VA: „Chancen Solidarischer Ökonomie“

Dienstag, 10. November 2015 | 18 Uhr | DGB-Haus (Bahnhofsplatz 22)

Seit Beginn der Krise in Griechenland müssen immer mehr Fabriken schließen. Oft setzen sich die Besitzer mit ihrem Vermögen ab und die Beschäftigten werden arbeitslos. Die Arbeitslosenquote liegt z.Z. bei 25%. Wer in Griechenland arbeitslos wird, bekommt vielleicht ein Jahr lang eine kleine Unterstützung, danach nichts mehr – auch keine Kranken- versicherung.

Die Arbeiter von VIO.ME haben 2011 ihre Fabrik besetzt, nachdem sie von den Besitzern verlassen worden war. Seitdem arbeiten sie selbstver- waltet. Früher wurden in der Fabrik Baumaterialien produziert. Heute werden dort «solidarische» Produkte produziert. Etwa Seife auf natürlicher Basis und ohne Zusatz von Duftstoffen, die auch in Deutschland un- ter dem Motto «Wasche deine Hände für die Solidarität» verkauft wird.

Am 25. August 2015 sah sich die Belegschaft zu einer außerordentlichen Bekanntmachung veranlasst, in der sie ihre Sorge um die Sicherheit der kämpfenden Beschäftigten in der Fabrik VIO.ME äußerte. Die VIO.ME ArbeiterInnen befürchten eine Anklage als illegale Hausbesetzer und bit- ten um Solidaritätserklärungen. Noch immer muss die Belegschaft um den Erhalt und die Fortführung der Produktion in der Fabrik kämpfen.

Der Film von Dario Azzellini zeigt die Geschichte von Arbeiterinnen und Arbeitern, die sich weigern aufzugeben. Es ist eine Geschichte von Selbstbestimmung und direkter Demokratie, die Geschichte der Übernahme und Selbstverwaltung der VIO.ME Fabrik. Wir zeigen Ausschnitte aus dem Film in Originalfassung und stellen dieses Beispiel in den Kontext der sich zunehmend entwickelnden Solidarischen Ökonomie in Europa.
Elisabeth Voß aus Berlin wird in diesem Sinne inhaltliche Impulse geben.

Nach der Veranstaltung gibt es Gelegenheit, mit Mitgliedern des Bremer Vereins Sympáthia deutsch-griechische Solidarität zu sprechen und sich über Möglichkeiten der eigenen Solidarität zu informieren.


1 Antwort auf „VA: „Chancen Solidarischer Ökonomie““


  1. 1 origin 05. November 2015 um 22:07 Uhr

    Was ist eine „sich zunehmend entwickelnde Solidarische Ökonmie“ in Europa? Vermutlich nicht umsonst bleiben die Autor/innen mit ihrer Wortwahl bei schwachen Tendenzen. „Sich zunehmend entwickelnd“, dieses Ding Solidarische Ökonomie scheint ein Selbstläufer zu werden und zwar zunehmend. Eine unabdingliche geschichtliche Tendenz? Auch die Erde nähert sich zunehmend der Sonne, dauert nur noch einige Milliarden Jahre bis sie im roten Heliumball landet. Doch diese Tendenz, die sich zunehmend entwickelt, tut das ja der Kämpfe wegen. Eine geschickte Doppelung: Entschlossene Arbeiter/innen, deren Wille unbezwingbar ist, und eine europäische Tendenz, die ihnen Recht gibt.
    Die Realität dieser Solidarökonomien, die am Tropf der kapitalisitischen Wertproduktion hängen, da sie viel zu Ohnmächtig für eine eigene Zirkulation sind, sieht ganz anders aus. VIO.ME hat nicht der Solidarität wegen aufgehört, den verhassten Beton herzustellen, der einfach nicht brennen möchte, sondern weil es keine Solidarökonomie gibt, in der solch basale Grundstoffe des modernen Lebens wie etwa Beton verteilt und eingesetzt werden könnten. Dabei wäre auf Lesbos sicherlich Not für Betonunterkünfte bis an die Wasserkante.
    Wie kommt es also zu diesen Formulierungen? Vermutlich so, wie es zur APO kam: Durch die journalistische Fiktion Ulrike Meinhofs und ihrer konkret, ihrem Bewegungs-Organizing von oben. Dieses Herbeigeschreibe von Realitäten hat sich selbst dann als unwirksam erwiesen, als auf einmal Hunderttausende in Bonn „etwas“ gegen die Notstandsgesetze hatten. Denn wenig später waren die auch wieder weg. Jetzt verhält es sich aber mit der solidarischen Ökonomie auch noch glatt andersherum: VIO.ME bleibt im Griechenland der Krise, in dem der Staat zahlreiche Bereiche des Lebens abgestoßen und freigesetzt hat, das einzige Projekt dieser Art. Niemand von dort hätte den Chuzpe zu behaupten, ihr Projekt hätte sonderliche Strahlkraft entwickelt. Vielmehr ist man sich seiner ungeheuren Marginalität bewusst (und kämpft trotzdem, zurecht. Labert aber keinen Müll!). Wenn Deutsche nun seit Jahren auf die südeuropäischen Länder verweisen um sich einzureden, dass eigentlich die Dinge doch viel besser stehen weil dort so viel Neues entstände, dann tun sie das aus Verzweiflung im Angesicht der eigenen Machtlosigkeit. Sich an dieser Stelle Ersatzgottheiten zu schaffen ist kläglich und kontraproduktiv. Sie sollten sich nicht wechselseitig auf die Schulter klopfen und ihrer Bioladen-Revolution das Prädikat „zunehmend systemsprengend“ anheften, sondern sich den Gründen stellen, weshalb selbst im Angesicht der zusammenbrechenden Vergesellschaftung in Südeuropa so wenige bereit sind, sich einem revolutionären Projekt anzuschließen.

    Die Idee einer solidarischen Ökonomie, also einer demokratischen Planwirtschaft die Alle für die Bedürfnisse und nach den Fähigkeiten Ihrer selbst und der Anderen gestalten, ist viel zu wichtig, als dass damit in romantischen Versprechungen hausieren gegangen werden dürfte. Die solidarischen Ökonomien von denen gesprochen wird sind leider nicht der Rede wert und wer diese aufbläst, der/die muss sich nicht wundern wenn Träume für immer platzen.

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