„Da werden Kinder indoktriniert“

kopiert aus dem Weser Kurier

Schulze von Glaßer kritisiert Bundeswehr-Werbung

Die 50. Musikschau der Nationen steht bevor. Was 1965 als Militärkonzert begonnen hat, ist heute ein Benefiz-Blasmusik-Festival, organisiert vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Politikwissenschaftler Michael Schulze von Glaßer hat im Kulturzentrum Paradox im Ostertor einen Vortrag über die Bundeswehr und ihre Werbung gehalten und auch die Musikschau in seine Kritik einbezogen. Clemens Haug sprach mit ihm über Militär und Werbung.

Die Bundeswehr ist seit ihrer Reform eine Freiwilligen-Armee, muss also um neue Soldaten werben. Was ist daran aus Ihrer Sicht verwerflich?

Schulze von Glaßer: Das Problem ist vor allem, wie die Bundeswehr Werbung macht. Da gehen Jugendoffiziere an Schulen und versuchen, Kinder und Jugendliche für die Armee zu begeistern, beispielsweise indem sie Militärtechnik zeigen. Damit wollen sie Jugendliche einerseits für den Dienst an der Waffe gewinnen. Andererseits wollen die Offiziere Schüler davon überzeugen, dass Auslandseinsätze notwendig sind, etwa um deutsche Rohstoffinteressen zu sichern oder die Sicherheit des Landes am Hindukusch zu verteidigen. Das soll die Zustimmung zu Einsätzen wie in Afghanistan erhöhen, die in der deutschen Öffentlichkeit mittlerweile sehr kritisch gesehen werden. Da werden Kinder indoktriniert.

Wie müssten die Schulen auf solche Werbeangebote reagieren?

In Deutschland gibt es bei politischer Bildung in der Schule einige Vorschriften. Eine davon ist die, dass Themen, die in der Gesellschaft umstritten sind, auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden müssen. Lädt man also jemanden von der Bundeswehr in eine Klasse ein, müsste eigentlich auch jemand mit der Gegenposition kommen, dann wäre das in Ordnung. Nur gibt es da ein Kräfteungleichgewicht. Auf der einen Seite steht die Armee mit ihren professionellen Jugendoffizieren und Wehrdienstberatern, die für Werbung in der Schule ausgebildet und bezahlt werden. Auf der anderen Seite steht die Friedensbewegung, die kaum Mittel hat, um Leute für Arbeit in Schulen vorzubereiten und zu bezahlen. Hinzu kommt, dass die Friedensbewegung langsam überaltert, während die Jugendoffiziere meist junge Soldatinnen und Soldaten sind, die allein schon durch ihr Auftreten Eindruck bei den Schülern machen.

Sollte der Bundeswehr also die Werbung an Schulen verboten werden?

Ja, denn man muss sich bewusst machen, wer da an die Schulen kommt. Das sind Soldaten, die eine militärische Ausbildung haben. In dieser lernen sie aber nicht diplomatische, gewaltfreie Lösung von Konflikten. Das aber ist Auftrag der Schulen. Im Bremer Schulgesetz etwa steht unter Artikel fünf, den Kindern soll Verständnis für die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens mit anderen Völkern beigebracht werden. Deshalb kritisieren mittlerweile auch das UN-Kinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes oder die Lehrergewerkschaft GEW die Schulbesuche der Bundeswehr.

Ist denn aus Ihrer Sicht die Werbung der Bundeswehr inhaltlich problematisch? Immerhin leugnet die Armee doch gar nicht, eine Armee zu sein.

Aber sie rückt das oft nicht in den Vordergrund. Beispielsweise organisiert die Bundeswehr Jugendsportfeste, zu denen sie junge Leute in die Kasernen lockt. Nebenbei wird dann Werbung gemacht, und man kann sich für Afghanistan rekrutieren lassen. Die Bundeswehr gibt aber nicht offen zu erkennen, wie gefährlich solche Auslandseinsätze sind, dass man dabei sterben kann. Stattdessen wird der Sport-Spaß-Charakter in den Vordergrund gestellt. Das passiert auch im Internet, wo die Bundeswehr etwa Videos von neuen Panzern oder Kampfhubschraubern präsentiert. Dabei erklärt sie dann aber nicht: Das ist eine Waffe, und damit sollen Menschen getötet werden. So wird dann die Technik von dem Zweck, zu dem sie entwickelt wurde, getrennt.

Sie haben sich auch eingehend mit Werbung für Militär in Computerspielen beschäftigt. Lässt die Bundeswehr ähnlich wie das US-Militär Werbespiele produzieren, in denen man Krieg spielen kann?

Nein, bislang nicht. Es gibt nur Minispiele im Netz, die haben aber meist keinen militärischen Inhalt, stattdessen geht es um Torwandschießen und ähnliches. Die Bundeswehr taucht aber in kommerziell erfolgreichen Kriegsspielen wie Medal of Honour oder Call of Duty auf. Die Spielentwicklungsunternehmen nehmen die Bundeswehr wahr, weil sie bei Auslandseinsätzen mitmacht. Das Verteidigungsministerium sagt zwar, man würde die Produktion dieser Spiele nicht unterstützen, aber stört sich auch nicht daran.

Was kritisieren Sie an einem Festival wie der Musikschau der Nationen?

Militärmusik transportiert einen militaristischen Geist. Denn einerseits sorgen die Musikkorps in ihren Armeen mit Unterhaltung für eine gute Truppenmoral, auch bei Auslandseinsätzen. Andererseits wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge von der Musikschau unterstützt, und der hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Früher wurden Soldatengräber gepflegt, um an die Schrecken des Krieges zu erinnern. Heute arbeitet der Volksbund eng mit der Bundeswehr zusammen.

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