AZO – Neues Zentrum in Ottersberg


Vor gut einem Jahr besetzten wir, eine kleine Gruppe Übermotivierter, einen erbärmlichen Melkstall in den Wümmewiesen Ottersbergs. Das Bedürfnis nach einem Treffpunkt für alternative Jugendkultur war so groß, dass diese alte Hütte, ohne Strom und Wasser, schnurstracks den hochgesteckten Titel Autonomes Zentrum Ottersberg (AZO) erlangte. Es folgten ein non-budget Ausbau, einige Konzerte, Barabende, klassische Stockbrot-Sessions und der Wille nach mehr. Die darauf folgende Nutzungsunterlassung des Landkreises brachte Schwung in die Entwicklung: Unser wachsender Kreis Aktivist_innen formulierte die Forderung nach einem Zentrum in Ottersberg öffentlich und baute Druck auf die Politik auf. Dabei stießen wir nicht auf verschlossene Türen. Viele Dorfis und Politiker_innen sahen ebenfalls den Mangel an Räumlichkeiten für Jugendkulturen und unterstützen das Vorhaben eines selbstverwalteten Zentrums.
Für die produktiven Verhandlungen waren dabei einige Punkte entscheidend: Erstens konnte mit den Aktivitäten im Melkstall nachgewiesen werden, wie groß unsere Nachfrage für einen Treffpunkt ist. Zweitens zeigten der non-budget Ausbau, die Liebe zum Detail bei der Gestaltung und die vielseitigen Veranstaltungen eine große, bereits bestehende Eigeninitiative. Drittens war wohl ein Vorteil des Melkstalls, dass die Tür wortwörtlich immer allen offen stand und nicht durch die Hand einiger Schlüsselträger_innen bestimmt wurde. So kamen in kurzer Zeit verschiedenste Gruppen zusammen, die weder alle der alternativen Szene zuzuordnen wären, noch vorher irgendwas miteinander zu tun hatten. Begegnungspunkt war das gemeinsame Bedürfnis nach einem Ort zur freien Selbstgestaltung. Also eine heterogene Gruppe, die gut etwas widerspiegelte, was auch zu Blödsinn führen könnte, wenn man sich auf dem Dorf weiter langweilte.
Diese bereichernden Grundvoraussetzungen erleichterten es unser Anliegen nach einem kollektiven Treffpunkt zu vertreten. Als wir dann mit rund 50 Leuten beim Ortsrat auftauchten um der Forderung mehr Gewicht zu geben, konnte das Staunen der Kommunalpolitiker_innen an der Zahl ihrer Tablets fest gemacht werden, die die Zuhörer_innen filmten. Wir schafften es innerhalb weniger Monate mit klugen Argumentationen und gut vorbereiteten Darstellungen den Flecken Ottersberg davon zu überzeugen, eine Räumlichkeit zur Verfügung zu stellen. Da in Ottersberg kaum Leerstand existiert (könnte daran liegen, dass die Hochschul-Studierenden alles mieten, was ein Dach hat), wurde folglich die Aufstellung von Wohncontainern am Bahnhof beschlossen. In solchen Blechbüchsen, wohl bekannt durch die Unterbringung Geflüchteter, wollten wir ein Zentrum aufbauen. Mit Strom und Wasser.
Kurz vor der Anschaffung der Container erfolgte von Seiten der Politik dann aber ein neuer Nutzungsvorschlag: eine leerstehende Kegelbahn. Mit anfänglicher Skepsis wie wohlwollend eine selbst verwaltete Kegelbahn angenommen werden würde, begutachteten wir einen langen, fensterlosen Raum. Immerhin: Fundament, Dach und Mauern boten einen ansehnlichen Zustand. Unterstützt durch engagierte Einzelpersonen aus Politik und Dorfverwaltung, wurde letztlich ein ca. 70m² großer Teil der Kegelbahn an uns Aktivist_innen versprochen. Inklusive Finanztopf für Baumaßnahmen und einem großen Außengelände in schönster Grünlage. Keine direkte Nachbarschaft, außer Sportverein und Kajakclub – optimal. Allerdings: ein Haufen Arbeit.
In den letzten Wochen mauerten wir eine Zwischenwand, setzten eine Fensterfront ein, legten einen Garten an und und und…. Dabei erhielten wir viel Unterstützung von lieben Provinzmenschen und konnten uns auch mit neu angekommenen Refugees zusammentun. Bis zur Einweihung und bis hier Konzerte, Vorträge, Filmvorführungen und Gruppentreffen stattfinden stehen zwar noch einige Baumaßnahmen an, ein neues Zentrum gibt es aber allemal.

Fazit: Wir sind hier auf dem Dorf keine autonome Gruppe, die die Ressourcen hat ein geiles Haus zu besetzen und zu halten, um dann politisch unabhängige Gegenentwürfe aufzubauen. Wir verhandeln mit der Kommunalpolitik, erarbeiten einen Nutzungsvertrag und gründen einen Verein. Trotzdem ist hier was Fettes passiert: Das Bedürfnis nach einem Raum in Selbstverwaltung für Veranstaltungen, für Politik und als Treffpunkt, hat über eben dieses Bedürfnis Leute zusammengebracht und eine alternative Jugendkultur in dieser Region etabliert. Dabei kommen unterschiedlichste Menschen zusammen, vielleicht anders als in mancher Stadt, wo alternative Räume oft zu Nischen geschlossener Gruppen werden. Eine bewegliche und aktive Gruppe ist dabei 10.000-mal schneller als die Kommunalpolitik und kann ihr immer einen Schritt voraus sein. Wir haben Bock auf mehr und glauben daran, dass die Belebung der Provinz nicht nur unsere Realität verbessern kann, sondern auch präventiv auf die Gesellschaft einwirkt.
Ihr Stadtkinder, ihr in die Stadt Geflüchteten, ihr Ex-Dorfis und Landwirtschaftsromantiker – kommt uns mal besuchen. Spätestens zur Einweihung oder vorher zu den Bauwochen (siehe Flyer). Ist geil hier und wir kommen ja auch dauernd die 20 Minuten nach Bremen.
Join your provincial AZ!


5 Antworten auf „AZO – Neues Zentrum in Ottersberg“


  1. 1 Adresse 09. Juli 2015 um 13:41 Uhr

    Hey,
    wäre total nett wenn ein Mensch mal eine Adresse + Wegbeschreibung in die Kommentare schreiben könnte. Danke! Und solidarische Grüße!

  2. 2 ex-dorfi 09. Juli 2015 um 20:41 Uhr

    Das ist eine Supersache. Weiter so.

    Ihr habt ja so recht. Viele grosskotzige Stadt-Linksradikale kommen ja vom Dorf. Nur geben sie es nicht zu.

    Sonst so zum lesen: http://arranca.org/ausgabe/4/was-ist-provinz

    Und: Gibt es eine Adresse, wo euer Projekt zu finden ist? Ich sehe hier keine.

  3. 3 Carsten 12. Juli 2015 um 17:03 Uhr

    jaja, da gehts schon los….
    da werden stadtaktivisten als großkotzig betitelt bevor überhaupt was geht bei euch und am ende wird sich gewundert wenn unterstützer fehlen….. ex dorfi, haste toll gemacht….

  4. 4 vorort 07. August 2015 um 12:08 Uhr

    Adresse vom AZO ist:
    Fährwisch 9
    28870 Ottersberg
    -beim Funkmast rechts rein-
    Einweihung 17.10.
    Baustellensolikonzert mit der RAK: 29.08.

  5. 5 Wahl-Dorftrulla 28. September 2015 um 20:28 Uhr

    Wie/Wo kann mensch denn von den Veranstaltungen, die dort stattfinden erfahren? Gibt es sowas wie ein Programm, einen Online-Auftritt (fb-Seite o.ä.) oder so? wär echt cool zu wissen. Solidarische Grüße!

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