Valentin: 2. Prozesstag

kopiert aus dem Weser Kurier

Opfer kann Täter nicht identifizieren

Schwere Anschuldigungen gegen Justiz und Polizei, Anträge, den Staatsanwalt aus dem Gerichtssaal „zu entfernen“, oder den Prozess doch am besten gleich einzustellen – der Auftakt des Verfahrens gegen Valentin S. und zwei andere Werder-Ultras gehörte wie berichtet den Verteidigern der Angeklagten. Am Montag, dem zweiten Prozesstag am Landgericht, wurde nun das erste Opfer als Zeuge gehört. Um es vorwegzunehmen: es wurde erneut ein Festtag für die Verteidigung.

Gefährliche Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft den drei jungen Männern vor. Valentin S. in sieben, den beiden anderen in jeweils drei Fällen. Eine Tat, die das Trio gemeinsam begangen haben soll, ereignete sich im Juli 2014. Es war die Nacht nach dem 7:1-Sieg der deutschen Kicker im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Gastgeber Brasilien. Für den heute 24-jährigen Zeugen endete diese Nacht im Krankenhaus. Kopfprellungen, Schädeltrauma, eine klaffende Wunde am Hinterkopf, Hämatome am gesamten Körper, heißt es hierzu im medizinischen Bericht.

Er habe sich das Fußballspiel mit Freunden angeschaut, erzählt der Zeuge vor Gericht. „Ordentlich was getrunken“ habe man dabei. Anschließend habe man draußen unter einer Überführung der Kurfürstenallee weitergefeiert. „Als normaler, ziviler Mensch“, wie der Zeuge betont. Er habe weder mit den unterschiedlichen Fußballfan-Gruppierungen noch mit Nazis etwas am Hut.

„Hatte richtig Lust, mich zu schlagen“

Musik gehört habe man und die auch mitgesungen, wie etwa die WM-Hymne „Ein Hoch auf uns“ von Andreas Bourani. Für einen der drei Angeklagten, der zufällig vorbeikam, könnte dies zu nationalistisch geklungen haben. Von gegenseitigen Beschimpfungen ist die Rede. Bei der Polizei sagte der Zeuge aus, dass er den Angeklagten verfolgte, weil „ich richtig Lust hatte, mich zu schlagen“. Daraus wurde nichts, der Mann war zu schnell verschwunden.

Eine Viertelstunde später seien dann aber drei maskierte Männer aufgetaucht und gezielt auf ihn losgegangen. Er ging bewusstlos zu Boden, seine Freunde versuchten, Hilfe zu holen.

Bei dem Überfall habe er niemanden identifizieren können, die schwarz gekleideten Täter trugen Sturmhauben, räumt der Zeuge ein. Trotzdem ist er sicher, dass es die drei Angeklagten waren. Einen von ihnen habe er an seinen Schuhen als denjenigen identifiziert, der die Gruppe zuvor beschimpfte. Die beiden anderen würden mit ihm zusammen in der Nähe wohnen. Zudem kenne er das Trio aus dem Fitnessstudio. „Wenn man dann eins und eins zusammenzählt…“ Zudem hätten sich die drei später an seinen Bruder gewandt – ebenfalls ein Ultra, allerdings aus einer anderen Gruppierung – und die Tat quasi zugegeben. Man müsse miteinander reden, um sich außergerichtlich zu verständigen.

Widerspruch vom eigenen Bruder

Was besagter Bruder als Zeuge nicht bestätigte. „So war das auf keinen Fall.“ Zwar habe ihn Valentin S. um ein Gespräch gebeten, doch das habe nie stattgefunden. Er wisse also nicht, was dieser von ihm gewollt habe. Zu den anderen Fragen musste der Zeuge passen: Wann Valentin S. ihn angesprochen hat, direkt nach der Tat oder drei Monate später? „Weiß ich nicht.“ Ob auch die anderen Angeklagten dabei waren, als Valentin S. um das Gespräch bat? „Kann ich mich nicht dran erinnern.“

Zwei Zeugen, wie gemalt für die Verteidiger: „Der Zeuge erkennt nicht die Täter wieder, sondern diejenigen, die er für die Täter hält“, betonte Horst Wesemann. Er habe den Eindruck, der Zeuge verändere bei jeder Vernehmung seine Aussage, erklärte Jan Lürig mit Blick auf dessen unterschiedlichen Angaben zur Körpergröße der Angeklagten. Die Aussagen würden wirken, als ob sie im Laufe der Zeit an die Beschuldigten angepasst wurden. Und wie jemand einen Täter allein an schwarzen Turnschuhen identifizieren wolle, aber weder signifikante Details noch die Marke der Schuhe nennen könne, sei ihm ein Rätsel.

„Die Sache ist freispruchreif“, setzte Wesemann den Schlusspunkt dieses Verhandlungstages. Der nächste beginnt Mittwoch, 3. Februar, um 9 Uhr.

Quelle: Weser Kurier

siehe auch

1. Prozesstag
AKJ: Erster Prozesstag des Verfahrens gegen antifaschistische Ultras
Weser Kurier: Prozessauftakt gegen Valentin S.
taz: „Klatschen gegen das System“
buten & binnen: Ultras vor Gericht
Radio Bremen: Prozess gegen Ultras wird vorläufig nicht eingestellt