„Herr Anarchist, wir müssen mal über Kolonialismus reden“

Die dogmatische Kritik an Volksbewegungen für Autonomie in Chiapas und Rojava zeigt eine kolonialistische Mentalität, die aus unserer Bewegung ausgemerzt werden sollte.

Im Jahr 2002 veröffentlichte das US-Journal Green Anarchy einen kritischen Artikel zur zapatistischen Bewegung, der ein Urteil beeinhaltete, dass die schlimmsten Befürchtungen des Autors auszudrücken schien: „Die EZLN ist nicht anarchistisch!“. In dem Text werden die Zapatistas als „avantgardistische Nationalist*innen“ und „Reformist*innen“ dargestellt, die von der anarchistischen Lizenz- Kommission das Privileg verwehrt bekommen, sich Anarchist*innen zu nennen – obwohl die indigenen Rebell*innen niemals verlangten, so genannt zu werden.

Die EZLN antwortete auf den Artikel1 – obwohl, wie Subcommandante Marcos klar machte, wenige Zapatistas gewillt sind, Argumente mit „unbedeutenden Elementen einer ideologischen Randströmung“ auszutauschen und noch weniger Kämpfer*innen der EZLN besorgt sind über die Einschätzungen von „Menschen, deren Hauptverdienst es ist, ihren Mangel an Verständnis und Wissen in Zeitungen und Magazinen zu verbreiten.“ Aber Marcos entschied sich trotzdem auf den Artikel zu antworten, da er ein gutes Beispiel für den „guten alten Kolonialismus“ sei:

Diese Einstellung – versteckt hinter einer dünnen Wand der Objektivität – ist dieselbe, mit der wir uns seit 500 Jahren auseinandersetzen, wenn irgendwer in einem anderen Land mit einer anderen Kultur denkt, er oder sie wisse, was das beste für uns wäre, besser als wir selbst es tun.

Ansichten wie diese eine aus der Green Anarchy sind keine Ausnahmen und auch kein Ding der Vergangenheit. Bestimmten Teilen des „anarchistischen“ Milieus gefällt es immer noch, in einer kurzsichtigen, schlecht informierten, dogmatischen und sektiererischen Weise die Kämpfe der Völker im Globalen Süden zu kritisieren und reproduzieren damit wissentlich oder unwissentlich die Logik des Kolonialismus.

Ich schreibe diesen Text als Antwort eines Artikels von Gilles Dauvé2, der die kurdische Bewegung in Rojava auf ähnliche Weise verleumdet.
Ein ähnlicher Text, gleichermaßen basierend auf dubiosen ethischen und logischen Grundlagen, wurde von der Anarchist Federation in London publiziert3. Es ist bedeutend zu betonen, dass, obwohl ich speziell auf die schlecht informierte Kritik der oben genannten Artikel antworte, die Themen, welche ich hier anspreche, weit mehr für die anarchistische Bewegung im Westen von Bedeutung sind als für die kurdische oder zapatistische Bewegung, die keine Bewertungen oder Verbesserungsvorschläge von irgendwelchen privilegierten Ideolog*innen aus dem Ausland brauchen.

Meine größte Sorge, während ich diesen Artikel schreibe, ist, dass die kolonialistische Mentalität und der tiefgreifende Dogmatismus bestimmte Individuen und Gruppen der westlichen anarchistischen Kreise symptomatisch für eine tiefe Krise der organisatorischen und fantasievollen Kapazitäten von Teilen unserer Bewegung sind. Dieses Thema sollte deshalb Anlass für eine ernste Debatte sein. Wenn wir damit scheitern solch eine Debatte zu führen, riskieren wir uns zu marginalisieren und unsere Bewegung in eine selbstzentrierte Subkultur zu verwandeln, die unfähig zur Verbindung mit der Welt da draußen ist. Dies würde den westlichen Anarchismus verschwinden lassen – als historisches Relikt, das sich als unfähig erwies in seinen Zielen, den status quo herauszufordern.

Nicht verurteilen, nicht unseren Kopf verlieren

Dies ist die Annahme, mit der Dauvés Artikel beginnt: Wir sollten die kurdische Bewegung nicht verurteilen, aber wir sollten auch nicht unseren Kopf verlieren, indem wir sie verehren. So weit so gut. Aber entgegen seiner erklärten Objektivität endet der Autor damit genau das zu tun, was wir seinen Worten nach nicht tun sollten: Er wendet die Konzepte und Standards des westlichen politischen Denkens an die Revolution in Rojava an und folgert, dass sie nicht in seine vorgefertigte Kategorie einer „sozialen Revolution“ hineinpasst.

Die Anarchist*innen (und es sind nicht wenige), die den Kampf für demokratische Autonomie in Kurdistan unterstützen, werden erinnert, nicht „ihren Kopf zu verlieren“. Ihre Unterstützung wird dargestellt als ein Zeichen von Radikalismus „ohne Rückgrat“, weil sie sich nicht an Gott-weiß-welches Dogma hält. Das ist eine interessante Form des „Anarchismus“, wenn wir die Reichhaltigkeit und Vielfalt der anarchistischen Tradition bedenken. Abgesehen von diesem herablassenden Diskurs ist es interessant die Fakten und Behauptungen dieser rechtschaffenen und durchblickenden Polstersessel- Revolutionär*innen zu untersuchen.

Dauvés Behauptungen können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Der Kampf in Rojava wird von einer Bevölkerung geführt, die „niemanden interessiert“ und von den großen Mächten in ihrem Spiel um Autonomie in Ruhe gelassen wird, weil es die kapitalistische Ordnung nicht wirklich stört.
  2. Die Revolution in Rojava ist ein Kampf, der – im besten Fall – auf den Prinzipien des westlichen Liberalismus basiert . Sie ist keine soziale Revolution, berührt nicht die tieferen Strukturen der Gesellschaft und ist nicht explizit antikapitalistisch.
  3. Es gibt kein Herausfordern des Staatsapparats und der Kampf ist von Natur aus nationalistisch.
  4. Die Emanzipation der Frau ist eine Farce und eine Übertreibung, die Revolution ist keine feministische.

Da die gleiche Kritik oft auf andere Bewegungen ähnlichen Charakters, wie die Zapatistas, angewandt wird, hat es eine Bedeutung, die weit über Rojava hinausgeht, diese bestimmten Punkte herauszufordern.

Die Würde der Nobodies

„Niemals ein Mexiko ohne uns“ ist einer der Slogans, welche die ideologische Essenz der EZLN zeigen. Die indigenen Menschen in Chiapas waren unbekannt, unwichtig und vergessen, links liegen gelassen um von Hunger und Krankheiten abgemurkst zu werden. Das ist der Grund, weshalb der Aufstand der Zapatistas von 1994 oft als „Krieg gegen die Vergessenheit“ bezeichnet wird. Diese Vergessenheit war nie und ist noch immer kein Unfall: Sie ist ein beabsichtigtes Produkt von Rassismus und Kolonialismus, sowohl äußeren als auch inneren, welches das Leben und die Leiden der Menschen im Globalen Süden entwertet; mit dem Ergebnis, dass sie für den Rest der Welt oft nicht existieren.

Als dieses Schweigen 1994 gebrochen wurde, realisierten die mexikanische Regierung und die Massenmedien die Macht der Informationen und errichteten eine Medienblockade, welche relativ erfolgreich die Präsenz und die Erfolge der Zapatistas aus dem Massenbewusstsein in Mexiko und außerhalb auslöschte. In ähnlichem Stil wurde der revolutionäre Kampf der Kurd*innen von den globalen Medien größtenteils übergangen (zumindest bis zum symbolischen Kampf um Kobani) und die Repression und Aggression, die sie von anderen Mächten als dem IS erfährt, wird weiterhin nicht erwähnt.

Sowohl Zapatistas als auch die kurdische Bewegung sind eine Gefahr für den status qou, weil sie Alternativen anbieten und anwenden, die wirklich funktionieren. Die Gefahr, die auf die Existenz solcher erfolgreichen Beispiele zurückzuführen ist, hat zu ihrer hartnäckigen Verbannung aus den Mainstreammedien und der öffentlichen Debatte geführt – und tatsächlich zu andauernden Anschuldigungen durch reaktionäre Kräfte. Zu erklären, diese Kräfte existierten durch die Gnade der großen Mächte, einfach weil sie niemanden stören, ist lächerlich.

Mehr noch, diesen Bewegungen würde freie Hand gelassen, weil sie keine Bedrohung für Staat und Kapital seien, ist äußerst unverschämt gegenüber der Erinnerung an all die, welche von der mexikanischen, türkischen oder syrischen Regierung über Jahre getötet, verfolgt und enteignet wurden. Beide Bewegungen wurden intensiv verfolgt und bleiben es weiterhin. Zehntausende wurden vertrieben. Verdeckter Krieg und offene militärische Konfrontation wurden und werden weiterhin gegen sie eingesetzt. Da sowohl Rojava als auch Chiapas reich an natürlichen Ressourcen sind, wird Dauvés Behauptung, sie interessierten das Kapital nicht wirklich und würden deshalb in Ruhe gelassen, direkt von den Fakten widerlegt.

Die Revolution, die sich selbst neu erfindet

„Fragend voranschreiten“ ist das zentrale Prinzip, das die Zapatistas definierten in ihrer Bemühung über vorherbestimmte und engstirnige Modelle eines revolutionären Kampfs hinauszukommen. Die Zapatistas sehen Revolution als einen Prozess, in dem Menschen ihre Freiheit von unten aufbauen und lernen, sich selbst zu regieren.

Dieses Prinzip weist die traditionelle marxistisch-leninistische Vorstellung der historischen Avantgarde zurück und immunisiert den revolutionären Prozess gegen autoritäre Tendenzen „im Namen der Revolution“ – eine Seuche, die in den staatssozialistischen Regimen des 20. Jahrhunderts allzu weit verbreitet war. In gleiche Weise ist die Revolution in Rojava als Prozess konstruiert, nicht als Anwenden fertiger Formulare.

Die eifrige Verwendung westlicher Terminologie und der Versuch die Revolution in Rojava zu klassifizieren, führt dementsprechend zu dem Eindruck, der wahre Grund, warum diese angeblich kritischen „Anarchist*innen“ skeptisch sind, sei, dass einige unbekannte nichtweiße Menschen ablehnen, die Anweisungen ihres Kochbuchs zu befolgen. Natürlich geschieht all dies ohne praktische Beweise, da sich herausstellt, dass diese „Anarchist*innen“ vielleicht das Kochbuch gelesen haben, aber irgendwie furchtbare Köche*Köchinnen sind.

Um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen: Dauvés Analyse der seiner Ansicht nach „liberalen“ Struktur der Kantone Rojavas basiert allein auf seinem engstirnigen Lesen des Gesellschaftsvertrages4 – der Verfassung der Kantone – aber scheitert daran tiefer im parallelen System der direkten Partizipation zu suchen, dass ihn begleitet. Interessant genug: Er erklärt, dass sich die soziale Struktur in den kurdischen Kantonen nicht geändert habe, was allen sachlichen Beweisen und direkten Beobachtungen von Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen widerspricht, die tatsächlich die Kantone besucht haben.

Ohne jeden Zweifel sind diese Strukturen der demokratischen Selbstorganisation in Entwicklung, mit vielen Themen, die weiterhin angesprochen werden müssen und mehr als genug zu lernen. Jedoch bestätigen sie den Grundsatz, dass wahre Befreiung nur hier und jetzt gelebt und angewandt werden kann durch Selbstorganisation der Menschen.

Staat, Nationalismus und Kapitalismus

Die Partei der Demokratischen Union (PYD) als führende Kraft der Revolution in Rojava hat die Integrität des syrischen Staates anerkannt und den Demokratischen Konföderalismus als besseres Modell für des Land als Ganzes nach dem Sturz des Regimes und dem Sieg über den IS vorgeschlagen. Dies ist Ausdruck der ideologischen Wende, die in der kurdischen Bewegung über die Jahre stattgefunden hat, weg von der früheren Betonung der Schaffung eines unabhängigen kurdischen Staates. In ÖcalansWorten:

Der Ruf nach einem separaten Nationalstaat resultiert aus den Interessen der herrschenden Klasse und der Bourgeoisie, aber reflektiert nicht die Interessen des Volkes, da ein anderer Staat die Erzeugung zusätzlicher Ungerechtigkeit beinhalten und das Recht aufFreiheit noch mehr einschränken würde.

Die kurdische Befreiungsbewegung sieht nun den Staat als patriarchale, hierarchische und ausschließende Menge an Institutionen. Es gibt keinen besseren Beweis für die wahren Absichten der PYD als die Garantie gleicher Rechte für alle ethnischen Gruppen in den drei Kantonen, ebenso wie ihre Repräsentation auf allen Ebenen der Regierung und ihre aktive Partizipation in demokratischen Graswurzelstrukturen. Wie die kurdische Aktivistin und Gelehrte Dilar Dirik in ihrer Rede auf dem New World Summit in Brüssel letztes Jahr erklärte, die Lösung des kurdischen Problems sei nicht die Gründung eines neuen Staates, da der Staat das von Beginn eigentliche Problem an gewesen sei.

Dauvé argumentiert, heimlich habe die kurdische Bewegung die Idee eines Nationalstaats nicht aufgegeben, sondern einfach umformuliert, um weniger autoritär zu wirken. Jetzt erscheint ein komisches Paradox im Zentrum seines Arguments: Es ist nicht klar, warum die kurdische Bewegung eine libertäre anti-staatliche Verkleidung annehmen sollte um das geheime Ziel zu erreichen, einen unabhängigen kurdischen Staat zu gründen – die äußerst schwierige Aufgabe zu übernehmen eine Volksmacht zu organisieren, während es wahrscheinlich sehr viel einfacher wäre die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft als Nationalstaat zu erreichen, denn als dezentralisiertes System föderierter Kommunen.

Entsprechend der antikapitalistischen Natur der Revolution von Rojava basiert das ökonomische System der Kantone auf drei Säulen: der kooperativen, der offenen und der privaten Ökonomie. Die kooperative Ökonomie, die sich vor allem auf Landwirtschaft und Produktion im kleinen Maßstab fokussiert, ist zentral. Sie basiert auf kommunalem Besitz und Selbstorganisation und operiert oft außerhalb der Geldwirtschaft. Ein Teil des Landes wurde kollektiviert, nachdem die Großgrundbesitzer*innen infolge der Machtübernahme der PYD die Region verließen. Private Unternehmen sind erlaubt, aber sie müssen mit der Administration zusammenarbeiten und sich an die sozialen Prinzipien der Revolution halten.

Die sogenannte offene Ökonomie basiert auf ausländischen Investitionen, die leider für die Entwicklung der knappen Infrastruktur der Region. Es gibt zum Beispiel keine Ölraffinerien in Rojava, obwohl der Kanton Cizire große Ölreserven besitzt. Die Idee ist, ausländische Investitionen anzulocken – aber nur zu dem Preis, die soziale Natur der Kantone zu respektieren Die lokale Ökonomie wird entwickelt nach den Regeln, die von den Bewohner*innen Rojavas und ihren Versammlungen gesetzt werden – nicht von westlichen Kapitalist*innen. Die Industrie, die möglicherweise entwickelt werden wird, soll unter der direkten Kontrolle der Arbeiter*innen stehen, zumindest ist dies der formulierteWunsch der PYD-Offiziellen. Nach Dauvé ist die Revolution in Rojava nicht antikapitalistisch, weil die “Proletarier*innen” nicht die Produktionsmittel an sich genommen haben und Privateigentum immer noch erlaubt ist. Dies ist ein witziges Statement, wenn man bedenkt, dass das „Proletariat“ im klassischen westlichen Sinne in Rojava nicht existiert. Hier zeigt der Autor wieder einmal die Beschränkung einer engstirnigen Klassenanalyse, die nur auf den veralteten und nicht anwendbaren Realitäten des industriellen Europas im 19. Jahrhundert basiert.

Keine Revolution der Frau?

„Die subversive Natur einer Bewegung oder Organisation kann nicht durch die Zahl bewaffneter Frauen gemessen werden – ebenso wenig ihr feministischer Charakter“, erklärt Dauvè, der weiter behauptet, die Idee, die Revolution in Rojava sei eine Frauenrevolution basiere allein auf dem Bild der Frauenverteidigungseinheiten YPJ während der heroischen Verteidigung von Kobani.

Natürlich ist es wahr, dass wir den feministischen Charakter einer Bewegung nicht einfach an der Beteiligung von Frauen in einem bewaffneten Konflikt messen können. Das ist genau der Grund, warum Dauvè mehr Recherche hätte machen sollen, bevor er die Revolution in Rojava als nicht feministisch genug verleumdet. Er erwähnt kurz, dass Frauen 40% Beteiligung in den Kommunen garantiert ist und alle öffentliche Positionen doppelt besetzt sind – mit einer Frau und einem Mann. Aber was der Autor übersieht ist die soziale Analyse, die gerade die Geschlechterverhältnisse in ganz Kurdistan verändert.

In seinem Buch Das Leben befreien: Die Revolution der Frau5 betont Öcalan das Patriarchat als zentrales Element der Unterdrückung, dass
alle Formen der Hierarchie und Herrschaft produziert hat. Er argumentiert, dass unsere Zivilisation auf drei Formen der Unterdrückung der Frau basiert: durch Ideologie, durch Macht und durch Beschlagnahmung der Wirtschaft: „Von dieser Beziehung stammen alle Formen von Beziehung, die Ungleichheit, Sklaverei, Despotismus und Militarismus erzeugten.“

Die praktischen Ausdrücke dieser Ideen in Rojava sind zahlreich, sie beinhalten das Verbot von erzwungenen Heiraten, Ehrenmorden, Polygamie, sexueller Gewalt und Diskriminierung und – am wichtigsten – geben Frauenfragen nur in die Hände der Frauen. Frauen haben ihre eigenen Versammlungen die Macht über Frauenfragen haben und ihre Beschlüsse gegen die der gemischten Versammlungen durchsetzen, wenn sie glauben, dass sie Frauen betreffen oder sich negativ auswirken.

Die internationale Menschenrechtsanwältin und Anwältin für Frauenrechte Margaret Owen beschreibt die Entwicklung der Geschlechterrechte unter der PYD-Administration in einem sehr positiven Licht. Sie hebt die Frauenpartei und die garantierte gleiche Partizipation von Frauen in allen Sphären des öffentlichen Lebens hervor, die „Assoziationen, politische, erzieherische, medizinische, militärische, soziale und finanzielle Dienstleistungen“ beinhaltet. Mit den sogenannten Frauenhäusern hat die Bewegung auch ein System des Schutzes gegen männliche Gewalt entwickelt.

Von sektiererischer Machtlosigkeit zu revolutionärer Kreativität

Geblendet von der Frustration über ihre eigene Marginalität und isoliert durch die Unfähigkeit ihre Ideen der Realität anzupassen und eine soziale Kraft aufzubauen, die wirklich fähig ist, die kapitalistische Moderne und den Nationalstaat herauszufordern, bevorzugen einige westliche Anarchist*innen weiterhin, sich in ihre eigenen ideologischen Elfenbeintürme zurückzuziehen und erklären ihr überlegenes Wissen und Rechtschaffenheit durch entleerte Statements über den rückgratlosen Radikalismus anderer Menschen – besonders derer im globalen Süden.

Eindeutig beeinflussen solche sektiererische Positionen die Fähigkeit „anarchistischer“ Gruppen im Westen, tatsächlich radikale und bedeutsame alternativen zum Kapitalismus zu erzeugen, negativ. Es endet im Zurückhalten der revolutionären anarchistischen Ideale in den Ketten eines arroganten, sich selbst genügenden Dogma, das letztlich diese Grüppchen in ihrer angenommen ideologischen Engstirnigkeit machtlos belässt.
Das ist die Krise, mit der wir im Westen konfrontiert sind – und es verspricht nicht, in der Zukunft besser zu werden, wenn sektiererische Elemente in unserer Bewegung unfähig bleiben, sich neu zu erfinden und neue kreative Formen des Kampfes und er Organisation zu finden. Das letztere ist, glaube ich, weit bedeutender als die extravagante „revolutionäre“ Rhetorik, die in manchen westlichen anarchistischen Kreisen leider von der Praxis getrennt scheint.

Fußnoten

  1. http://plaincracker.tumblr.com/post/5647609279/a-zapatistaresponse-to-the-ezln-is-not [zurück]
  2. https://libcom.org/news/kurdistan-gilles-dauv%C3%A9-17022015 [zurück]
  3. Siehe Gai Dao Nr. 50 (Anmerkung derÜbersetzung) [zurück]
  4. Siehe hier in Englisch: http://peaceinkurdistancampaign.com/resources/rojava/charter-of-thesocial-contract/Die deutsche Übersetzung weicht recht stark davon ab: http://tatortkurdistan.blogsport.de/2014/03/01/gesellschaftsvertrag-fuerrojava/ [zurück]
  5. Zum herunterladen hier: http://www.freeocalan.org/wpcontent/uploads/2014/06/liberating-Lifefinal.pdf [zurück]

6 Antworten auf „„Herr Anarchist, wir müssen mal über Kolonialismus reden““


  1. 1 Aufruf zum Neuaufbau von Kobanê 11. Mai 2015 um 23:43 Uhr
  2. 2 wer? 12. Mai 2015 um 0:03 Uhr

    ist denn autor_in von dem text?
    gefällt mir gut!

  3. 3 Soliabend am Dienstag! 12. Mai 2015 um 0:16 Uhr

    18.30 Uhr, Birati e.V., Friedrich-Ebert-Str. 20

    „Sie fürchten sich davor“

    SOLIDARITÄTSABEND Eine kurdische Delegation aus der Stadt Kobani im Norden Syriens berichtet

    taz: Herr Nassan, wie sicher ist die kurdische Stadt Kobani im Nord-Syriens nach dem Sieg über die Angreifer des „Islamischen Staates“?

    Idris Nassan: Der Widerstand ist noch in vollem Gange. Es gibt im kurdischen Gebiet Rojava 451 Dörfer – 90 Prozent sind befreit. Die Da‘esh, die Kämpfer des „Islamischen Staates“, attackieren uns weiterhin, aber die Verteidigung hält.

    Wie ist die humanitäre Situation in Kobani?

    Es fehlt an Essen, Medizin, Impfstoffen, Trinkwasser und Elektrizität. Die Luftschläge, mit denen uns die internationalen Koalition unterstützte, trafen auch Kobani. Die Stadt ist zu 70 bis 80 Prozent zerstört. Wir versuchen Schulen und Krankenhäuser wieder aufzubauen, aber brauchen Material. Auch die Beseitigung von Bombenreste verlangsamt den Wiederaufbau.

    Bekommen Sie genug Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft?

    Leider nicht. Wie bekommen Hilfe, aber das reicht nicht. Ich bin deshalb zu Gesprächen nach Brüssel, Straßburg und Berlin gereist. Die Signale waren positiv. Aber das akuteste Problem ist, dass die Türkei keinen humanitären Korridor zulässt, um Hilfsgüter über die Grenze zu lassen – hier muss politischer Druck auf die Türkei ausgeübt werden.

    Wie erklären Sie die Zurückhaltung vieler westlicher Staaten bei der Hilfe?

    Viele Staaten haben eigenen ökonomischen Interessen und diplomatische Verpflichtungen. Aber ich denke, viele sind vor allem skeptisch gegenüber unserem Gesellschaftsmodells. Wir teilen und sind solidarisch in der Gesellschaft, wir leben eine Demokratie von unten. Das ist für viele Länder um uns herum nicht zu akzeptieren. Sie fürchten sich davor. Die Länder der internationale Gemeinschaft können sich deshalb zu keiner klaren Entscheidung durchringen. Aber sie müssen.

    https://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ra&dig=2015%2F05%2F12%2Fa0021&cHash=4e832420d3766c9657407340207b81f6

  4. 4 @ 'wer?' 12. Mai 2015 um 2:11 Uhr

    The same text is also printed in the actual GAIDAO. There the text is subscribed by Petar Stanchev (ROAR-Magazin; http://roarmag.org/2015/04/zapatistas-rojava-anarchist-revolution/).

  5. 5 xyz 12. Mai 2015 um 22:24 Uhr

    Der Text ändert nichts an der Wichtigkeit der Kritik an sogenannten Befreiungsbewegungen in Mexiko und Nordsyrien, bei allem was daran auch gut erscheinen mag und deutliche Verbesserungen für Menschen vor Ort bringt.

    Bei diesem Text langweilt wieder besonders, das auch hier die PKK Propaganda unkritisch als Mass der Dinge erhoben wird.

    Es erscheint so, als sei Petar Stanchev geblendet von der Frustration über seine eigene Marginalität, das er es nötig hat so plump und ohne Fundierung unter anderem anarchistische Ansätze zu diffamieren, in dem er einzelne Wortgruppen in einen anderen Kontext setzt um daraus seine Probleme zu konstruieren, ohne auch nur im Ansatz auf wichtige Kritikpunkte einzugehen.

    Den Kolonialismus Vorwurf, kann mensch wohl ausschließlich als eine schlechte Polemik verstehen.

    Schade um die vielen Worte …

    „Gilles Dauvé is not an anarchist, nor has ever claimed to be one.“

  6. 6 Doc Sportello 04. Juni 2015 um 13:29 Uhr

    Der kritisierte Text des „Anarchisten“ Gilles Dauvé ist nun ebenfalls auf Deutsch verfügbar: http://www.kommunisierung.net/Rojava-Realitat-und-Rhetorik

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