„Hohe Kampfmotivation“

kopiert aus der taz

Das Kurdistan-Solidaritätsbündnis geht heute anlässlich der Befreiung Kobanês auf die Straße

taz: Herr Janssen, hat sich die Sicht des Westens auf die Kurden verändert?

Sören Janssen: Ich glaube, dass verschiedene westliche Staaten relativ selektiv auswählen, wen sie unterstützen, und die kurdische Regierung von Barzani im Nordirak bevorzugen. Die kurdische Autonomieregion im Nordirak ist kapitalistisch geprägt. Die Menschen in Rojava, einer auch vom IS bedrohten Nachbarregion in Syrien, versuchen hingegen, ein alternatives Wirtschaftsmodell aufzubauen, die Gleichberechtigung von Frauen und ein friedliches Miteinander der Religionen zu erreichen. Insgesamt sind die Probleme der Kurden medial präsenter, aber in der deutschen Gesellschaft eher nicht – dies wollen wir ändern.

Wäre die Solidarität mit den Menschen in der Region geringer, wenn sie nicht selbst kämpfen würden?

Nein, die Solidarität mit den Menschen vor Ort entsteht, weil sie durch den IS bedroht werden. Und weil die Menschen in Rojava für universelle menschliche Werte kämpfen, die es zu verteidigen gilt.

War die Befreiung Kobanês nur aufgrund der Waffenlieferungen möglich?

Nein, denn die Waffenlieferungen gingen vor allem an die Peschmerga-Kämpfer im Nordirak und nicht an die ebenso aktiven kurdischen Kampfeinheiten YPG und YPJ. Der Erfolg kam vor allem durch deren hohe Kampfmotivation. Und auch die Anti-IS-Koalition hatte ihren Anteil daran.

Ist mit den Lieferungen denn eine Grundsatzentscheidung gefallen?

In der deutschen Linken war es keine Grundsatzentscheidung. Waffenlieferungen müssen immer kritisch betrachtet werden, etwa die Lieferungen an autoritäre Regime, die massive Menschenrechtsverletzungen begehen, wie Saudi-Arabien.

Wie geht es jetzt in Kobanê und Rojava weiter?

Die ökologische Zerstörung durch Ölquellen, die nicht mehr abgepumpt werden, ist groß. Außerdem ist die Stadt massiv zerstört und auch die humanitäre Situation ist sehr schwierig. Es geht also in erster Linie um den Wiederaufbau. In Rojava versuchen die Menschen außerdem, ihre Selbstverwaltungsstruktur weiter aufzubauen. Sie wollen erst mal basisdemokratische Strukturen schaffen, es geht im Moment nicht um Unabhängigkeit.

Wird es zu einer Aufhebung des PKK-Verbots in Deutschland kommen?

Das wünsche ich mir zwar, ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die deutsche Regierung das macht. Das Verbot ist ein Geschenk an die Türkei, die nun mal ein wichtiger Nato-Partner ist. Einen Streit will die Bundesregierung auf jeden Fall vermeiden.

Was sind die nächsten Ziele des Kurdistan-Solidaritätskomitees in Bremen?

Vor allem, Öffentlichkeit herzustellen, auch für das Gesellschaftsmodell in Rojava. Einige Ideen sind auch für unsere Gesellschaft interessant. Außerdem wollen wir für den nötigen Wiederaufbau internationale Solidarität aufbauen.

Die Demonstration unter dem Motto „Glückwunsch, befreites Kobanê – Schaffen wir zwei, drei, viele Rojavas!“ beginnt um 13 Uhr am Leibnizplatz in Bremen

Quelle: taz.de