo (10.08.13)“


  1. 1 Fight Racism Now: 450 auf Demonstraion in Vegesack « end of road Pingback am 12. August 2013 um 11:23 Uhr
  2. 2 FAU Bremen Trackback am 08. September 2013 um 23:09 Uhr
  3. 3 FAU Bremen Trackback am 15. September 2013 um 16:58 Uhr
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