„Ein zerrissener Ort“

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Dass strafffällig gewordene Jugendliche in der Nachbarschaft Ängste und Ablehnung hervorrufen, ist nachvollziehbar. Wohin das führen kann, zeigt sich dieser Tage in Farge-Rekum, dort, wo der Erziehungsheimleiter Lothar Kannenberg im Auftrag des Sozialressorts seit rund fünf Wochen versucht, straffällig gewordene minderjährige Flüchtlinge auf den richtigen Weg zu bringen. Seitdem ist Farge im Ausnahmezustand. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Die Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Wohnheims in der Rekumer Straße haben eine Lawine losgetreten. Sie begräbt Freundschaften zwischen Einzelnen und Familien unter sich und lässt offene Feindschaften zurück. Nachbarn werden auf der Straße nicht mehr gegrüßt, weil sie sich an einer gegen die Flüchtlingsunterkunft gerichtete Unterschriftenaktion nicht beteiligt haben. Die Gerüchteküche brodelt, man spricht über, nicht miteinander – Farge ist zutiefst gespalten.

Wer gegen dieses Wohnheim ist, wird schnell in die rechte Ecke gestellt. Gewiss nicht immer zu Recht. Andererseits kursieren im Umfeld der Einrichtung tatsächlich braune Parolen. Sie kommen auf Facebook-Seiten im Internet oder auf Anwohnerversammlungen zum Ausdruck. „Man sollte das Heim anzünden“, hieß es da oder – nach Berichten über den Selbstmordversuch eines Jugendlichen in dem Wohnheim – „Wäre nicht schade drum“. Erkennbar wird diese Wut auch von der Unzufriedenheit über die eigene Lebenssituation angetrieben: Wer einen Arbeitsplatz verloren hat, mit Vereinsamung oder finanziellen Problemen zu kämpfen hat, blickt dann mit Argwohn auf die straffällig gewordenen Jugendlichen, die mit hohem finanziellen Aufwand in die Gesellschaft integriert werden sollen. Für manch selbst ernannten Politiker ist damit die Gelegenheit gekommen, sein Süppchen darauf zu kochen.

Viele Farger sind wütend – auch auf distanzierte Behörden, die sich – viel zu weit weg von ihnen – ungeschickt verhalten haben. Die Farger fühlen sich überrumpelt. Quasi über Nacht wurde ihnen das Erziehungsheim vor die Nase gesetzt. Nicht wenige fragen sich nun: „Warum bei uns, warum nicht in Oberneuland?“

Viele monieren ein fehlendes Mitspracherecht; sie sind verunsichert und machen sich Sorgen um ihre Kinder. Das ist verständlich, denn Sicherheit wird ihnen anscheinend nicht geboten. Was sie wahrnehmen, sind unklare Behördenzuständigkeiten, unklare Regularien, unklare Perspektiven. Das Ergebnis sind Ohnmacht und Zorn – und so wird sich manch einer auch heimlich über die Drohungen gegen den Blumenthaler Ortsamtsleiter Peter Nowack freuen. Der berichtet von Pöbeleien und verbalen Angriffen, die, wie er andeutet, „gegen die Gesundheit gehen“. Angst und Wut vermischen sich zu einem Gift, das sich mehr und mehr im Stadtteil ausbreitet.

Mittlerweile gibt es vier Facebook-Gruppen, die entweder für oder gegen die Einrichtung sind. Eine davon – ein Tummelplatz vehementer Gegner Lothar Kannenbergs und seines Projekts in Farge – zählt mehr als 2000 Mitglieder. Weder der Initiator dieser Gruppe noch einer seiner engsten Unterstützer wohnen in Farge.

Polittourismus gab es aber auch auf dem sonst so menschenleeren Blumenthaler Marktplatz: Ein großer Teil der Teilnehmer der bisher zwei Demonstrationen waren gar keine Farger, viele noch nicht einmal Blumenthaler. 400 Teilnehmer waren für die erste Kundgebung gegen das Wohnheim Anfang November angemeldet. Gekommen sind lediglich 150. Die Demonstranten brachten an diesem Tag ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, von der Politik übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. Angesichts der mauen Beteiligung musste die Gruppe die Demo allerdings als Misserfolg werten. Die Antwort auf diese Demonstration war eine Kundgebung gegen Rassismus zwei Wochen später.

Viele Kritiker interessieren sich nicht für Blumenthal oder gar für Farge. Und für das Wohnheim und ihre Bewohner interessieren sich viele nur als Kulisse für die Bühne, auf der sie ihre Weltanschauung inszenieren. Die Kannenbergschen Schützlinge werden dabei wie Exponate eines Monstrositätenkabinetts behandelt. Einige Farge-Besucher drücken bei ihren Beobachtungen vor Ort auf den Kameraauslöser ihres Handys und stellen die Bilder ins Netz. Ist die Polizei vor Ort, dauert es nur wenige Minuten, bis die wildesten Mutmaßungen kursieren.

Lothar Kannenberg muss ein dickes Fell haben, um diese unverhohlene Feindschaft auszuhalten. Ganz gleich, ob das Projekt am Ende erfolgreich ist oder scheitert – es gibt nicht viele Menschen wie ihn, die sich gegen alle Widerstände um diese schwierigen Teenager kümmern würden.

Die Jungen in der Rekumer Straße sollen so lange dort wohnen bleiben, bis eine enge Betreuung, wie sie jetzt durch die Akademie Kannenberg geleistet werden soll, nicht mehr nötig ist. Dann wechseln sie in eine andere Einrichtung. Lothar Kannenberg wird laut Vertrag zunächst zwei Jahre lang in Rekum leben und arbeiten. Skepsis an dem Projekt ist erlaubt. Eine Chance aber haben alle Beteiligten verdient. Kannenberg genauso wie seine Heimbewohner.

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