„Hooligans wittern ihre Chance etwas loszutreten“

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Rechte Parolen, eine rechtsextreme Band auf der Bühne, 49 verletzte Polizisten – rund 4.000 gewaltbereite Fußballfans und Rechtsextreme machten am Sonntag unter dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ Krawall in Köln. Feiern die Hooligans ein Comeback? „Sie wittern ihre Chance, außerhalb der Fußballszene etwas lostreten zu können“, sagt die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke im Interview.

Radio Bremen: Köln liegt rund 300 Kilometer von Bremen entfernt. Eine Kundgebung der rechtsextremen Bewegung „Pro NRW“ klingt ziemlich weit weg. Warum sind Sie mit dem Zug nach Nordrhein-Westfalen gefahren?

Andrea Röpke: Es war keine Kundgebung von Pro NRW, sondern handelte sich um eine Demonstration der rechten Hooligan-Initiative „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSe). Ein ehemaliger Funktionär von Pro NRW stand zunächst offiziell an der Spitze der Gruppierung. Inzwischen ist aber bekannt, dass vor allem altbekannte Neonazis, unter anderem aus Bremen und Hamburg dahintersteckten. Seit einiger Zeit zeichnet sich ab, dass sich die rechte Hooliganszene verstärkt in die Politik einmischt. Dazu werden in Bremen Gruppierungen wie die „Standarte Bremen“ oder die „Farge Ultras“ gezählt. Hooligans aus diesem Spektrum interessieren sich vor allem für populistische und rassistische Belange. Sie mischen sich unters AfD-Volk oder beteiligen sich an der Facebook-Gruppe gegen die Unterbringung der jugendlichen Flüchtlinge in der Rekumer Straße 12.

Die große Demonstration in Köln ist als Image-Kampagne der Hooligans gedacht gewesen. Sie wollten suggerieren: Wir sind die aktive Kampfgemeinschaft gegen die ausländischen Salafisten. In Bremen ist schon lange klar, dass der von den Hools propagierte Spruch „Sport ist Sport und Politik ist Politik“ Blödsinn ist. Gerade die Anführer der Bremer Hooligans, beispielsweise der „Standarte Bremen“ sind bekannte Neonazis, die zum Teil auch schon für die NPD aktiv waren. Die Fahrt nach Köln hatte also eine starke Symbolik für die Szene, dazu wurde massiv mobilisiert.

Radio Bremen: Sie sprechen von 40 Bremer „Hooligans“, die in Köln dabei gewesen sein sollen. Welche Rolle spielten die Bremer bei der Demo?

Andrea Röpke: Es waren wohl noch weitaus mehr Rechte und Hooligans aus Bremen und Umgebung, die sich an der Demonstration in Köln beteiligt haben. Etwa 40 brachen morgens gegen 9 Uhr mit der Bahn auf. Andere fuhren mit Bussen oder Autos. Die Bremer Hooligan-Anführer spielten bei der Demo eine maßgebliche Rolle. So hatte der Sänger der rechtsextremen Band „Kategorie C“, Hannes Ostendorf, extra für die Demonstration ein neues Lied mit dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ gedichtet und das auf der Bühne auch vorgetragen – und so quasi erst mal vor dem Aufmarsch ordentlich Stimmung gemacht.

Der Bremer Neonazi-Sänger ist keineswegs so unpolitisch, wie er sich gerne gibt. 2006 gab er ein Solidaritäts-Konzert für den inhaftierten Sänger der kriminellen Band „Landser“ in Berlin. In Köln war die Bremer Band die einzige auf der Bühne. Anscheinend spielte nicht nur Hannes, sondern wohl auch sein Bruder Hendrik im Vorfeld der „HoGeSa“-Demo eine wichtige Rolle. Hendrik Ostendorf hat lange für die NPD gearbeitet. Er gehört ebenfalls zur „Standarte“ und gilt als einer der Köpfe der Bremer Szene.

Aus Bremen kommt zudem der offizielle Anführer der „HoGeSa“-Leitung „Nord“. Er nennt sich Captain Flubber und mischt im Neonazi, Hool- und Rockerumfeld mit. Er steht aber wohl eher den Gruppen aus Bremen-Nord nahe.

Radio Bremen: Was bedeutet das für Bremen?

Andrea Röpke: Das bedeutet auf jeden Fall, dass die rechte Szene immer gefährlicher und unberechenbarer wird. Die Tendenz der Mischszenen zwischen Neonazi, Hooligans, Rotlicht-Türsteherszene und Rockermilieu hat alarmierend zugenommen. Neben der schwächelnden NPD, gibt es in Bremen noch die Neonazi-Partei „Die Rechte“ mit einem kleinen Ableger sowie die Bruderschaften „Brigade 8″ und „Nordic 12″. Diese Gruppen gelten alle als gewaltbereit. Sie bemühen sich nicht um Akzeptanz und kommunale Verankerung. Ihnen sind Kampfbereitschaft, Rassismus und elitärer männlicher Habitus wichtig. Das Schlimme ist, dass sie gerade bei Jugendlichen mit diesem nationalen „Widerstandsgebaren“ gegen „Gutmenschen“ und den demokratischen Staat Erfolg haben. Die Verfassungsschutzbehörden haben es bisher versäumt, umfangreich vor diesen neuen Mischszenen zu warnen.

Radio Bremen: Die „Hooligans“ stammen aus der Fußballszene. Die HoGeSa-Anhänger der verschiedenen Klubs sind oft verfeindet. Jetzt stehen sie offenbar „Seite an Seite“ – wie kommt das?

Andrea Röpke: Naja, das funktioniert ab und an in der Szene. Unter dem Motto „Der Bruderkrieg ist vorbei“ gab es das auch schon zwischen NPD und Kameradschaften. Wichtig ist der Szene das rassistische Ziel. „Salafisten“ sind dabei nur vorgeschoben. Das Thema bringt Zustimmung. Es geht um den bereits von „Blood & Honour“ in den 1990er Jahren verbreiteten „Rassenkrieg“. Die Hooligans, viele von ihnen früher einflussreiche Neonazis, wittern ihre Chance, als nationalistische Bewegung auch außerhalb der Fußballszene etwas lostreten zu können.

Radio Bremen: An der Kundgebung in Köln haben rund 4.000 Menschen teilgenommen. Die Zahl der Anhänger scheint zu wachsen. Die Gewerkschaft der Polizei warnt vor einer gefährlichen Entwicklung. Teilen Sie diese Einschätzung?

Andrea Röpke: Auf jeden Fall. Die Neonazi-Szene ist immer offener gewaltbereit. Das bietet reichlich Anknüpfungspunkte für rechtsmotivierte Hooligans. So gewinnen auch diese Gruppierungen wieder an Einfluss.

Radio Bremen: Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?

Andrea Röpke: Eine große Rolle. Ebenso wie bei den populistisch-hetzerischen Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime oder Sexualstraftäter, die über Nacht aus dem Boden gestampft werden und sofort Tausende von „Freunden“ in den sozialen Netzwerken finden, findet auch die rechte Hooligan-Szene dort massiv Akzeptanz. Die Hemmschwelle ist für viele Sympathisanten niedrig. Man kann erst einmal virtuell mitmachen und Kontakte knüpfen. Übrigens machen auch viel mehr Frauen mit als gedacht. Frauen sind sehr aktiv in diesen Netzwerken – aber wie gestern in Köln gesehen: Sie gehen auch mit zu solchen Gewaltaktionen.

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siehe auch
buten un binnen: Bremer Hooligans in Köln


1 Antwort auf „„Hooligans wittern ihre Chance etwas loszutreten““


  1. 1 listen to 29. Oktober 2014 um 17:05 Uhr

    https://www.freie-radios.net/66938 radiobeitrag mit interview und analyse zum thema.

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