„Graue Wölfe auf dem Vormarsch“

kopiert aus dem Weserkurier

Sie hetzen gegen Kurden, Aleviten und andere Minderheiten, leugnen den Genozid an den Armeniern und hegen großtürkische Allmachtsfantasien: Auch in Bremen sind türkische Ultranationalisten auf dem Vormarsch.

Unter der Bezeichnung „Graue Wölfe“ fassen Verfassungsschützer die rechtsextremen Anhänger der türkischen Partei MHP (Milliyetçi Hareket Partisi) und anderer neofaschistische Organisationen wie die „Deutsche Türk Föderation“ (ATF) zusammen. Sie selbst bezeichnen sich als „Idealisten“ („Ülkücü“). Im Vorfeld der türkischen Parlamentswahl am 7. Juli mobilisieren sie ihre Anhänger.

Wie vor Kurzem im Ruhrgebiet: Der Innenraum der Arena Oberhausen ist in ein rot-weißes Fahnenmeer getaucht. Rund 10 000 türkische Anhänger der ultranationalistischen MHP haben sich an diesem Sonntag Ende April versammelt, um ihren Parteivorsitzenden Devlet Bahçeli zu sehen. Auch eine Reisegruppe aus Bremen ist vor Ort. Männer, Frauen und Kinder strecken ihre Arme in die Luft. Die Finger zum sogenannten Wolfsgruß geformt. Aus den Lautsprechern dröhnt die türkische Nationalhymne. Als Bahçeli auf die Bühne tritt, gibt es kein Halten mehr. Dem ohrenbetäubenden Jubel seiner Anhänger schreit der MHP-Chef entgegen: „Ihr habt eure Identität nicht aufgegeben – Ich bin stolz auf euch.“

Cindi Tuncel sitzt als Abgeordneter für die Linke in der Bremer Bürgerschaft. Der gebürtige Türke mit kurdischen Wurzeln beobachtet das Erstarken der Rechtsradikalen mit großer Sorge. „Das sind türkische Nazis“, sagt er. „Und es sind nicht wenige“. Laut Verfassungsschutz umfasst die Ülkücü-Bewegung in Bremen rund 200, in Niedersachsen sogar 600 Personen. Bundesweit schätzen Experten ihre Zahl auf 20 000.

Vor allem unter türkischen Jugendlichen werben sie für ihre Ideologie. „Junge Leute, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen werden aufgefangen und erfahren eine Wertschätzung“, erklärt Tuncel. Der Verfassungsschutz rechnet auch die „Türkische Familienunion in Bremen und Umgebung“ im Stadtteil Walle zur Szene. Für eine Stellungnahme ist hier niemand zu erreichen.

Über Kulturvereine und andere gemeinnützige Organisationen versucht die Ülkücü-Bewegung systematisch neue Mitglieder und Geld für ihre Sache zu sammeln. „Sie nutzen jede Möglichkeit, um Kontakte zu knüpfen“, meint Tuncel. Mitten im Bremer Wahlkampf standen sie vor ihm. Unter ihnen ein Bekannter seines Sohnes. „Sie haben sich ganz demokratisch gegeben und gefragt, ob wir uns einmal treffen wollen“, erinnert sich Tuncel. Er habe ihnen klar gemacht, dass ihre politischen Vorstellungen nicht mit seinen Idealen vereinbar seien. Daraufhin zogen sie wieder ab.

Nicht nur im Wahlkampf treten die „Grauen Wölfe“ immer offener in Erscheinung. Tuncel, der in Tenever wohnt, wunderte sich, als vor einigen Wochen bei einem muslimischen Frühjahrsfest in seinem Quartier vielerorts ganz offen die rote Fahne mit den drei Halbmonden wehte – die ehemalige Kriegsfahne des Osmanischen Reichs. Die „Grauen Wölfe“ nutzen sie als ihr Banner. Auch beim Frühlingsfest der „Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa“ (ATIB) in Bremen – einer Abspaltung der Auslandsorganisation der „Grauen Wölfe“ – feierten Anwohner zusammen mit den Rechtsradikalen, die mit einer eigenen Folkloregruppe für Stimmung sorgten.

In seinem Viertel versucht Tuncel die Menschen für das Treiben der Ultranationalisten zu sensibilisieren. Oft würden scheinbar gemeinnützige Projekte bei den zuständigen Quartiersmanagern angemeldet. Ein Teil des Geldes fließe dann über Umwege in die politische Arbeit der Ülkücü-Bewegung. „Sie haben sich mittlerweile gut verkleidet“, sagt Tuncel. Oft sei es schwer, entsprechende Verbindungen zu den „Grauen Wölfen“ nachzuweisen.

In sozialen Netzwerken teilen deren Anhänger Aufrufe und Propagandavideos oder versuchen, in Internet-Foren mit anderen türkischen Migranten ins Gespräch zu kommen. Frank Rasche, Sprecher des niedersächsischen Verfassungsschutzes, sieht hier ein auffälliges „verbales Gewaltpotenzial“ der Ülkücü-Aktivisten, die online gegen Andersdenkende hetzen.

Auch der Bremer Verfassungsschutz beobachtet die „Grauen Wölfe“. „Sie gewinnen wieder an Bedeutung“, warnt Hans-Joachim von Wachter, seit 2008 leitet er die Bremer Behörde. „Ihre Aktivitäten in der türkischen Community haben spürbar zugenommen.“ Und das nicht ohne Grund: Bei den anstehenden Wahlen will die MHP ihre Position in der türkischen Nationalversammlung mit Stimmen aus Deutschland stärken. Im Parlament besetzt sie aktuell 52 der insgesamt 550 Sitze.

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