Glas Steine Scherben – Textilindustrie in Bremen angegriffen

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Der erzielte Gewinn ist gigantisch; Tendenz steigend. Die Zahl der zerstörten Leben ist gigantisch; Tendenz steigend. Die Rede ist von der Textilindustrie. In zwei Nächten 25/26 und 26/27 Mai 2015 wurden stellvertretend zwei Geschäfte in Bremen mit Steinen eingeworfen und mit Farbe markiert. Wir hinterließen Flugblätter mit der Aufschrift „Grüße aus Bangladesh“und „Kapitalismus tötet, Bangladesh 24.04.13“. Bei den Filialen von zero (höheres Preissegment) und KiK (bekannter Discounter) entstand ein Scherbenhaufen der daran erinnern soll, dass die Normalität von Ausbeutung und Unterdrückung angreifbar ist.

Die miserablen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie gibt es schon lange und wie auch in anderen Bereichen hat der wachsende Konkurrenzdruck zwischen den Staaten fatale Folgen. Diese kann man besonders gut in den textilproduzierenden sogenannten Billiglohnländern in Asien feststellen. Doch wer profitiert, wer zeigt sich verantwortlich?

Die Liste der Textilhandelsunternehmen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, ist lang. Die Arbeits- und Produktionsbedingungen bei den Zulieferbetrieben fast aller Textilunternehmen sind, bis auf sehr wenige Ausnahmen, ähnlich schlecht. So gut wie alle präsenten Unternehmen lassen zu miserablen Bedingungen produzieren, egal, ob die Ware später billig oder teuer verkauft wird. H&M, C&A, Hugo Boss, Benneton, Nike, zero, Adidas, usw. sind genauso zu nennen wie die Discounter Lidl, KiK, Aldi, Walmart, usw.

Geht die einfache Rechnung (noch) auf, dass der globale Süden durch den Norden ausgebeutet wird? Unter welchen Bedingungen wird Baumwolle gepflückt und gehandelt? Wie setzt sich ein T-Shirt-Preis zusammen und wieviel Prozent der Einnahmen machen die Lohnkosten aus? Was zeichnet eigentlich einen Discounter aus?

Die meisten Textilien werden in den “Billiglohnländern“ hergestellt. Die Hälfte der Einnahmen für beispielsweise ein T-Shirt besteht aus dem Profit des Händlers bzw. Endverkäufers. 25% verschlingt in der Regel das Marketing während 13% der Einnahmen für die Produktionskosten und 11% für Steuern und Transport veranschlagt werden. Lediglich ein Prozent des Verkaufspreises von Textilien entfällt auf die Löhne der Näher_innen. Der Kontrast zwischen riesigen Profiten internationaler Konzerne und dem täglichen Überlebenskampf der Arbeiter_innen lässt sich in der Textilindustrie anschaulich aufzeigen. Die tägliche Katastrophe kapitalistischer Produktion wird regelmäßig unterbrochen: wenn in brennenden oder einstürzenden Fabriken hunderte Menschen auf einmal sterben.

Arbeitsbedingungen

Manche der Zulieferer, von denen westliche Marken produzieren lassen zahlen nicht einmal die jeweils festgesetzten Mindestlöhne. Um einen Wettbewerbsvorteil zu haben sind diese jedoch sowieso so niedrig dass sie die Lebenshaltungskosten nicht decken. So schützen sie die Arbeiter_innen nicht vor Armut, obwohl regulär an sechs Tagen in der Woche zwischen zehn und zwölf Stunden gearbeitet wird. In Spitzenzeiten, wenn Kollektionen gewechselt werden wird sogar an sieben Tagen mit täglichen Arbeitsstunden zwischen 16 und 18 Stunden gearbeitet. Teilweise werden die dann anfallenden Überstunden nicht bezahlt und erzwungen, da mit Entlassungen gedroht wird, oder die miserablen Löhne zwingen die Arbeiter_innen Überstunden zu machen, um die unzureichenden Löhne aufzubessern.

Neben den sehr langen Arbeitszeiten und dem aufgebauten Druck, die Produktionsmargen einzuhalten, gibt es oft keine Brandschutzvorschriften, oder diese werden nicht eingehalten. Notausgänge gibt es häufig keine, oder diese sind versperrt oder verschlossen. Oft werden die Arbeiter_innen in den Fabrikgebäuden eingeschlossen um die Einhaltung der Fristen zu gewährleisten. Viele der Gebäude, in denen produziert wird sind marode und wurden nicht für diese Art der Nutzung gebaut, sodass es zu den bekannten Einstürzen und Bränden kommt. Dazu kommt, dass in vielen Produktionsschritten Chemikalien und Maschinen zum Einsatz kommen, ohne, dass die notwendigen Schutzkleidungen ausgeteilt oder Schutzvorschriften beachtet werden. Die Opfer solcher Produktionsbedingungen oder ihre Hinterbliebenen werden oft gar nicht oder nur unzureichend entschädigt. Häufig gibt es nicht mal sauberes Trinkwasser und Toilettenbesuche werden verboten.

Widerstand gegen die Ausbeutung

Wo sich Menschen gegen die Ausbeutung gewerkschaftlich organisieren, sind schnell staatliche oder unternehmensnahe Kräfte zur Stelle um den Widerstand im Keim zu ersticken. Gewerkschafter_innen werden bedroht oder entlassen. Arbeitgebernahe Scheingewerkschaften werden als Alibi aufgebaut, um Auftraggeber in Europa oder Nordamerika zu beruhigen. Für viele Regierungen der “Billiglohnländer“ sind kämpfende Gewerkschaften ein Nachteil im Standortkampf und werden dementsprechend nicht durch Gesetze geschützt. In speziell eingerichteten Wirtschaftszonen werden geltende nationale Vorschriften ausser Kraft gesetzt, um Investitionen aus dem Ausland zu erleichtern.

Patriarchat und Textilindustrie

Die Belegschaften in den Textilfabriken bestehen zu einem sehr hohen Anteil aus Frauen. Innerhalb kapitalistischer patriarchaler Strukturen ist es nicht verwunderlich, dass Frauen auch hier am untersten Ende der Unterdrückungskette stehen. Sexuelle Belästigung, Einschüchterung und sexualisierte Gewalt gehören zum Arbeitsalltag.

Neben der Lohnarbeit leiden diese sie oft noch unter der Doppelbelastung auch noch für die Hausarbeiten zuständig zu sein. Sie werden häufig sexuell Belästigt und schwangeren Frauen werden besonders anstrengende Arbeitsschritte und höhere Produktionsquoten zugeteilt. Vielfach wird bei Frauen vor ihrer Einstellung ein Schwangerschaftstest durchgeführt. Oft werden auch Migrant_innen beschäftigt, da diese als einfacher einzuschüchtern und auszubeuten gelten.

Capitalism™: Baumwollanbau im Weltmarkt

Unter ebenso miserablen Bedingungen wird die Rohbaumwolle gehandelt. Über Jahrzehnte haben die USA und die EU heimische Baumwollbauern und Bäuerinnen subventioniert, damit ihre Rohbaumwolle auf dem Weltmarkt billiger als die der Konkurrenten angeboten werden kann. Allein die US-Subventionen führten dazu, dass der Weltmarktpreis für Baumwolle um veranschlagte 12,6 % gedrückt wurde, andere Schätzungen gehen von bis zu 25% des Weltmarktpreises aus. Viele der Baumwollfarmer_innen in afrikanischen Ländern leiden direkt unter dem eingeleiteten Preisverfall. Teilweise sank der für ihre Baumwolle zu erzielende Preis unter die Produktionskosten in afrikanischen Ländern, sodass viele der Baumwollfarmer in den Ruin getrieben wurden und den Anbau aufgeben mussten. Für die Menschen dort vor Ort bedeutet dies, dass sie weniger oder gar nichts einnehmen können, also auch weniger für Nahrung, Unterkunft und Arztbesuche aufbringen und sich oftmals den Schulbesuch ihrer Kinder nicht mehr leisten können. Dazu kommt, dass die Baumwollfelder massiv mit hochgiftigen Insektiziden und Pestiziden behandelt werden. Da Schutzkleidungen meistens nicht getragen werden, führt dies zu heftigen Gesundheitsproblemen. Die Natur leidet sowieso unter dem hohen Aufbringen der Gifte. Obwohl nur auf 2,4 % der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen Baumwolle angebaut wird, kommen auf diese Flächen 11% aller eingesetzten Pestizide und 24% aller eingesetzten Insektizide zum Einsatz. Genetisch verändertes Saatgut ist zudem an Verträge mit den Saatgutunternehmen gekoppelt und führt zu noch mehr Abhängigkeit der Bauern und Bäuerinnen, da das Saatgut jährlich neu gekauft werden muss.

Afrikanische Länder wurden von der Weltbank und dem internationalen Währungsfond zudem ermutigt Rohbaumwolle anzubauen, jedoch lediglich um diese sofort auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Die weitere Verarbeitung und somit der meiste Teil der Wertschöpfung passiert in anderen Ländern, sodass die rohstoffproduzierenden Länder auch durch strukturelle Benachteiligungen wenig an ihrer Baumwolle verdienen können.

Die Produktion von Baumwolle steht in direkter Tradition des Kolonialismus und reproduziert die Strukturen aus Abhängigkeit und Ausbeutung beständig.

Arbeitsbedingungen in den Discountern

Ohne die Arbeitsbedingungen in Südost-Asien mit den hiesigen gleichsetzen oder relativieren zu wollen: Auch der Verkauf der Produkte in den hiesigen Discountern ist kein Vergnügen. Die Verkäufer_innen sind gesundheitlich strak durch die massive Menge an Plastikprodukten belastet.

Das ohnehin unterbesetzte Personal wird sehr schlecht bezahlt. Hinzu kommt, dass unbezahlte Überstunden an der Tagesordnung sind und Putz-, Aufräum- und Inventaraufgaben ebenfalls vom Personal übernommen werden müssen. Toilettengänge sind auf Grund der Unterbesetzung (manchmal nur eine Person in der ganzen Filiale) schlichtweg unmöglich. Versuche sich zu organisieren, Betriebsräte oder Mitarbeiter_innenvertretungen zu gründen, werden massiv behindert oder mit Kündigungen beantwortet.

Die krassen Einsparungen führen zu absurden Situationen wie bei KiK: Hier wurden Mitarbeiter_innen gezwungen den Müll mit nach Hause zu nehmen, um die Kosten für Mülltonnen und deren Abfuhr einzusparen. Klimaanlagen und Heizungen in den Verkaufsräumen bleiben oftmals nur Dekoration, um weitere Kosten zu sparen.

Einen Discounter zeichnet aus, dass er nur eine begrenzte Zahl an Produkten anbietet und dadurch, möglichst ohne Zwischenhändler, eine große Menge eines Produktes auf einmal kaufen kann. Die Verkaufsräume sind häufig kleiner oder befinden sich an Orten, an denen die Mieten besonders niedrig sind. Es ist kaum Warenpflege erforderlich und es werden wenige Produkte gelagert. Investitionen in Dekoration und Darstellung der Produkte sind gering, die Verkaufsräume oft bis aufs letzte Eckchen zugestellt. Einen Discounter zeichnet auch aus, dass er extrem an Personalkosten spart und deshalb die Filialen personell notorisch unterbesetzt sind.

Sicherlich treffen die beschriebenen Arbeitsbedingungen und Charakteristika eines Discounters zum Teil auch auf andere Betriebsformate zu. Gleichwohl sind die Gewinnmargen, die ein Discounter einfährt, im Vergleich zum Einzelhandel immens. Die beschissenen Arbeitsbedingungen bei gleichzeitigen immensen Konzerngewinnen führen die Absurdität der Marktwirtschaft besonders gut vor Augen.

Modekreislauf, Textilbranche und Zulieferung

In der Textilbranche generell versucht man die Anzahl der Produzenten und auch die Anzahl der Standorte in strategischen Ländern zu verringern, damit das Produktionsvolumen größer und damit die Kosten geringer ausfallen. Gleichzeitig ist die Lieferkette so kurz wie möglich, sodass besser Druck ausgeübt werden kann. Die gegenseitige Abhängigkeit von Händlerunternehmen und Zulieferern wächst, was allerdings in der Regel zum Nachteil des Zulieferers passiert.

Die Käufer, also KiK, zero, H&M, Nike, C&A, und alle weiteren Textilunternehmen, können so die Kaufbedingungen, Zulieferzeiten und Preise diktieren. Oft sind Produzenten überbeansprucht und befinden sich deshalb in noch größerer Abhängigkeit, weil sie keine neuen Aufträge von anderen annehmen können als die vom vorherigen Käufer und auch in dessen „Gunst“ stehen. Da die Aufträge in immer kürzerer Zeit erfüllt werden müssen, was unter „normalen“ Arbeitsbedingungen schlichtweg nicht möglich ist, ist es gängig, dass die Zulieferer Aufträge zum Teil oder komplett wie auch den Druck an andere Subunternehmen weitergeben, aber trotzdem die Verantwortung für die Erfüllung des Auftrags tragen.

Die Modeindustrie trägt ihren Teil zu einem Kreislauf bei, der sehr viel mit dem Konsumverhalten des Käufers und der Käuferin zu tun hat. Modekollektionen werden entworfen, genäht, in die ganze Welt transportiert. Menschen kaufen die Ware bei H&M, zero, C&A, KiK und Co. Ein paar Monate später beginnt der selbe Kreislauf von vorne. Wohin mit der nicht verkauften Ware, wohin mit den Klamotten im Kleiderschrank, die nicht mehr „in“ sind? Sie werden in der Regel weggeworfen oder irgendwann in die Altkleidersammlung geworfen. Mit gutem Gewissen, weil man etwas für die „arme Dritte Welt“ getan hat. Dort tauchen die Klamotten manchmal genau an den Orten, wo sie ursprünglich genäht wurden, in Säcken wieder auf und werden wiederum den Menschen verkauft, die sie unter miserablen Bedingungen angefertigt haben.

Antikapitalistische Perspektiven erkämpfen

Es gibt keine einfachen und pauschalen Lösungen für die Abschaffung des kapitalistischen Weltmarktes oder die politische Ökonomie an sich. Der Bruch mit eben dieser kann jedoch angedeutet, die Normalität des Wahnsinns aufgebrochen werden. Eine Zukunft jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung kann nicht in der Theorie konzipiert werden sondern muss sich aus konkreten Kämpfen und Bewegungen entwickeln. Im Land der Krisengewinner_innen können und wollen wir nicht auf (radikale) linke Massenbewegungen warten. Die glitzernde Fassade der Marktwirtschaft strahlt uns tagtäglich an jeder Ecke an. Lasst sie uns einreißen.

Autonome Gruppen

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siehe auch:
taz – „Angreifbare Normalität“