OL: „Es geht überhaupt nicht darum, dass die Wagenburg den Standort nicht freigeben will“

In Bezug auf die Kolumne des Oberbürgermeisters Gerd Schwandner vom 11.10.2013 möchten wir, die Wagenburg, folgendes antworten:
„Wagenburg beharrlicher als Gleise und Industrieanlagen.“
Dieser zentralen Aussage aus Ihrer Kolumne stimmen wir zu. Beim Rest ist leider oft das Thema nicht getroffen. Es geht überhaupt nicht darum, dass die Wagenburg den Standort nicht freigeben will – es dreht sich vielmehr schon seit Monaten darum, dass das anvisierte Ersatzgelände auf dem Fliegerhorst zu teuer ist und dass die Vertragsbedingungen nicht nur unzumutbare Meldeauflagen vorsehen, sondern auch insgesamt einen repressiven Charakter aufweisen. Würden Sie so einen Vertrag unterschreiben? Es geht auch darum, dass wir 150.000 Euro für Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen aufbringen sollen, obwohl dort alle Leitungen bereits im Boden liegen.
Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir finden es gut, dass sich die Stadt 2008 für Wagenleben ausgesprochen hat. Wir begrüßen auch, die angebotene lange Vertragslaufzeit. Wenn sich aber fast alle anderen Umstände verschlechtern, ist es vielleicht nachvollziehbar dass wir nicht voller Dankbarkeit unser Leben und das Projekt Wagenplatz an die Stadtgrenze verlagern.
Übrigens, denken Sie nicht auch, dass es mal an der Zeit ist, von dem Gerücht über 40 angeblich angebotene Ersatz-Plätze Abstand zu nehmen? In der Tat wurden viele Ansätze besprochen. Aber abgesehen von unseren eigenen Geländevorschlägen beinhaltet die genannte Zahl großenteils Plätze, die von Anfang an gar nicht realisierbar waren, sich oftmals nicht in städtischer Hand befanden oder eher als thematische Annäherung gedacht waren.
Wir verstehen uns in keiner Weise als „subventionsbedürftig“, alles was wir von der Stadt fordern, ist ein Stück Land zu einem angemessenen Pachtzins zu mieten. Dass wir überhaupt dies fordern, ist allein dem Umstand geschuldet, dass wir vor einem Umzug stehen, den wir uns nicht gewünscht haben. Dafür, dass von uns verlangt wird, unser ganzes Leben umzukrempeln, sind unsere Ansprüche nicht gerade hoch. Um die Frage vorweg zu nehmen warum wir kein Privatgelände mieten: Weil das Leben im Wagen baurechtlich problematisch ist und dafür (leider immer noch) gesondert Flächen ausgewiesen werden müssen.
Seit dem Bestehen des Wagenplatzes haben hunderte von kleinen und größeren unkommerziellen Events stattgefunden, die von tausenden Menschen gern angenommen wurden. Diesen Beitrag zu einer vielfältigen Stadt haben wir uns noch nie mit auch nur einem Cent „subventionieren“ lassen. Hierin können Sie auch erkennen, dass der Wagenplatz nicht bloß aus den Leuten besteht, die dort wohnen. Er wird
von vielen Leuten in unterschiedlicher Weise getragen und genutzt. Wird solch ein Ort nun an den Stadtrand gedrängt ist ganz klar von Gentrifizierung zu sprechen. Insbesondere wenn damit Platz für die von Ihnen selber so bezeichnete „zukünftige Oldenburger Elite“ geschaffen wird. Oder war es etwa nicht von Anfang an ausgeschlossen, die verschiedenen (sub-)kulturellen Strukturen zu stärken und mit in den Ausbau des Viertels einzubeziehen? Wir erinnern daran, dass schon einige Projekte gegangen wurden und weitere bedroht sind. Kein Konflikt zwischen arm und reich? Nicht im Ernst, oder?
Nebenbei mal eine Frage: Wenn Ihnen jemand über viele Jahre erzählt, eine Wagenburg wäre erwünscht, das ganze dann aber irgendwann ganz anders aussieht – wären Sie dann dankbar oder sauer?
Im Übrigen ist der „Überlassung aus freien Stücken“ ein jahrelanger politischer Kampf um Anerkennung vorweg gegangen, woran sich viele OldenburgerInnen sicher noch erinnern können.
Zu der von Ihnen vermissten Mobilität hätte es schon längst kommen können, wenn dieser Prozess mit gegenseitiger Beweglichkeit geführt worden wäre. Ohne jetzt wieder die Hürden der bisherigen Verhandlungen anführen zu wollen: Käme ein Vertrag zustande ohne restriktive Regelungen und mit einem Pachtzins, der sich an anderen Wagenplätzen orientiert, hätten wir alle eine Sorge weniger. Wir haben dahingehend schon ernstzunehmende Vorschläge gemacht. Die Absicht der Stadt, den gesamten Fliegerhorst zu kaufen, könnte neuen Wind in die Frage um
die hohen Anschlußkosten bringen. Bedeutet dies doch, dass die vorhandenen Leitungen dann von der Stadt und von uns genutzt werden können.
Um noch einmal auf die von Ihnen formulierte Angemessenheit zu sprechen zu kommen: Der Pachtzins für einen Wagenplatz ist üblicherweise nicht nur deshalb eher niedrig angesetzt, weil keine Versiegelung des Bodens oder sonstige irreversible Eingriffe stattfinden. Ein Wagenplatz bringt darüber hinaus alles selber mit, was für ihn nötig ist. Der Mietgegenstand ist also nichts weiter, als ein geeignetes Stück Land. Eine preisliche Anlehnung an Agrarflächen, Kleingartenflächen ober andere Wagenplätze ist daher gerechtfertigt. Und falls mal wieder jemand Hochrechnungen darüber anstellt, wie günstig da welche wohnen wollen, sollte nicht vergessen werden, dass noch weitere Verbindlichkeiten dazu kommen. Beispielsweise die Kosten für den Kauf, die Instandhaltung und Restauration der Fahrzeuge. Auch Gemeinschaftseinrichtungen und Gerätschaften müssen finanziert und gepflegt werden. Lkws und Wohnmobile produzieren laufende Kosten. Natürlich fallen auch
die üblichen Nebenkosten wie Gas, Wasser und Strom an. Ist kein Holz da wird es kalt im Winter. Kommt es zu Wasserschaden oder Fensterbruch wird sich keine Vermieterin darum kümmern. Für all solche Dinge kommen wir selbst auf, das ist Teil unserer Mietkosten, und unserer Lebensphilosophie.
Zudem ist das -bewußt gewählte- Leben im Wagen wesentlich zeitintensiver als in einer modernen Wohnung. Haushalt heißt Handarbeit. Restaurationen, erforderliche Umbauten oder die Abstimmungsprozesse in einer großen Gruppe können viel Zeit kosten. Das Wasser kommt nicht aus der Wand, Zentralheizung ist ein Fremdwort und die Wege sind manchmal weit. Zu den schöneren Zeitfressern gehören verschiedene Veranstaltungen die wir organisieren.
Entsprechend darauf ausgerichtet sind unsere Lebensentwürfe. Wird da jetzt zu stark an der Kostenschraube gedreht geht die Balance verloren und das städtische Alternativgelände wird seinem Namen nicht gerecht.
Wir sind gesprächsbereit!

P.S. Wir haben im Sommer 2500 Unterschriften der UnterstützerInnen unseres Angebotes in Ihrem Büro abgegeben. Denen würden wir gerne Bescheid geben, ob die Unterschriften angekommen sind, haben aber bislang noch keine Rückmeldung von Ihnen erhalten.

Ihre Wagenburg

checkt wagenimstau.org