Flüchtlingsunterkünfte in Tostedt

Die Tostedter Neonaziszene gilt als eine der gewaltbereitesten in Deutschland. Die Neonazis sind gut integriert in die Gemeinde mit 13.000 Einwohner_innen. In Sport- und Schützenvereinen, sowie in der örtlichen Feuerwehr sind sie präsent und akzeptiert. In genau diese Gemeinde sollen nun 161 Asylbewerber_innen in zwei Containerunterkünften untergebracht werden.

Aktuelle Situation vor Ort
Prompt nach der Verkündung, dass Geflüchtete nach Tostedt kommen werden, haben Neonazis eine Onlinepetition gegen die Asyl-Unterkünfte gestartet, sowie eine „Bürgerinitiative Tostedt“ gegründet. Die Petition ist mittlerweile mit 242 Stimmen beendet. Die Aktivitäten der Bürgerinitiative, maßgeblich von Mareike Böhrnsen und Kevin Arbeit initiiert, beschränken sich momentan lediglich auf die Internetpräsenz und einige Hetzartikel. Am 20. Februar 2014 versuchten Neonazis aus dem Kreis der Kameradschaft „NW Tostedt“ an der Informationsveranstaltung zu den Unterkünften teilzunehmen. Insgesamt waren ca. 50 Rechte vor Ort, um sich gegen die Unterkünfte auszusprechen. Ungefähr 15 Neonazis sind direkt in der Veranstaltung gewesen und wollten ihren Unmut über die Planungen der Samtgemeinde kundtun. Einige wurden des Raumes verwiesen, doch andere konnten bleiben und ihre rassistischen Ansichten verbreiten. So kam es, dass der Inhaber des Geschäfts „Garten und Technik“, welches in direkter Nachbarschaft zu den Unterkünften liegt, gegen die Geflüchteten hetzen konnte und auch Janke Heins von „Gladiator Germania“ an der Veranstaltung teilnehmen konnte.

Im Internet äußern sich zahlreiche ortsansässige Neonazis rassistisch, so werden die Geflüchteten in sozialen Netzwerken als kriminelle „Neger“, „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Zigeuner“ betitelt und es wird vorgeschlagen sich „illegal zu bewaffnen“. Derzeit agiert auch die „Ag Nordheide“, eine Kameradschaft aus Buchholz in der Nordheide, gegen die Geflüchteten. Die Kameradschaft stickert um die Unterkünfte herum und verfasst regelmäßig Hetzartikel, um Stimmung gegen die Geflüchteten zu machen. Einige Mitglieder der Gruppe posierten bereits mit einem Transparent vor den Unterkünften. Vor Ort organisieren sich die Neonazis in der Kameradschaft „NW Tostedt“, angeführt von dem Nachwuchskader Kevin Arbeit. Es besteht eine gute Vernetzung mit den Neonazis in den umliegenden Dörfern, wie beispielsweise Rotenburg (Wümme), Schneverdingen, Stade, Soltau, Verden, Lauenbrück und auch nach Hamburg. Das Mobilisierungspotential in der norddeutschen Neonaziszene ist als sehr hoch einzuschätzen – gerade durch ihre ausufernden Gewalttaten und immer noch angesehene Führungspersonen wie Stefan Winkler (ehemals Silar), haben die Tostedter Neonazis einen besonders guten Ruf bzw. Ansehen innerhalb der Szene. Auch wenn die Neonazis im Vergleich zum Jahr 2010 weniger aktionsorientiert sind, ist das Potential nicht zu unterschätzen.

Desweiteren haben die Neonazis am Bahnhof Tostedt, in unmittelbarer Nähe zu den Unterkünften massiv NPD-Flyer verteilt. Im Zuge dessen versammelten sich die Neonazis in der Nacht vor den Unterkünften und belästigten die Geflüchteten indem sie mit ihren Autos durchgängig hupten. Weiterhin finden szeneinterne „Events“ statt, die der Vernetzung und dem Zusammengehörigkeitsgefühl dienen. So organisierte Daniel Bassen im Mai 2013 in der Großraum Diskothek „Mic Mac“ in Moisburg eine „Fight Night“, bei der unter anderem die Neonazis André Bostelmann (Wistedt), Steve Kröger (Lauenbrück), Matthias Schulz (Verden) und Michael Feldmann von den „Snevern Jungs“ kämpften. Im August 2013 wurde ein Sommerfest unter dem Motto „Tostedt ist bunt? Deutschland multikulti? – Wir bleiben braun!!!“ organisiert, an dem auch Neonazis aus Hamburg und Schleswig-Holstein teilnahmen.

Stefan Winkler verkauft weiterhin rechte Szenekleidung und Merchandise, allerdings nicht mehr aus seinem Ladengeschäft, sondern nun privat von zu Hause und übers Internet. Bei seiner Geburtstagfeier im November 2013 waren ca. 150 Neonazis anwesend. Es spielten die RAC Bands „X.x.X“ (ehemals „Deutsch,Stolz,Treue“), „Abtrimo“, „Path of Resistance“, „Confident of Victory“, „Heiliger Krieg“(2 Bandmitglieder von „Race War“), „Burn Down“,“Legion of Thor“ und „Uwocaust“ (https://linksunten.indymedia.org/de/node/100197). Dass der wegen Totschlags verurteilte Stefan Winkler in Deutschland ein solches Konzert veranstalten kann, spricht Bände über den Umgang der Behörden mit Neonazis (http://akschneeclaus.blogsport.de/2010/03/17/hintergrundbericht/).

Rocker und Hooligans
Im April hat sich das Contras Chapter „North Heath“ gegründet. Ein Supporter Chapter des Rockervereins Bandidos MC. In Neumünster gibt es bereits ein von Neonazis durchsetztes Contras Chapter (https://linksunten.indymedia.org/de/node/92851). Aktuell ist bekannt, dass die Tostedter Neonazis Florian Beckmann und Robert Ohnesorge zu den Gründungsmitgliedern des „North Heath“ Chapters gehören. Ohnesorge war jahrelang Mitglied bei der militanten Neonazigruppe „Gladiator Germania“. Inwiefern die Gründung des Bandidos Supporter Chapters, in dem eigentlich Hells-Angels dominierten Tostedt im Allgemeinen und auf die Neonaziszene generell Auswirkungen haben wird, kann derzeit nur spekuliert werden. Sascha Bothe, der damals maßgeblich an dem Aufbau der Neonazistrukturen in Tostedt beteiligt war, ist Mitglied des Hells Angels Supporterclubs „Red Devils“. Ein weiterer Tostedter Neonazi, Sebastian Stöber, ehemals „Gladiator Germania“, ist mittlerweile eine Führungsperson des Stader Rockerclubs „Gremium MC Stade“. Im September 2013 wurden er und weitere Rocker von „Gremium MC Stade“ auf einem Fest im Landkreis Stade von einem verfeindeten Rockerclub angegriffen. Stöber war schwer verletzt und lag längere Zeit im Koma (http://www.taz.de/!125746/). Ebenso sind die Tostedter Neonazis in der Hooliganszene vertreten. Gerrit Detjen war unter anderem im März an der Hafenrundfahrt der Hooligans um die „Standarte Bremen“ beteiligt, in dessen Verlauf Pressevertreter_innen angegriffen wurden (http://www.taz.de/!134102/).

Historie Tostedt
Im Jahre 2010 wurde die Kampagne „Landfriedensbruch“ gestartet, da sich die brutalen Übergriffe auf die dort lebenden Antifaschist_innen derart zuspitzten, dass es tatsächlich um „Leib und Leben“ ging. Damals überfielen die Neonazis der Kameradschaften „NW Tostedt“ und „Gladiator Germania“ Antifaschist_innen unter anderem in ihren Häusern und verletzen diese schwer. Angeführt von Stefan Winkler, der den Neonazi-Onlineshop „Streetwear Tostedt“ betreibt, fanden nahezu täglich heftigste Angriffe statt (http://landfriedensbruch.blogsport.de/informationen/).
Die Gemeinde, als auch die örtliche Polizei, reagierten mit Repressionen gegen die Antifaschist_innen und einer zynischen Bagatellisierung der Neonazi-Szene vor Ort. Jahrzehnte der akzeptierenden Jugendarbeit, des Wegsehens und der stillen Zustimmung ermöglichte den Neonazis die Dominanz im Alltag.

Die Samtgemeinde Tostedt
Für das in Tostedt agierende „Bündnis für Zivilcourage“, welches die Extremismusdoktrin reproduziert, sind Antifaschist_innen „Krawallmacher“, die Auseinandersetzungen vor Ort erst provozieren würden. Zu der eingangs erwähnten Informationsveranstaltung äußerte sich das „Bündnis für Zivilcourage“ im Nachhinein und erläuterte, dass die Neonazis alle gar nicht aus Tostedt direkt kommen würden und spielte auch die Anzahl der anwesenden Neonazis herunter. Dies liegt zum Einen sicher daran, dass die Gemeinde schiere Panik vor einem „braunen Image“ hat und zum Anderen ist es der puren Unkenntnis über die „eigene“ Neonaziszene geschuldet. Bereits 2010 fiel das Bündnis eher durch Bagatellisierung des Problems und gänzlich fehlender Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt negativ auf.

Die Samtgemeinde Tostedt hat das Neonazi-Problem lange Zeit komplett geleugnet. Der Leiter der Polizeiinspektion im Landkreis Harburg Uwe Lehne äußerte sich 2010 zur Situation: „Tostedt ist bunt und braun ist auch eine Farbe“. Durch die kontinuierliche Thematisierung und das Schaffen einer Öffentlichkeit seitens antifaschistischer Gruppen, konnte auch die Samtgemeinde Tostedt das Nazi-Problem nicht mehr komplett leugnen. Aktuell bemüht sich die Samtgemeinde durch gezielte Pressearbeit einem weiteren bzw. erneuten Image-Schaden vorzubeugen. Das Problem in Tostedt wird dennoch von der Gemeinde weiterhin verharmlost. Sicherlich hat sich in Tostedt seit 2010 etwas verändert, jedoch werden die Aktivitäten der Tostedter Naziszene immer noch verharmlost und auf Neonazis von „weit her“ geschoben.

Am 24.05.2014 organisierte das „Bündnis für Zivilcourage“ ein „Willkommensfest“ für die Geflüchteten, an dem sich etwa 50-70 Menschen beteiligten. Ebenfalls vor Ort aktueller Bürgermeister Dirk Bostelmann, der im Hamburger Abendblatt wie folgt zitiert wird: „Vom Ruf als ‚Braunes Dorf in der Nordheide‘ will Samtgemeinde-Bürgermeister Dirk Bostelmann nichts mehr wissen. ‚Auf den Wahlplakaten waren nur kleine Aufkleber gegen Ausländer, die sofort abgezogen wurden. Die Aufkleber kamen von weit her. Es gibt hier keine Einwohner, die sich so geschmacklos betätigen,‘ sagt er bei der Kundgebung“ (http://www.abendblatt.de/hamburg/harburg/article128401920/Buerger-setzen…)

Rassistische Attacken gegen die Geflüchteten sowie auf die Unterkünfte durch militante Neonazis sind leider wahrscheinlich. Erfahrungsgemäß ist zu befürchten, dass zukünftige Übergriffe von Neonazis auf die Geflüchteten von der Samtgemeinde bzw. der Polizei bagatellisiert werden, um einer Auseinandersetzung mit der immer noch vorhandenen Nazi-Problematik weiterhin aus dem Weg zu gehen.

Quelle: linksunten.indymedia.org