Gibt es nicht?

„Den“ Anarchismus gibt es nicht – wirklich jetzt!!! Kritik an der Darstellung des Anarchis­mus in der letzten Phase 2

Als ich im Frühjahr 2015 davon Wind bekam, dass die Phase 2 ein Heft mit dem thematischen Schwerpunkt Anarchismus herausbringen wird, habe ich mich gefreut und war gespannt. Dass ich dies begrüße, liegt nicht nur daran, dass ich mich selbst als Anarchist identifiziere, also naheliegenderweise der Überzeugung bin, dass es Menschen ganz gut tut sich mit anarchistischem Gedankengut auseinanderzusetzen, sondern auch weil ich mir mehr und intensivere Auseinandersetzungen um Fragen der Theorie und Praxis innerhalb der radikalen Linken (1) wünsche, da ich dies für unabdingbar halte, damit diese in die Lage versetzt wird gesamtgesellschaftliche Emanzipationsprozesse anzustoßen und mit voranzutreiben. Als ich die Phase 2 zum Thema Anarchismus dann anfing zu lesen, hatte ich also eigentlich naheliegende, doch wie mir einmal mehr bewusst wurde, sehr hohe Ansprüche an die Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Artikel im Heft, welche sich vor allem kritisch mit dem Anarchismus auseinandersetzen (2) , enttäuschten mich und machten mich stellenweise sogar etwas wütend. Ich habe mich deswegen genötigt gesehen die vorliegende Erwiderung zu schreiben. Eine detaillierte Kritik oder Gegendarstellung würde dabei allerdings den Rahmen sprengen und wäre auch nicht zielführend. Stattdessen werde ich im Folgenden grundsätzliche Kritikpunkte an den genannten Artikeln und der darin geäußerten Kritik und Vorgehensweise der Autor*innen formulieren. Jedoch möchte ich darauf hinweisen, das sich im Heft noch weitere Artikel befinden, welche sich sinnvoller und dennoch kritisch mit dem Anarchismus beschäftigen und empfehle daher einen Blick in das Heft.

Neben der eigentlichen Kritik will ich auch den Fragen nachgehen, warum der Anarchismus von den Autor*innen in dieser Weise kritisiert wird und ob dies in meinen Augen ein Ansatz ist, welcher der Etablierung einer emanzipatorischen Praxis dienlich ist. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass der Anarchismus nicht über jede Kritik erhaben ist und diese sogar braucht – das zeigt schlicht die gegenwärtige Verfassung der anarchistischen Bewegung und die Tatsache, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse immer noch scheiße sind und sowohl der Anarchismus, als auch die restliche radikale Linke an diesem Umstand bisher wenig ändern konnten.

Ausgangspunkt einer jeden Kritik sollte zunächst die Bestimmung und eine gewisse Kenntnis des Gegenstandes sein. Genau dies soll wohl der Eröffnungsartikel von Ewgeniy Kasakov bezüglich dem Anarchismus leisten.
Sein erklärter Anspruch ist es „die inhaltliche Essenz aller Strömungen [des Anarchismus] zu erfassen“(3) Damit beginnt schon das Elend eines von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuchs, dessen Resultat nur ein Anarchismus sein kann, der Frankensteins Monster gleicht. Aus vielen Einzelteilen, die nicht zusammengehören, aber mit viel Gewalt zusammengefügt und -gehalten werden, wird ein Konstrukt aufgebaut, das an eine politische Bewegung erinnern soll. Damit diese Konstruktion des Anarchismus als politische Bewegung, die man innerhalb der radikalen Linken o.ä. „dem“ Marxismus bzw. Kommunismus gegenüberstellen und kritisieren kann, irgendwie funktioniert, muss Kasakov logischerweise Besonderheiten und viele Positionen unterschlagen oder stark verallgemeinern und zu falschen oder zumindest eigenwilligen Interpretationen greifen, welche von wenig Wissen um den behandelten Gegenstand zeugen. Heraus kommt eine politische Bewegung, deren Charakteristika nach Kasakov Theorielosigkeit bzw. -feindlichkeit, Ablehnung des Staates und diverser anderer Herrschaftsverhältnisse bzw. ein positiver Bezug auf Freiheit (ohne dass der Anarchismus nach Kasakov ein Verständnis dieser Begriffe hätte), ein starker Utopismus und Moralismus und vor allem ein dogmatischer Pluralismus wären.

Kasakovs zwanghafter Versuch, die verschiedenen anarchistischen Strömungen in die Form einer politischen Bewegung zu bringen, steht nun einer vernünftigen Beschreibung und Kritik des Gegenstandes gerade im Weg. Es ist vollkommen logisch, dass wenn ich eine Vielzahl verschiedener Verständnisse von Staat, kapitalistischer Ökonomie, Herrschaft, Freiheit und von gesellschaftlicher Transformation/Revolution betrachte und nach Gemeinsamkeiten suche, ich schließlich feststellen muss, dass solche als einheitliche Konzepte nicht existieren bzw. inhaltsleer sind. Das ist aber keinesfalls identisch mit einem im Einzelfall fehlenden theoretischen Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. der oben beispielhaft genannten Begriffe. Allein dass Kasakov die Forderung erhebt, dass der Anarchismus eine spezifische Theoriebildung aufweisen müsste, ist nur vor dem Hintergrund seines Bedürfnisses nach Identifikation einer anarchistischen Bewegung zu verstehen, die quasi als Teil eines Corporate Design, eben auch eine eigene Theorie aufweisen muss.
Dabei sieht er nicht, dass in den einzelnen Strömungen des von ihm identifizierten Anarchismus sehr wohl Theorieentwicklung stattgefunden hat und stattfindet und auch als notwendig angesehen wurde und wird.

Mit einer völlig abstrakten Sichtweise und aufgezwungener Vereinheitlichung muss dies natürlich unterschlagen werden. Dabei ignoriert er den Umstand, dass viele Anarchist*innen die Notwendigkeit eigener Theorie teils nicht so wie er sehen, sondern hierbei beispielsweise die kapitalistische Ökonomie betreffend, sehr pragmatisch und jenseits von identitärem Gehabe, auf marxistische Theoriebildung zurückgreifen, was eine grundlegende Trennung in verschiedenen Bewegungen an diesem Punkt schwer macht. Nur weil es keine einheitlichen, spezifisch anarchistischen Theorien zu Dingen wie Herrschaft, Staat, kapitalistischer Ökonomie etc. gibt, bedeutet dies noch lange nicht, dass Anarchist*innen keine Theorien hätten, diese nicht reflektieren, debattieren oder weiterentwickeln und spezifisch anarchistisch interpretieren.

Das von ihm in diesem Kontext behauptete Dogma des Pluralismus im Anarchismus, welches einer einheitlichen Theorieentwicklung oder praktischen Kritik entgegenstehen würde, ist eine plumpe Unterstellung und ich empfehle ihm als gelerntem Historiker das zu tun, was er qua dieser Profession können müsste – Quellenanalyse. Er könnte sich zum Beispiel wahlweise den Auseinandersetzungen um Organisation, Eigentum oder Gewalt oder um das Verhältnis vom Kampf gegen Staat und Kapital einerseits und Patriarchat, Naturbeherrschung und anderen sogenannten „Nebenwidersprüchen“ andererseits nachgehen. Oder er könnte recherchieren, warum und vor welchem Hintergrund der sich von ihm erwähnte, als explizit pluralistisch verstehende Anarchismus ohne Adjektive herausgebildet hat. Der von Kasakov behauptete an Beliebigkeit grenzende Pluralismus existiert nur in der abstrakten Perspektive des Autors, die dieser einnimmt um den Anarchismus, koste es was es wolle, als eine politische Bewegung fassen und Charakteristika zuschreiben zu können. Würde man „den“ Marxismus mit der gleichen Perspektive betrachten, erschienen seine verschiedenen Strömungen und ihr Verhältnis zueinander auch als Pluralismus und nicht als grundlegende Spaltungen. Antideutsche Marxist*innen haben mit stalinistischen Antiimperialist*innen nichts gemein, als einen gemeinsamen Bezug auf marxistische Theoretiker*innen, welcher aber bereits inhaltlich grundverschieden ist – ein ähnliches Phänomen, wie bei den im Anarchismus von Kasakov als inhaltsleer beklagten Begriffen von Herrschaft, Freiheit, Revolution, kapitalistischer Ökonomie, Staat etc.

Dass Kasakovs abstrakter Blick auf den Anarchismus verhindert, dass er ihn versteht, führt ihn auch dazu ihm Utopismus und Moralismus vorzuwerfen. So ist er der Meinung, dass sich anarchistische Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen vor allem aus dem Vergleich mit detaillierten Utopien speist, welche der Realität unvermittelt gegenüber stünden. Statt eines Konzeptes von Revolution und gesellschaftlicher Transformation existiere im Anarchismus der moralische und voluntaristische Appell an das Individuum sofort und heute alles anders und besser zu machen. Hätte er sich mit anarchistischem Denken beschäftigt, wüsste er, dass es zumeist nicht ganz so einfach ist und vor dem Entwurf einer Utopie auch im Anarchismus zumeist eine Analyse und Kritik der vorgefundenen Verhältnisse steht. Weiter wüsste er, dass auch im Anarchismus, dem Marxismus hier nicht unähnlich, nicht immer, aber dennoch häufig ein „Bilderverbot“ existiert. Dies hängt wie im Marxismus damit zusammen, dass viele Anarchist*innen sich über die Beschränkungen des Denkens und Handelns im Hier und Jetzt sehr wohl bewusst sind – sonst wären sie keine Anarchist*innen. Er selbst weist darauf hin, dass Anarchist*innen überall, auch im eigenen alltäglichen Handeln eine Vielzahl von Herrschaftsformen sehen. Und dennoch kann gesellschaftliche Veränderung nur über konkrete Veränderungen in eben jenem Hier und Jetzt, im Handeln der Individuen stattfinden und mit einer Ahnung davon, wie es besser sein könnte – trotz aller Beschränkungen, die solchen Veränderungen entgegenstehen. Wer das nicht sieht, sondern politisches Handeln ausschließlich auf abstrakter Ebene fasst, merkt nicht, dass Strukturen immer auch durch das durch sie beschränkte konkrete Handeln von Menschen geschaffen und verändert werden. Die Ebenen abstrakter Strukturen und konkreten Handelns sind voneinander abhängig und vermittelt. Die Vorstellung, dass grundlegende Veränderungen nur auf struktureller, abstrakter Ebene und vor allem erst in ferner Zukunft stattfinden können, da das Handel heute ja durch Herrschaft beschränkt ist, ist selbst völlig utopisch und ohne vernünftiges Verständnis von Gesellschaft und gesellschaftlicher Veränderung.

Peter Bierl hat im Gegensatz zu Kasakov in seinem Artikel bessere Arbeit geleistet, einfach, weil er das Phänomen differenzierter und stärker im Detail betrachtet. Er ordnet etwa Pierre-Joseph Proudhon und Silvio Gesell, deren Theorien u.a. Gegenstand seines Artikels sind, innerhalb des Anarchismus spezifischen Strömungen zu und verweist darauf, dass wichtige Teile der anarchistischen Bewegung andere Auffassungen vertreten bzw. sich wie Michael Bakunin, schlicht bei den marxistischen Theorien bedienen.

Leider zeigt Bierl aber auch einen gewissen Unwillen sich mit jüngeren Entwicklungen in der anarchistischen Theorielandschaft auseinander- zusetzen, auf die er im Hinblick auf Ökonomie kritisch und am Beispiel von David Graeber und CrimethInc. eingeht. Es sei dahingestellt, ob Graebers Analysen richtig und sinnvoll sind (ich persönlich bin kein Fan). Bierls Rezeption von Graebers Denken ist aber nicht nur einfach verkürzt, sondern schlicht falsch, wenn er behauptet Graeber würde die von ihm so genannten humanen Ökonomien schönfärben oder sich positiv auf chinesische und arabische Reiche beziehen und diesen schlechte moderne, monetäre Ökonomien gegenüberstellen und wirft ihm implizit Anschlussfähigkeit für (strukturellen) Antisemitismus vor.

Graeber weist dagegen in seinem entsprechenden Buch oft auf die Herrschaftsverhältnisse und die Gewalt hin, die mit den erwähnten, gerade auch mit den zu erst erwähnten Gesellschaftssystemen verbunden sind. Er verdeutlicht auch, dass, entgegen Bierls Behauptung, die Dynamik der Schuldverhältnisse, welche er grundsätzlich als Herrschaftsverhältnisse versteht, verobjektiviert und umfassen sind – sie sind gerade nicht einfach böse Machenschaften von ihnen enthobenen Eliten, auch wenn gerade hier die großen Schwachpunkte von Graebers Beschreibungen liegen. Inwiefern Bierl auch die jüngeren ökonomischen Überlegungen von CrimethInc. falsch oder zutreffend rezipiert und in der Folge kritisiert, kann ich leider nicht beurteilen – meine Motivation mich mit diesen zu befassen, war bisher nicht ausreichend, wohl auch weil ich mit den marxistischen Theorien zur Ökonomie bisher eigentlich ganz zufrieden bin.[…]

Carl Melchers wiederum unternimmt in seinem Artikel den Versuch Ähnlichkeiten zwischen faschistischem und anarchistischem Denken und Handeln nachzuweisen. Dass diese in der anarchistischen Bewegung unter sich als individualistisch, futuristisch oder nihilistisch verstehenden Anarchist*innen in Form von Misanthropie, Verachtung für die Gesellschaft und Fetischisierung von einer zumeist gewalttätigen Praxis durchaus gegeben war und ist, ist nicht zu bestreiten. Wie bei Kasakov scheint aber auch bei Melchers das Bedürfnis nach Identifikation eines einfach zu kritisierenden Anarchismus einer vernünftigen Analyse und Kritik desselben im Wege zu stehen, wenn er diesem generell eine Tendenz „zu einem irrationalistischen Kult der Tat und [zu einer] Selbstinszenierung mancher seiner ProtagonistInnen als RächerInnen des Volkes“(4) unterstellt bzw. dem stark anarchistisch geprägten militanten Syndikalismus vorwirft „auf Umwegen [den] italienischen Faschismus“(5) hervorgebracht zu haben. Seine Argumentation diesbezüglich fällt entsprechend dünn aus. Die Verwandtschaft des Syndikalismus mit dem Faschismus macht Melchers vor allem an der den Personen Georges Sorel und Benito Mussolini fest. Dass beide sich eher der Form und weniger dem Inhalt nach auf den Syndikalismus bezogen haben bzw. dieser Bezug auf anarchistisches und syndikalistisches Denken und Handeln stark verfremdend war, wird vom Autor nicht wirklich beachtet. Speziell welche Rolle dabei das Denken Sorels in der syndikalistischen Arbeiter*innenbewegung gespielt hat und er und sein Denken, wie von Melchers behauptet, damit tatsächlich einen „Nexus zwischen anarchistischer und faschistischer Theoriebildung“(6) darstellen, wird nicht näher behandelt. Gleichzeitige inhaltliche Bezüge und personelle Schnittmengen des Faschismus mit anderen politischen Bewegungen dieser Zeit, etwa den marxistischen bzw. kommunistischen Teilen der Arbeiter*innenbewegung werden von Autor zwar angesprochen, aber nicht weiter verfolgt. Gerade diese würden aber Melchers Aussagen zum Verwandtschaftsverhältnis von Faschismus und Anarchismus relativieren.

Melchers macht sich daraufhin daran den Anarchismus „nicht nur als wichtige[n] Stichwortgeber, sondern auch als Negativvorlage“(7) für den Faschismus darzustellen. Dies macht er indem er das Denken Bakunins, als negativen Bezugspunkt für Carl Schmitt, als wichtigem Intellektuellen eines revolutionären Konservatismus bzw. eben des Faschismus, präziser des Nationalsozialismus, herausarbeitet. Nicht nur, dass dem Anarchismus kaum ein Vorwurf daraus gemacht werden kann für Carl Schmitt ein Scheckgespenst zu sein, Melchers liefert auch keine Argumente warum damit strukturelle Ähnlichkeiten im Denken der beiden Bewegung bestehen sollen. Schaut man sich außerdem die Ideenwelt und Propaganda rechter Bewegungen, nicht nur, aber gerade in Deutschland an, wird deutlich, dass Marxismus bzw. Kommunismus weit größere Feindbilder für diese waren. Anarchist*innen wurden von ihnen wohl eher als einfache Verbrecher*innen und Geisteskranke behandelt oder eben der marxistischen bzw. kommunistischen Bewegung zugerechnet.

Abschließend vergleicht Melchers die nur teilweise terroristische Praxis der russischen Narodniki, wobei er vor allem Sergei Netschajew behandelt, mit denen rechter Gruppen. Es ist wie erwähnt richtig, dass es im Anarchismus bzw. auch im hier von Melchers behandelten Fall immer Strömungen gab und gibt bei denen ein Gewalt- und Opferkult von als Individuen oder Kleingruppen agierenden Attentäter*innen und Rächer*innen vorzufinden ist.

Es stellt sich aber bei den Narodniki die Frage, ob sie überhaupt dem Anarchismus zuzuordnen sind, was, wie Melchers selbst anmerkt, bei Netschajew umstritten ist. Narodnaja Wolja, einer der bekanntesten Gruppen, welche den Zar Alexander II. ermordet hat, war bezüglich ihrer Zusammensetzung jedenfalls sehr heterogen. Mord, Terror und Gewalt als politisches Mittel von unter anderem durch diese Gewalt stark abgeschotteter und nach innen integrierter Gruppen, finden sich in der Geschichte des Anarchismus aber dennoch und sicherlich lassen sich der Form nach an diesem Punkt auch Ähnlichkeiten zum Faschismus ziehen. Was der Autor versäumt ist darauf hinzuweisen, dass sich dieses Phänomen, ebenso wie der Rache- und Opferkult, die Selbststilisierung als Rächer*innen des Volkes bzw. die Legitimation von massiver, teils nicht wirklich zielgerichteter Gewalt mit der proletarische Sache auch in den marxistischen bzw. kommunistischen Teilen der Arbeiter*innenbewegung finden lassen (hier gewinnt die staatlich-bürokratisch organisierte Form von Gewalt allerdings eine größere Bedeutung, als im Anarchismus). Was der Autor zudem nicht beachtet, ist, dass diese spezifische Form von Gewaltausübung in der rbeiter*innenbewegung meistens nur dann angewendet wurde, wenn das politische Klima von massiver staatlicher Repression geprägt war und sich auch vom Inhalt und den konkreten Zielen her stark von faschistischer Gewaltanwendung unterscheidet, die diese wesentlich stärker fetischisiert.

Dies und auch die vorherigen Anmerkungen, welche darauf hinweisen, dass die Punkte, welche Melchers als Ähnlichkeiten zwischen Faschismus zum Anarchismus nennt und kritisiert, zumeist auch bei den marxistischen Teilen der Arbeiter*innenbewegung zu finden sind bzw. hier gleichfalls Ähnlichkeiten und existieren, soll dabei nicht dazu dienen, die Kritik vom Anarchismus auf den Marxismus abzuwälzen oder einfach zu relativieren. Sie dient viel mehr dazu zu zeigen, dass die von Melchers kritisierten Punkte keinesfalls Wesensmerkmale des Anarchismus sind, sondern wenn überhaupt, dann problematische Phänomen innerhalb der radikalen Linken generell darstellen. Dass Melchers diese Phänomene aber gerade nicht als solche, die radikale Linke generell betreffende Phänomene fasst, liegt wohl auch vor allem an dem Bedürfnis den Anarchismus als vom Marxismus klar zu unterscheidende politische Bewegung zu identifizieren und zu kritisieren.

Was mir an den drei hier behandelten Autor*innen bzw. Artikel so übel aufstößt ist die Art und Weise wie sie vorgehen. In der radikalen Linken scheint Kritik allzu oft ein selbstbezweckendes Hobby zu sein oder dient dazu das eigene, durch das nicht unzutreffende Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht, sowohl individuell, als auch als kollektiver politischer Akteur, angekratzte Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren und sich so in der eigenen politischen und intellektuellen Identität zu bestätigen. Einer vernünftigen Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Entfaltung einer emanzipatorischen Praxis steht das aber vor allem im Weg und das ist es auch, was ich den hier behandelten Autor*innen vorwerfe. Es scheint, dass das Bedürfnis den Anarchismus zu kritisieren vor einer eingehenden Beschäftigung mit dem Phänomen gestanden hat. Statt sich auf den Gegenstand einzulassen, was nicht mit völliger Offenheit zu verwechseln ist, sondern lediglich meint ernsthaft zu versuchen nachzuvollziehen und zu verstehen was diesen ausmacht, wie er funktioniert, werden viel lieber Strohpuppen konstruiert, auf die man genüsslich und ohne zu zögern eindreschen kann bzw. auf die allzu einfache, alte und bewährte Schemata der Kritik angewendet werden können. Anstatt sich also mit dem Denken und Handeln von Anarchist*innen ernsthaft auseinanderzusetzen, wird eine anarchistische Bewegung konstruiert, die als Ganzes pauschal kritisiert wird. Falls sich dann doch mit spezifischen Anarchist*innen auseinandergesetzt wird, werden jene ausgepickt, welche leicht kritisiert werden können – falls nicht, werden sie passend für bewährte Schemata rezipiert. Wichtig ist auch, sie so zu konstruieren, dass sie mit einem selbst, der eigenen politischen Identität, möglichst wenig zu tun haben, andernfalls würde die Kritik einen selbst ja auch treffen können. Keiner der Autor*innen kommt dabei auf die Idee, die von ihm am Anarchismus kritisierten Punkte als Probleme der radikalen Linken generell zu betrachten, lieber werden sie als spezifisch anarchistische behandelt, was ihrem Wesen aber nicht gerecht wird.

Wie ich bereits erwähnt habe, glaube ich, dass eine solche Vorgehensweise kontraproduktiv ist – auch andere Strömungen der radikalen Linken, speziell „der“ Marxismus, sind nicht über Kritik erhaben und müssen sich ständig weiterentwickeln. Dass geht aber nur, wenn sie selbst offen für Kritik und Impulse sind. Identitäre Abgrenzung von anderen Strömungen bringt dabei nicht weiter. Sie führt dazu, dass eine selbstkritische Haltung aufgegeben und das Denken und Handeln anderer nicht ernst genommen werden, die diese Impulse, alternative Denkansätze und Perspektiven oder auch Kritik liefern können. Diese identitäre Abgrenzung beginnt, wenn die radikale Linke dualistisch in Marxismus und Anarchismus getrennt wird und man selbst versucht sich hier klar einzuordnen. Die Suche nach politischer Identität bekommt so mehr Bedeutung, als die Suche nach einer emanzipatorischen Perspektive.
Es ist aber wichtiger, ob eine Theorie die Realität adäquat erfasst und aufzeigt, wo Möglichkeiten und Schranken emanzipatorischer Praxis liegen, als dass sie von eine*r Anarchist*in oder Kommunist*in kommt. Umgekehrt will ich aber mit Kommunist*innen oder Anarchist*innen die regressive Ideologien und kontraproduktive oder menschenfeindliche Praxis predigen nichts zu tun haben. Als „Anarchist“ theoretisiere und handle ich politisch lieber mit marxistischen Staatsfeind*innen, mit denen mich persönlich viel verbindet, als dass ich Anarchokapitalist*innen oder -primitivist*innen bzw. marxistischen Antiimperialist*innen oder Stalinist*innen auch nur die Hand gebe. Die Grenzen und wichtigen Spaltungslinien in der radikalen Linken sollten im Hinblick auf die emanzipatorische Überwindung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse an anderer Stelle verlaufen, als entlang der Linie Anarchismus-Marxismus.

[1]Unter radikaler Linke will ich hier jene Teile der linken Bewegung verstehen, welche aufeine grundlegende Veränderung bzw. Überwindung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse hinwirken und in diesem Sinne revolutionär sind. Trotz aller Vielfalt und Heterogenität kann das Denken und Handeln der radikalen Linken doch in einem weiten Sinne als anarchistisch bzw. marxistisch-kommunistisch charakterisiert werden, ohne zu unterstellen, dass alle Marxist_innen ommunist_innen wären und umgekehrt bzw. Anarchist*innen nicht auch kommunistisch sein können bzw. in einem bestimmten Sinne sind. Der Versuch hier klar zu unterscheiden ist gerade Gegenstand meiner Kritik in diesem Artikel.
[2] Ich beziehe mich hier vor allem aufKasakov („Den Anarchismus gibt es nicht! Kritik einer Strömung, die sich der Kritik zu entziehen sucht“), Bierl („Bakunin empfiehlt Marx. Der Anarchismus zwischen Kommunismus und arktverherrlichung“) und Melchers („Bandiera Nera. Drei Schlaglichter auf das Verhältnis von Faschismus und Anarchismus“), wobei aber auch die Einleitung zum Heft nicht unerwähnt bleiben sollte, aufdie ich aber aus Platzgründen, ebenso wie der problematische Call for Papers der Redaktion, aber nicht eingehen werde.
[3] Kasakov, Ewgeniy: Den Anarchismus gibt es nicht! Kritik einer Strömung, die sich der Kritik zu entziehen sucht, in: Phase 2, Frühjahr 2015, S. 6
[4] Melchers, Carl: Bandiera Nera. Drei Schlaglichter aufdas Verhältnis von Faschismus und Anarchismus, in: Phase 2, Frühjahr 2015, S. 20.
[5] Ebd., S.18.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 20.


1 Antwort auf „Gibt es nicht?“


  1. 1 marxistischer Staatsfeind 07. Oktober 2015 um 7:30 Uhr

    Über den Text habe ich mich sehr gefreut. Statt Identitäten zu pflegen stünden Diskussionen über reale inhaltliche Gemeinsamkeiten und Differenzen an zwischen Kommunist*innen und Anarchist*innen – auch in Bremen.

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