Kommentar zu „Frauen* im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“

Nachwort zur Veranstaltung der f*ab am 22.Oktober.2015

Im Zuge der Veranstaltungsreihe „Frauen* im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ lud die Feministische*Antifa Bremen (f*ab) die Historikerin Sophia Schmitz am 22.Oktober.2015 in das Kulturzentrum Paradox ein, um über „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel Berlin“ zu referieren.
Die Thematisierung von weiblichen Widerstandsformen im NS birgt die Gefahr an Mitscherlichs Vorstellung der ‚friedfertigen Frau‘ anzuknüpfen, die Täterschaft von deutschen nicht-verfolgten Frauen auszublenden und im Allgemeinen immer wieder dorthin zurückzufallen, wo einige Feminismen bereits in den 80er Jahren stehen geblieben waren. Geschichtsklitterung mag allerdings nicht erst bei der einseitigen Betonung von deutschen nicht-jüdischen Widerstandsformen beginnen, sondern bereits bei der Fokussierung auf Widerstandsformen unter Ausblendung der deutschen Täterschaft überhaupt. Deutsche nicht-verfolgte Frauen haben sich in vielfältiger Weise an der Vernichtung des europäischen Judentums beteiligt. Dabei genügt es allerdings nicht im Anschluss an diese Veranstaltungsreihe das Thema durch eine Zweite, die deutsche Täterschaft thematisierende, abzuhaken; es bedarf einer kritischen Reflexion des Bedürfnisses, gerade auch in feministischen Diskursen, den NS primär über Widerstandsformen zu bearbeiten und einer Analyse, welche gesellschaftlichen und entlastenden Funktionen damit einhergehen mögen. So die f*ab über sich selbst: „In unserer theoretischen Arbeit streben wir eine Auseinandersetzung mit Faschismus und Feminismus an. Dabei wollen wir besonders weiblichen* Widerstand in der Geschichte sichtbar machen sowie uns mit der Rolle von weiblichen* Nazis in der Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen.“ (http://fab.blogsport.de/ueber-uns)
Das Bedürfnis einer vom Androzentrismus unabhängigen feministischen Historiographie weist eine peinliche Verwandtschaft auf zu eben Diesem von dem man sich abzugrenzen versucht und verstrickt sich in den Widerspruch ähnliche identitätsstiftende und entlastende Mechanismen wirken zu lassen. Durch das Credo feministischer Theorien Frauen als identitätsstiftende Subjekte in der Geschichte sichtbar zu machen, kann das Studium der Geschichte zu einer Suche nach Identifikation werden. Dies wird insbesondere bei der universellen Verwendung des Begriffs Frauen deutlich, ohne diesen im jeweiligen Kontext näher zu konkretisieren, welche die Vielfältigkeit von Lebenslagen und Differenzen zwischen Frauen aus verschiedenen politischen und sozialen Kontexten unsichtbar macht. Der Begriff schließt ein, aber auch aus. Frauen machen Geschichte auch beziehungsweise gerade durch die Art und Weise, wie und an was sie (nicht) erinnern und wie sie Geschichte rekonstruieren.
Deutsche nicht-verfolgte Frauen standen im NS in der Regel nicht nur am Herd, sie entledigten sich zudem noch ihrer jüdischen Nachbarn. 70% aller Anzeigen an die Gestapo kamen aus der deutschen Bevölkerung (Radonic 2004: 116). 30% dieser Anzeigen basierten auf die Anzeigebereitschaft von Frauen (Dördelmann 1997: 158). Sie folgten den Boykottaufrufen von jüdischen Waren und Geschäften und machten sich als Denunziantinnen, Fürsorgerinnen, Pflegerinnen, KZ-Aufseherinnen und SS-Frauen als Täterinnen und Schuldige verantwortlich. Diese bisher nur unzureichend erforschten und immer wieder auch von feministischen Bewegungen und Theorien relativierten oder zurückgewiesenen Fakten in Gänze zu ignorieren birgt die Gefahr der Instrumentalisierung von Geschichte und Erinnerungsarbeit.
Auf die Frage hin „Was sind Dinge aus denen „wir Linke“ lernen können?“ ließe sich angesichts der vergangenen und gegenwärtigen verdammt regressiven Diskurse um den Nationalsozialismus und seinem zentralen Element, dem Antisemitismus in radikallinken und feministischen Bewegungen lieber antworten: „Besser nichts!“.

    Radonic, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH Europäischer Verlag der Wissenschaften.
    Dördelmann, Karin (1997): Denunziationen im Nationalsozialismus. Geschlechtsspezifische Aspekte. In: Jerouschek, Günter; Marßolek, Inge; Röckelein, Hedwig (1997): Denunziation. Historische, juristische und psychologische Aspekte. Tübingen: Edition Diskord. 157-167.

2 Antworten auf „Kommentar zu „Frauen* im Widerstand gegen den Nationalsozialismus““


  1. 1 ? 09. November 2015 um 10:45 Uhr

    von wem ist denn dieser text?

  2. 2 Zuschauer vom 22.10. 11. November 2015 um 1:48 Uhr

    Ein schöner Text. Nur hat Dieser mit der oben genannten Veranstaltung der f*ab nichts aber auch rein gar nichts zu tun.

    Weder ist die f*ab im Öko- oder Differenzfeminismus anzusiedeln, noch hat sie sich jemals auf einer ihrer Veranstaltungen verromantisierend zu Frauenbildern geäußert. Die Gruppe sprach sich weder affirmativ zum geläuterten deutschen Erinnerungsdiskurs aus, noch verharmloste sie deutsche Täter(innen)schaft. Das Gegenteil dürfte der Fall sein.

    Ebensowenig gab die Referentin Schmitz Anlass zu einer wie auch immer gearteten Hoffnung auf verklärende, idealisierende oder identitär-typisierende Historien von widerständigen Frauen im NS in ihrem Vortrag. Das Gegenteil war der Fall.
    Die Referentin unterschied in ihren Darstellungen zwischen Klassenzugehörigkeit, Religion und politischer Ausrichtung handelnder Frauen. Insofern kann von einer „universellen Verwendung des Begriffs Frauen“, die „die verschiedenen politischen und sozialen Kontexte unsichtbar“ mache, so der indirekt gehaltene Vorwurf des Verfassers/der Verfasserin, überhaupt nicht die Rede sein.

    Als Zuschauer, der an der Veranstaltung am 22.Oktober im Paradox teilgenommen hat, bezweifele ich die (geistige) Anwesenheit des Kommentators/der Kommentatorin.

    Ich habe wenig Verständnis für die Art und Weise dieser offensichtlich kontextlosen Allgemeinkritik. Denn Jene trägt sich auf Kosten einer Gruppe und deren Veranstaltung aus und betreibt auf deren Rücken das eigentliche Anliegen dieses Kommentars: die eigene politische Nabelschau.
    Was „wir Linke“ davon lernen können? „Besser nichts!“

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