„Rechtspopulistisches Liedgut findet zunehmend ein Publikum“

kopiert aus dem Weser Kurier

Gabalier und Naidoo zu Gast in Bremen – Von Biedermännern und Brandstiftern

Als Bertolt Brecht vor den Nationalsozialisten ins Exil floh, war ihm der Begriff Volk längst suspekt. Die im NS-Reich verbreitete völkische Instrumentalisierung der menschlichen Herkunft mündete 1935 in den Satz: „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht.“ Volk suggeriert nach Brechts Lesart das Ideal einer nationalistisch verbrämten Homogenität, ein Ideal, das durch die Selektionspolitik diskreditiert wurde.

Ähnlich kritisch ist ein Kommentar zur Wende-Parole „Wir sind das Volk“ zu verstehen: „Ich heiße Volker“ ist kein Kalauer, sondern umschreibt ein Unbehagen, wie es auch Hans Haacke formulierte, als er 2000 im Reichstagslichthof ein Kunstwerk um den Schriftzug „Der Bevölkerung“ schuf. Die Brecht abgelauschte Widmung konterkariert die am Reichstag prangende Zuschreibung „Dem deutschen Volke“.

Prominent platzierte Problematisierungen wie diese sind im öffentlichen Raum selten geworden. Hans Haackes Intervention kündet von der künstlerischen Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Sie erinnert im Gestus des Mahnens an die ideologische Besetzung eines Begriffs, der im deutschsprachigen Raum fragwürdige Karriere gemacht hat.

Geschichtsvergessen – oder nur provokativ? – wirkt dagegen die häufige, ja plakative Verwendung des Begriffs Volk und weiterer Reizausdrücke in deutschsprachigem Populär-Liedgut jüngeren Datums. Man könnte denken, dass die 68er-Generation auf rechte Posen sensibel reagiert. Und doch war es die wertkonservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, die anno 2004 bei einem Solo-Song des Wolfsheim-Sängers Peter Heppner Alarm schlug – obwohl der um deutsche Selbstverortung ringende Text keine ideologisch heiklen Schlüsselbegriffe enthält, sondern sich nur als Bewältigungsprosa in Weltschmerz-Moll ausgibt: „Wir sind wir / Wir stehen hier / So schnell kriegt man uns nicht klein“. Der journalistische Argwohn hat indes ein Vorspiel: den Boom sogenannter „böhser Enkelz“ (Spiegel), der vor gut zehn Jahren in Gestalt von Peter Heppner, Paul van Dyk und Joachim Witt zu verzeichnen war.

Der einschlägig gescheitelte Witt („Goldener Reiter“) war von der Neuen Deutschen Welle zur Neuen Deutschen Härte konvertiert, indem er in der rrraunenden Diktion von Till Lindemann (Rammstein), aber ohne dessen ironischen Unterton über Bayreuth, Kriegertugenden und Eugenik schwadronierte – in „Die Flut“ (1998) übrigens gemeinsam mit Peter Heppner. Auch der schwarzromantische Sänger und Musikjournalist Jens Friebe stimmte nationale Töne an – und sei es nur, um seiner politischen Orientierungslosigkeit Ausdruck zu verleihen. In „Deutsches Kino“ heißt es: „Im Lichtspielhaus / Wenn dir die Mischung aus / Ekel und Scham den Atem nimmt / Wird dir dann klar / Wenn‘s das nicht eh schon war / Dass etwas Wichtiges nicht stimmt / Mit diesem Volk, mit diesem Land / Mit seinem Herz, seinem Verstand.“

Friebes Vaterland-Lamento blieb ohne großes Echo. Wohl auch, weil sein selbstquälerisches Lied musikalisch verhalten ausfiel. Echte Neonazis hören Oi!-Punk – oder neuerdings Rechts-Rap, mit dem die Szene zusehends Nachwuchs rekrutiert, wie das 3sat-Magazin „Kulturzeit“ Anfang Juli vorführte. Darum fruchtete auch die Menschenfänger-Masche der Band Mia nicht, der Kritiker 2004 „Lifestyle-Nationalismus“ vorwarfen, als die Elektro-Band in schwarz-rot-güldenem Fummel im Song „Was es ist“ patriotische Zeilen wie „Fragt man mich jetzt woher ich komme / Tu ich mir nicht mehr selber leid“ intonierte.

Auch in jüngerer Zeit sind im deutschsprachigen Pop vermehrt Künstler zu erleben, deren Auftritte im Zeichen rechter Posen, kruder Gesten und geharnischter Texte stehen. Da ist zumal die mit Gesten und Termini des rechten Spektrums kokettierende Krachsportgruppe Rammstein. Die Berliner Brachialrocker geben volksmusikalische Spektakel der anderen Art. Auch in Bremen, wo sie 2011 mit ihrer Werkschau „Made in Germany“ (Single: „Mein Land“) Station machten. Sie agierten so überpointiert, dass sich die Erinnerung an „Unser Land“ einstellte, ein Lied des bekennenden Patriotenduos Marianne und Michael, das 1987 Hymne der Fernsehlotterie wurde, weil es die Landschaft zwischen Alpen und Nordsee pries. Rammstein mögen ähnliche nationale Breitenwirkung haben wie die üblichen Verdächtigen des Musikantenstadls, bedienen sich indes martialischerer Bühneneffekte als folkloristische Weichspüler, um ihre Fans zu betören und ein mystisch verbrämtes Deutschland zu beschwören.

Ähnlich verhält sich das bei den Böhsen Onkelz, deren Ich-bin-stolz-ein-Arier-zu-sein-Konzerte nach der Reunion im Jahr 2014 rascher ausverkauft sind, als es die linke Gesinnungspolizei erlauben dürfte. Dabei ist selbst ein derber Lautsprecher wie Onkelz-Sänger Kevin Russell mittlerweile subtil und subversiv genug, um seine Oden an die Volksgemeinschaft zu verklausulieren. So wie regimekritische DDR-Autoren ihre Botschaft allegorisch tarnten, um die Zensur auszutricksen, travestieren die nationalistisch gestimmten Musiker neuen Typs ihre Weltanschauung bis zur Unkenntlichkeit, um der Indizierung zu entgehen.

Drei Pop-Formationen gerieten jüngst in den Geruch, zwischen den Zeilen rechtspopulistisches Gedankengut zu lancieren. Darunter ist die Südtiroler Band Frei.Wild besonders unverblümt. Ihre Texte sind laut Experten dem in der Neonazi-Szene beliebten Genre „Identitätsrock“ zuzurechnen. Sänger Philipp Burger war vor der Gründung von Frei.Wild Mitglied der Kaiserjäger, die sich 2001 aufgelöst hatten, nachdem es bei einem Konzert zu einer Massenschlägerei zwischen deutsch- und italienischsprachigen Neonazis gekommen war. Auch bei Frei.Wild stimmt Burger pathetische Südtirol-Elogen an. Etwa so: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat / Ohne sie gehen wir unter / Stirbt unser kleines Volk.“ Derlei ähnelt Blut-und-Boden-Poesie – und ist doch so wenig angreifbar, dass angestrengte Indizierungsverfahren mehrfach scheiterten.

Unter völkischem Anfangsverdacht steht längst auch Andreas Gabalier, der selbst ernannte Volks-Rock ‘n‘ Roller. Mit Heimatliebe kennt sich der Österreicher aus, der am 8. Oktober in Bremen gastiert. Das qualifizierte ihn für eine neue Version des vormals von Gitti & Erika interpretierten Alpenhohelieds „Heidi“. Auch mit homophoben und sexistischen Bemerkungen fiel der Mann, der für Müller-Milch wirbt, oft auf. So sang er im vergangenen Jahr bei einem staatstragenden Auftritt inbrünstig die Bundeshymne – ohne sich darum zu scheren, dass die Passage „Heimat bist du großer Söhne“ im Jahr 2012 geschlechtergerecht revidiert worden war. Gabaliers kalkuliert kokette Heimattümelei schreckt selbst vor Anspielungen auf völkische Ästhetik nicht zurück: Es braucht nur wenig Fantasie, um auf dem Cover seines Albums „Volks-Rock ‘n’ Roller“ (2011) ein stilisiertes Hakenkreuz zu erkennen.

Der vielen Verschwörungstheorien zugewandte Sänger Xavier Naidoo, in dessen Vornamen ein Erlöser und Heilsbringer (Saviour) echot, hat lange vor seinem Auftritt bei der revisionistischen Reichsbürgerbewegung (2014) bemerkenswerte Positionen in Sachen Vaterland bezogen. In Interviews äußerte er wiederholt, Deutschland sei ein besetztes Land. Seine alttestamentarisch verblasene Lyrik, die ihm den Vorwurf des christlichen Fundamentalismus eingetragen hat, strotzt vor Passagen, in denen er ein imaginäres Kollektiv auf finale Kämpfe einschwört. Wenn er am 5. August auf der Bremer Bürgerweide gastiert, wird er auch Hits von seinem Album „Telegramm für X“ (2005) singen. Etwa „Bist du am Leben interessiert“ oder „Was wir alleine nicht schaffen“. Lieder, in denen eine kraft erlittener Demütigungen legitimierte Volksgemeinschaft als künftiges historisches Subjekt aufscheint, das zur Macht strebt. Der wirre Missionar Naidoo ist kein Rechtspopulist, bedient aber wie alle vorgenannten Musiker treffsicher ideologische Reflexe und Muster, vor denen sich Bertolt Brecht mit Grausen abwenden würde.

Quelle: Weser Kurier