Ni dieu, ni maitre…

Entgegnung zu „Ich bin nicht Charlie und du kannst mich mal“.

Großartig, wie der Kommentar von „Prinzip Schwachsinn“ unfreiwillig den selbstgefälligen linksradikalen Autismus illustriert und sich dabei zugleich das Bad im reaktionären Ende der Diskurspraxis der ach-so-verhassten Masse gönnt, indem er, sich im Besitz der alleinseeligmachenden Wahrheit wähnend, vor allem darauf setzt, sein Gegenüber zu beschimpfen, also eine Rangfolge zu schaffen und darin die eigene überlegene Stellung zu behaupten, statt sich auf einen Austausch von Argumenten zum Zwecke des Erkenntnisgewinns einzulassen, wie es Ziel emanzipatorischer und aufklärerischer Praxis wäre. Immerhin gelingt es ihm dabei am Rande, auch noch ein Argument hervorzustammeln: Der soziale Krieg finde bereits statt. Richtig. Blick zurück auf die Argumentation des Vorredners – hatte der das Gegenteil behauptet? Nein, der hatte darauf verwiesen, dass „Krieg“ keine emanzipatorische Angelegenheit ist, es niemals war und auch nicht sein kann, im übrigen auch sonst in keiner Weise etwas wünschenswertes und hatte deshalb die Huldigung des sozialen Krieges abgelehnt. „Prinzip Schwachsinn“ besticht also in der Disziplin teutonisches Geschimpfe und irreführende Rhetorik – großartig, Kamerad, weiter so bis zum Endsieg! – in dem Maße, in dem er in der Kategorie sachlich-emanzipatorisches Argumentieren enttäuscht: Thema verfehlt, Genosse – sechs, setzen, der Weg ist noch lang!

Aber zum Eigentlichen: Dass endofroad zur Kommentierung des Geschehens nichts besseres gefunden hat, als diesen noch dazu eher schlecht als recht übersetzten Beitrag französischer Insurrektionalist_innen, betrübt mich. Zwar gebührt den Verfasser_innen das Verdienst, auf einige Risse im Gefüge der offiziellen Instrumentalisierung des Anschlags zum Zwecke der (inter-)nationalen Einheitsmobilisierung zu verweisen und auch ihr Hinweis auf die Gemeinsamkeiten von Reoligiösität und Nationalismus ist hilfreich und sinnvoll. Sie tun dies aber mit einem Gestus, der die spontane soziale Mobilisierung, welche u.a. unter dem Banner „Je suis Charlie“ unmittelbar auf den Anschlag folgte, umstandslos der späteren Instrumentalisierung durch offizielle Stellen zuschlägt. Und wozu das, frage ich mich, wenn nicht aus dem selben Autismus, der auch den Kommentar von „Prinzip Schwachsinn“ antreibt: Dem unbedingten Wunsch abseits zu stehen, in einer Nische, in der es sich ebenso bequem revoluzzerhaft wie gesellschaftlich bedeutungslos leben lässt, mit dem „juten Jefühl“ auf jeden Fall auf der Seite der Revolution zu stehen, und zugleich genau zu wissen, dass sie so nie kommen wird, so dass man im kapitalistischen Spektakel der Identitäten weiter die Rolle der „einzig wahren Radikalen/Fundamentalkritiker_innen“ spielen kann; sich an soziale Mobilisierungen stets nur zu dem Zweck heranpirschend, die Zahl der teilnehmenden Nazis darin zu erspähen, und zugleich sicherzustellen, dass man immer ausreichend Abstand hält, um der Gefahr jeglichen Kontakts und Gedankenaustauschs bloss aus dem Weg zu gehen.

Natürlich haben die Autor_innen recht, wenn sie schreiben „Wir haben überhaupt keine Lust, dass genau diese Drecksäcke uns weiterhin zivilisieren und beseitigen, und noch weniger, mit ihnen Schulter an Schulter zu stehen“. Aber ist das wirklich alles, was geschehen ist? Gibt es keinen Grund zu unterscheiden zwischen dem spontanen sozialen Aufschrei, der auf den Anschlag folgte und der aufwendig inszenierten offiziellen Betroffenheitsschau? Sicher, Charlie Hebdo stammt zwar aus einer radikalen, sogar libertären Tradition, von der es sich inzwischen entfernt hat, ist Teil geworden der öffentlichen medialen Repräsentation, in der es eine der mittlerweile zulässigen Meinungen darstellt, wenngleich eine, die herrschenden Diskursen zuwiderläuft. Denn auch wenn die Haltung heute im Vergleich zu den Anfängen verwässert sein mag, steht das Blatt doch immer noch für Autoritätskritik – der Nation, des Staates, der Religionen – und das konsequent und nicht im Auftrag der „einen, besseren“ Religion, Nation oder Rasse. Wenn sich Menschen aus der Gesellschaft über einen Anschlag auf dieses Blatt empören, wenn Menschen unter diesem Gesichtspunkt das Gefühl haben, der Anschlag habe auch auf das gezielt, was für sie Gesellschaft ausmacht, also eine gegen die Dominanz einzelner Identitäten, Ideologien, Religionen und Parteien gerichtete Vielheit, dann stellt das für emanzipatorische Menschen keinen Grund dar, sich abzuwenden und zu verachten. Die weiterführenden Begründungen sind zum Teil verworren und unklar? Dann ist das ein Grund zum Austausch, auch zum Streit, wenn der Austausch zu nichts führt – aber solche Auseinandersetzungen können nur stattfinden, wenn man sich nicht zuvor abgesetzt hat. Wenn die Menschen innerhalb dieser Mobilisierungen sich positiv auf Demokratie beziehen oder auf Menschenrechte, und damit etwas meinen, was im Widerspruch steht zu den hegemonialen Mächten, die sich heute „demokratisch“ nennen, ist es dann das erste und wichtigste aus emanzipatorischer Sicht, sich abzugrenzen, indem man sie als Idioten beschimpft und ihnen ihren Demokratiebegriff wie einen Fehdehandschuh um die Ohren haut, weil er nicht alle Feinheiten der Begriffsgeschichte und der Staats- oder Herrschaftskritik berücksichtigt? Ist das in dieser Form wirklich mehr als identitäres Gehabe?

Etwas ganz anderes ist es, wenn Feinde, Verächter und Verfolger der Autoritätskritik nun plötzlich mitrufen „Je suis Charlie“ und sich in die vordersten Reihen drängen. Sie sollte man kenntlich machen, ihnen den Weg verstellen und ihre Verlogenheit aufzeigen, wenn sie des selben Geistes Kinder sind wie jene, die sie vorgeben zu bekämpfen. Aber dazu braucht es keine Abkehr von der sozialen Mobilisierung heraus, im Gegenteil (wie z.B. die Beiträge hier und hier zeigen) – aus dem Szene-Off spricht man nur zum Szene-Off zwecks Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung, wer andere erreichen will, muss sich weiter raus wagen…


5 Antworten auf „Ni dieu, ni maitre…“


  1. 1 In diesem Sinne... 13. Januar 2015 um 20:59 Uhr

    Cartoon über die „Faschistische Vereinnahmung“:

    http://www.anony.ws/i/2015/01/13/nichtsoenthemmtjuergen.jpg

    (Sprechblase: „Nicht so enthemmt, Jürgen“)

  2. 2 Fehlende Links 13. Januar 2015 um 21:01 Uhr
  3. 3 Anonymous 14. Januar 2015 um 11:11 Uhr

    Danke

  4. 4 OchMensch 14. Januar 2015 um 15:05 Uhr

    Inhaltlich sicher richtig, aber muss denn der Gebrauch von Autismus in diesem Falle sein?
    Hier ist doch die Forschung schon wesentlich weiter und zig Autist_innen haben bereits entsprechend Stellung bezogen, so dass klar sein sollte, das Autismus zur Erklärung dieses Phänomens als Begriff nicht taugt.
    Sorry Genosse – Ebenfalls 6 und setzen!

  5. 5 Ni dieu, ni maitre... 15. Januar 2015 um 2:20 Uhr

    Kann diese Kritik durchaus annehmen und mir einiges dabei denken. Ist wohl immer problematisch, einen Begriff aus der Medizin/Psychiatrie zu nehmen und auf andere Bereiche zu übertragen, weil er die in diesem Sinne Betroffenen diskriminiert und abwertet… Aber um mich auf den aktuellen Stand der Forschung zu bringen, würde mir ein Link doch sehr weiterhelfen.
    Ok, ich sitze… und warte :)

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