„Zum Beispiel Pegida“

Folgendes Flugblatt wurde auf der Anti-Pegida-Demo „Bremen ist bunt“ am 26. Januar verteilt:

Wollte man böse sein, könnte man die Pegida- und die Anti-Pegida-Kundgebungen in ein und denselben Topf werfen – schließlich geht es ja beiden um die Zukunft Deutschlands. Während aber die Organisatoren dieser Kundgebung andere “Kulturen” als “Bereicherung” für Deutschland ansehen und damit deutlich machen, dass sie Nichtdeutsche nicht als Menschen gut finden, sondern zur Quelle deutschen Reichtums erniedrigen, halten die Pegida-Leute Nichtdeutsche für letztlich anszumerzende Schmarotzer an eben diesem deutschen Reichtum. Soweit der offensichtliche Unterschied in der Mittelwahl.

Aber schauen wir uns Pegida und Konsorten doch ein wenig genauer an, anstatt in ihnen nur die ewige Wiederkehr des Gleichen zu sehen. Zunächst einmal fällt auf, dass die Bewegung gegen die “Islamisierung des Abendlandes” in einer Stadt entstand, in der nur 0,4% der Bevölkerung dem Islam angehören. Deutlich wird an diesem Mißverhältnis, dass “Islamisierung” nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern vielmehr als Chiffre, als Platzhalter für etwas ganz anderes, wobei der Platzhalter selbst darauf hinweist, dass es sich um etwas äußerst Gravierendes handelt, das die gesamte Gesellschaft betrifft und sie in ihren Grundfesten bedroht. Und was soll das wohl sein, wenn nicht die fundamentale Krise unserer kapitalen Gesellschaft, in der es mittlerweile als Glück und Privileg gilt, sich in einem immer rasender werdenden Arbeitsalltag verschleißen zu dürfen, wohingegen der weitaus größte Teil der Menschheit schlicht als überflüssig gilt – als überflüssig nämlich vorm Standpunkt der zum “Wirtschaftswachstum” verniedlichten Kapitalakkumulation.

Die Pegida-Demonstranten ahnen diese Krise, aber sie wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht wahrhaben, dass die Krise hausgemacht ist, dass es sich um eine Krise unserer Weltgesellschaft handelt. Sie wollen, dass alles beim Alten bleibt, dass sich nichts ändert, am wenigsten sie selbst, sie wollen der jämmerliche Warenkonsument bleiben, der sie – und wir alle! – sind. Dieser unbedingte Wille zum Stillstand in voller Konsumbewegung, diese absolute Verstocktheit im Hier und Jetzt gerät nun in Konflikt mit dem dumpfen Gefühl, dass die Krise ihnen dabei einen Strich durch die Rechnung machen wird, denn das immerhin haben sie aus den Nachrichten über Griechenland und Spanien gelernt. Und diesem Konflikt weichen sie aus, indem sie die innere Krise unserer Weltgesellschaft nach außen projizieren und in Gestalt islamistischer Horden über ihr Abendland herfallen sehen. Der offensichtliche Irrsinn, der sich in dieser Reaktion auf die Krise kundtut, ist dabei das genaue Maß der rassistischen Gewalt, die Pegida zur Krisenlösung vorschwebt.

Dagegen helfen keine Multikulti-Beschwörungsrituale, kein verbaler Abwehrzauber, kein infantiles Trommeln für ein friedliches Miteinander. Dagegen hilft nur, die von Pegida immerhin geahnte Krise als unsere Krise ins Auge zu fassen, als Zersetzungkrise unserer Gesellschaft, die Stück für Stück – das zeigen sogar die RTL-Nachrichten – an ihrem Grundprinzip, dass alles “finanzierbar” sein und “sich rechnen” muss, zugrunde geht. Wenn wir dabei nicht mit zugrunde gehen wollen, wird es Zeit, dass wir die Kritik zur gesellschaftlichen Selbstkritik radikalisieren, anstatt immer nach Sündenböcken zu suchen, und heiße der Bock Pegida.

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!

checkt blog.einer-von-vielen.de


5 Antworten auf „„Zum Beispiel Pegida““


  1. 1 dagegen 27. Januar 2015 um 12:57 Uhr

    Hört sich arg nach Querfront-Gefasel an, ich finde es sehr an den Haaren herbeigezogen, das Auftreten dieser rassistischen Arschlöcher als Ausdruck der „Ahnung“ einer wie auch immer gearteten Krise des Kapitalismus zu werten. Ich weigere mich, diese Leute auch nur in irgendeiner Weise „verstehen“ oder nachvollziehen zu wollen. Pegida ist bestimmt kein Aufschrei einer Menge von Menschen, die eine Krise des Kapitalismus erkannt haben und lediglich den „Islamismus“ als „Grund“ oder Sündenbock dafür ausmachen, sondern das schlichte Ergebnis eines Prozesses, in dem über Jahre hinweg deutscher Nationalismus und Ressentiments gegenüber „Fremden“ (in diesem Fall vermeintliche Islamisten) wieder gesellschaftsfähig gemacht wurden. (Fußball WM, „wir“ sind Weltmeister, „Pleitegriechen“ blablabla) Natürlich existierte beides schon vorher und ist bestimmt bei einer weitaus größeren Menge an Menschen anschlussfähig, als denen, die bei Pegida tatsächlich mitlaufen. Es kann jedoch gerade deswegen keinen Dialog mit diesen Leuten geben, kein Nachvollziehen ihrer wie auch immer ausgestalteten Motivation und erst recht keine Akzeptanz. Jede/r kann selbst entscheiden, ob er oder sie ein fremdenfeindliches Arschloch ist oder nicht. Die Leute, die bei Pegida mitlaufen, haben sich entschieden und haben mit nichts anderem als Gegenwind zu rechnen.
    Das Flugblatt ist mir zu wirr, wirft viel zu viel zusammen und ich finds scheisse.

  2. 2 äpfel mit birnen 27. Januar 2015 um 21:47 Uhr

    „Und diesem Konflikt weichen sie aus, indem sie die innere Krise unserer Weltgesellschaft nach außen projizieren und in Gestalt islamistischer Horden über ihr Abendland herfallen sehen. Der offensichtliche Irrsinn, der sich in dieser Reaktion auf die Krise kundtut, ist dabei das genaue Maß der rassistischen Gewalt, die Pegida zur Krisenlösung vorschwebt.“

    hä? dieser irrsinn ist das Maß der Gewalt?

    ich find ja theoretische texte auch ganz nett, aber wenn´s so verschwurbelt daher kommt… ich bin raus. muss wohl erstmal meinen „BA of Theorie“ machen.

  3. 3 TOTAL FALSCH 27. Januar 2015 um 22:59 Uhr

    Wer hat sich diese Pseudo-Analyse aus den Fingern gesogen? Das ist auch noch beim dritten Mal durchlesen vollkommener Blödsinn!

    Wer Pegida in seiner Zielrichtung und in seinen Ursachen allein auf die globale Wirtschaftweise, bzw. den Kapitalismus reduzieren will, hofiert sie zu Opfern unter ihren Opfern. Zumal dieser Vergleich Pegida und No-Pegida seien zwei Seiten einer Medaille, stark an die bürgerliche Fassung der Extremismustheorie erinnern lässt.

    Dieses Argumentationsmuster von Opfer sein durch Kräfte die von Außen auf das „Volk“ einwirken und global, also nicht allein in den Händen des betroffenen Volkes sind, ist auch problematisch, so würde auch KenFM mithilfe codierten sekundärem Antisemitismusses argumentieren.

    Die Erklärung, die Pegida sind Opfer des Kapitals, ist gefährlich und irreführend- So ließe sich dieses Muster auch auf die Shoa und die Nationalsozialisten übertragen und heraus käme: Deutsche Täter sind Opfer des Kapitals und ihre Taten gegenüber denen die sie ermordeten daher logische Folge eines Mangels im System, das betroffene zu Antisemitismus oder anderen Haas gegen Minderheiten nötigt oder zwingt und schlussendlich dadurch moralisch gerechtfertigt werden müssten.

    Das ist nicht nur in der Analyse grotesk falsch, das erhebt die Argumente von Pegida, Neonazis und bürgerliche Rassist_innen/Sozialchauvinist_innen, wie der AFD, sowie ihre Forderungen (hinter der Agresssion oder Gewalt die sie verüben), als doch berechtigt in den Himmel und dreht sie von Tätern zu den Opfern, durch persönliche Unschuld. Der gemeine Neonazi mit dem Feuerzeug und Benzin vor der Asylunterkunft kann sagen: Ich armer leide unter dem Joch des Kapitals, der kapitalismus zwingt mich also das zu tun.

    Die Befreiung des Menschen von seiner eigenen Verantwortung, seinem Gewissen und seiner Schuld durch das Argumentationsmuster, der Kapitalismus zwingt alle in eine bedingt gewissenlose, verantwortungslose Rolle und deswegen müsse das Verhalten entschuldigt werden, da wir alle im gleichen Sumpf sitzen, also solidarisiert euch alle gegen den bösen abstrakten Feind von Oben, ist total falsch und ein brandgefährliches Signal!

    Dieser Text/Flyer ist somit typisch Querfront Agitation. In den Müll damit!

  4. 4 Anna 29. Januar 2015 um 18:47 Uhr

    Also ich kann das Abtun als „Querfront Agitation“ nicht nachvollziehen. Es ist doch wichtig zu analysieren, warum Leute etwas tun und wie sie argumentieren, wie soll man sonst etwas gegen die Zustände tun, die man abschaffen möchte? Das Argument mit dem freien Willen“ ist nett gemeint, aber das muss ja konsequenterweise dann auf alle in diesem System bezogen werden – und dann… pasiert nix, weil jede/r entscheidet sich ja selbst dafür im Kapitalismus zu leben… ich finde den Text schon ganz gut und analysierend, es stellt sich mir wirklich im Moment oft die Frage, was an den „Anti Pegida“ Protesten – oft mit initiiert von Politikern die gleichzeitig an noch härteren Asylrichtlinien arbeiten – besser sein soll? die Frage, was beides unterscheidet, was jeweils die Hintergründe sind ist doch der Kern vom Text wie ich ihn verstehe. Das hat doch nix damit zu tun, dass Pedida damit legitimiert werden soll

  5. 5 Jobber 30. Januar 2015 um 10:49 Uhr

    Eine ganz gute Widerlegung von PEGIDA ist diese hier:

    http://Neoprene.blogsport.de/2014/12/21/wendy-zu-pegida/#comment-115848

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.