„Keine Nazis! Auch nicht in Bremerhaven!“

Am 4. April 2015 haben Nazis versucht in Bremerhaven vor einem Flüchtlingsheim zu demonstrieren. Im Zuge antifaschistischer Gegenaktivitäten hat die Basisgruppe Antifa folgendes Flugblatt dort verteilt.

Keine Nazis! Auch nicht in Bremerhaven
Heute wollen hier in Bremerhaven Nazis aufmarschieren, um vor einem Flüchtlingsheim zu demonstrieren.
Nazis vertreten eine Ideologie die im Gegensatz zu unserer Vorstellung von einem für alle Menschen schönem Leben steht. Diese Ideologie basiert auf menschenverachtenden Ausschluss- und Unterdrückungsmechanismen wie Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und vielen weiteren. Aus diesem Grund sind wir heute hier. Wir sehen es als notwendig an, den Versuch der Nazis, ihre Ideologie auf die Straße zu bringen, immer wieder unmöglich zu machen.
Als wäre der Kampf gegen Nazis nicht schon mühsam und kräfteraubend genug, heißt es dazu auch noch jeden Tag: Zur Arbeit gehen, zum Amt rennen, kochen, putzen, um die Kinder kümmern, zur Ärztin gehen und all den anderen Mist, der sonst so noch gemacht werden muss.

… no way out?
Wenn die Nazis demonstrieren sind bürgerliche Parteien und Organisationen mit ihrem Protest dagegen meist nicht fern. Sie sehen in den Nazis Feind*innen ihrer gesellschaftlichen Ordnung.
Doch Nazis stehen nur auf dem ersten Blick im Gegensatz zum Staat und der kapitalistischen Gesellschaft, in Wirklichkeit sind sie aber deren radikalste Fans. Was die Nazis an der demokratischen Politik stört, ist nicht ihr nationaler Zweck, sondern deren vermeintlich mangelnde Durchsetzung.
Aus ihrer Sorge um Deutschland ziehen sie aber andere Schlüsse als die Demokrat*innen. Während der demokratische Staat beispielsweise Ausländer*innen nach Nützlichkeit sortiert, haben Nazis bereits ein ganz grundsätzliches Problem mit dieser, ihrer Auffassung nach, „Versündigung an der nationalen Sache”. Anstelle einer die Menschen nach Nützlichkeit sortierenden Gesellschaft setzen sie das Prinzip der ’’Volksgemeinschaft’’. Hier darf nur mitmachen, wer für die Nazis als ’’deutsch’’ gilt. Wer für sie nicht in diese Kategorie fällt steht in den Augen der Nazis, ihrer Vorstellung einer Gemeinschaft feindlich gegenüber. Diese Definition dient einigen von ihnen, nur beispielhaft hierfür steht der NSU, als Grund für die direkte und mörderische Verwirklichung ihrer Vorstellungen.
Sowohl Nazis als auch der Alltagsrassismus stellen eine wirkliche Gefahr für die Menschen dar. Doch neben ihnen trägt auch der Normalvollzug von Staat, Nation und Kapital dazu bei, das Leben der Menschen in dieser Gesellschaft tagtäglich unerträglich zu machen. Dies wird garantiert von dem System von Zwang und Ausbeutung, Herrschaft und Gewalt, welches Menschen abschiebt und Kriege führt.

Wer ist eigentlich dieser Bremerhaven?
Heute ist auch die offizielle Politik in Gestalt der verschiedenen Parteien wieder mit dabei. Bestenfalls reden sie, also mindestens SPD, Grüne, Linke und co, von Zivilcourage und Toleranz. Schlimmstenfalls geht es um ’’unsere’’ historische Verantwortung. Aber eines eint sie alle: Sie sprechen im Namen eines Kollektivs. Ausgerechnet „unser Bremerhaven“ oder „Deutschland’’ soll nun gegen die Nazis verteidigt und in Stellung gebracht werden. Aber was ist dran am Gerede von der Nation, das immer dann besonders laut wird, wenn es mal wieder heißt, das wir den ‘’Gürtel enger schnallen’‘ sollen, also eine Verschlechterung unserer materiellen Lage zum ’’Wohle des großen Ganzen’’, hinnehmen müssen?
Das große ’’wir’’, das da behauptet wird, wischt damit weg, dass es Leute gibt, die arbeiten und Leute, die arbeiten lassen, Leute die Lebensmittel, Möbel und ähnliches besitzen und Leute, die sie von ihnen kaufen müssen, Mieter*innen und Vermieter*innen, etc. Also all jene Unterschiede, die eigentlich eine zentrale Rolle spielen sollten, wenn es um die Frage geht, mit wem wir uns warum zusammenschließen.
Denn wir haben mit den Menschen, die in den Nazis einen bedrohlichen Angriff auf die bestehende gesellschafliche Ordnung sehen, nicht die gleichen Interessen. Wir wollen diese Gesellschaft abschaffen. Sie zwingt uns dazu unsere Arbeitskraft für Lohn zu verkaufen, damit mit dieser möglichst günstig Profit erzeugt werden kann. Allerdings bleibt uns in dieser Gesellschaft auch gar nicht viel übrig, schließlich brauchen wir das Geld zum Leben, also für Essen, Schlafen, Trinken etc.
Ohne Geld geht hier nämlich gar nichts, dafür sorgt der Staat mit seinem Gewaltmonopol. Das bedeutet, dass wir von allen nötigen und schönen Dingen ausgeschlossen sind – egal wie sehr wir sie brauchen. Es sei denn, wir haben Geld. Geld ist nämlich kein praktisches Austauschmittel, sondern vor allem Verfügungsmacht.

„Communism stole my virginity…“ Classless Kulla
Auf all das, den täglichen Zwang zur Lohnarbeit, eine Gesellschaft, in der Menschen nur dann ihren Platz haben, wenn sie sich als „nützlich’’ erweisen und wenn sie nicht im Besitz eines deutschen Passes sind, im Zweifel abgeschoben werden und all den anderen Scheiß haben wir keinen Bock. Wir wollen diese Verhältnisse, in denen produziert wird um Profit zu erzeugen, überwinden und stattdessen eine Gesellschaft, in der dies für die Bedürfnisse der Menschen geschieht. Diese nennen wir kommunistisch!
Was wir damit meinen, ist nicht die DDR oder andere vermeintlich ’’kommunistische’’ Staaten. Der ’’Realsozialismus’’ war ein falscher Versuch der Überwindung des Elends der kapitalistischen Verhältnisse und wurde in Konsequenz blutig gegen die Menschen durchgesetzt. Beispielhaft dafür sind sowjetische Lagersysteme oder die „Mauer’’. Was wir dagegen wollen, ist eine Gesellschaft, in der die Menschen sich Selbstzweck sind und nicht Mittel für den Profit. Also eine Gesellschaft, in der die Leute sich zusammentun, um ein schönes Leben für alle wirklich werden zu lassen. Eine solche Gesellschaft aber wird nicht alleine entstehen. Dazu braucht es Leute, die unsere Kritik teilen, mit denen wir uns gemeinsam (selbst)organisieren und diesen Laden weghauen können, um endlich in einer Welt leben zu können, in der alle ohne Angst verschieden sein können.

„… the whole fucking bakery“
Auf eine “Volksfront gegen Rechts” mit den Leuten, die am nächsten Tag wieder Politik für Deutschland, das heißt gegen die Menschen, machen, haben wir wenig Lust. Nazis sind gefährlich und müssen deshalb verbeult, vertrieben, gestoppt werden. Doch unser Kampf richtet sich nicht nur gegen Nazis. Es ist genauso notwendig gegen Staat, Patriarchat, (Lohn)Arbeit und Kapital und die ganze andere Scheiße, die ein Angriff auf das schöne Leben ist, zu kämpfen.