LaRage … GIBT ES DIE DENN ÜBERHAUPT NOCH?*

Ja, es gibt uns noch!
In einigen Monaten haben wir unseren sechsjährigen Geburtstag. Dieses Jubiläum wollen wir zum Anlass nehmen, das Zeitungsprojekt kritisch zu hinterfragen und zu überdenken.

ANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT

Im Februar 2010 über zwei Jahre nach der letzten Ausgabe des Bremer Kassiber erschien die erste Ausgabe der LaRage. Dies war auch ein Versuch an eine lange Reihe von linksradikalen Bremer Zeitungen anzuknüpfen und der Szene, als auch über den linksradikalen Sumpf hinaus, Debatten jenseits des Internets zu ermöglichen.

Was ist daraus geworden?
Unser erster Subjektiver Eindruck war … es ist richtig zäh. Wir hatten das Gefühl das sich die Dampflock LaRage zunächst nur langsam und schnaufend in Bewegung setzte.

Zur Vorbereitung auf diesen Text haben wir einen Rückblick in die vergangenen sechzehn Ausgaben gewagt. Wer es nicht glauben mag ist herzlich eingeladen selbst einen Blick zu riskieren. Wir zumindest waren von der Vielzahl der unterschiedlichen Themen, Aktionen, Reflexionen usw., zugegebenermaßen angenehm überrascht.

Unser Anspruch war, dass wir dann eine neue Ausgabe herausbringen wollten, wenn wir genug Zusendungen erhalten haben. Dabei haben wir nie eindeutig geklärt was eigentlich dieses ominöse genug sein soll und waren gleichzeitig immer versucht den bestmöglichen Veröffentlichungstermin zu erwischen. Aus diese Situation heraus ist bei uns häufig das Gefühl entstanden, das die Zusendungen die uns erreichten alleine noch keine Ausgabe füllen könnten. Nicht selten haben wir von daher selbst Beiträge mit eingebracht um die Zeitung zu füllen. Gleichzeitig haben wir uns aber auch mit zunehmender Zeit immer häufiger gefragt, warum uns aus bestimmten Bereichen oder Ecken so gut wie nie oder keine Zusendungen erreichten.

KÄMPFE UND KRÄMPFE

Natürlich unterliegen auch wir den typischen gruppendynamischen Prozessen und es klappte bei Weitem nicht immer alles so wie es sollte. Zudem nahmen wir uns bis heute zu wenig Zeit um unsere Arbeit zu reflektieren, Fähigkeiten zu teilen, neue Ideen zu diskutieren und zu erproben, um damit letztlich die Zeitung weiter zu entwickeln. Verstärkt wurde dies zudem von den klandestinen Arbeitsbedingungen die wir uns selbst ausgesucht haben, durch die Kleinigkeiten häufig extrem aufwendig wurden. In der Konsequenz ist unsere Arbeitsweise auch nach fünf Jahren noch stark von Pragmatismus geprägt. In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch die Möglichkeit der Vervielfältigung dieser Zeitung zu nennen. Wir haben bereits unzählige Varianten des Druckens ausprobiert – die meisten waren zu aufwendig, zu teuer, zu kompliziert, zu unsicher oder einfach völlig ungeeignet (was wir im Vorfeld nicht wahrhaben wollten). Hier sind wir nach wie vor auf der Suche nach einer zufriedenstellenden Lösung.
Neben der Erstellung der Zeitung müssen wir uns um die Verteilung kümmern, auch wenn wir glücklicherweise einige Verteiler*innen gewinnen konnten, die uns dabei unterstützen.
Ein Punkt mit dem wir uns nie anfreunden konnten und der doch eine Rolle spielt ist die Finanzierung. Obwohl wir wirklich häufiger tolle und beeindruckende finanzielle Unterstützung von euch bekommen haben, verschwindet dieses Thema leider nie von unserer Tagesordnung. Kurz gesagt solange es diese Zeitung gibt werden wir immer wieder Geld brauchen und das ist echt frustrierend, stellt immer wieder so einiges in Frage und bindet viel unnötige Kraft.

INDYMEDIA UND ENDOFROAD

Wie man beispielsweise auf dem Internetblog endofroad.blogsport.de sehen kann, gibt es sehr wohl ein Bedürfnis, Sachen zu diskutieren. Zwar entladen sich dort die Debatten oftmals als Pöbeleien in der Kommentarspalte, doch sind einige auch inhaltliche gut reflektierte Beiträge dabei. In diesem Zusammenhang weisen die Blogbetreiber*innen auch immer wieder darauf hin, dass die Kommentarspalte kein „Ort“ zum Führen von inhaltlichen Debatten ist. Dabei wird immer wieder auf die LaRage verwiesen. Wo bleiben also die ganzen inhaltlichen Beiträge, die Leute im Web verfassen?
Ebenso fragen wir uns, wo die ganzen Berichte und Bekenner*innenschreiben bleiben. Wie kommt es, dass in Bremen z.B. Häuser besetzt werden, AfD Parteitage stattfinden und bei den Auswertungsschreiben der Aktion hierzu die LaRage nicht bedacht wird? Und dies betrifft nicht nur Hausbesetzungen bzw. Parteitage, sondern ziemlich viele Aktionen in Bremen, bei denen es Texte gibt. Stattdessen werden die Texte, Analysen und Berichte im Internet (endofroad, Indymedia) veröffentlicht.

ANALOGES ZEITUNGSPROJEKT ÜBERHAUPT NOCH ZEITGEMÄSS?

Dass Sachen im Internet veröffentlicht werden, ist natürlich nachvollziehbar. Im Netz sind die Beiträge sofort nach der Veröffentlichung ohne Einschränkung für ein breites Spektrum an Leser*innen zugänglich. Beiträge sind also aktueller und schneller für die Leser*innen verfügbar.
Was ist also die Stärke einer Zeitschrift? Wozu braucht es speziell diese Zeitschrift?
Gerade da das Internet nicht als besonders sicher gilt (Stichwort Überwachung und Repression), scheint uns eine Zeitschrift im Papierformat wichtig. Hier können Beiträge anonym gelesen und Debatten anonym geführt werden.
Außerdem kann eine Zeitschrift der Flüchtigkeit mancher Texte im Netz entgegenwirken. Texte und Beiträge die schon etwas älter sind finden sich z.B. noch jahrelang auf WG-Klos, in Küchen oder Wohnzimmern. Ihre Haltbarkeitsdauer erhöht sich und wenn sie uns angesprochen haben, bleiben sie uns länger im Gedächtnis und sind stets verfügbar.
Ein schöner Bonus ist zudem, dass so eine Zeitschrift z.B. unterwegs in der Staßenbahn gelesen und auch liegen gelassen werden kann; ein Vorgehen, dass mit einem Smartphone nicht unbedingt zu empfehlen ist.
Es gibt also sehr wohl Gründe, warum mensch Printmedien noch eine Chance geben sollte!

RELEVANZ?

Betrachten wir die Relevanz, die die LaRage entfaltet, könnten wir schon fast anfangen zu weinen. Zwar freuen sich Viele immer wieder, wenn eine neue Ausgabe im Zeitschriftenregal liegt, doch für die autonome Szene in Bremen schätzen wir die Relevanz aktuell gleich Null ein. Was für Diskurse der Linksradikalen haben wir bzw. wurden in der Vergangenheit großartig geführt? Was vermittelt die Zeitschrift welchen Leser*innen, was nicht eh schon im Internet kursiert? Warum erhalten wir kein Feedback von euch? Was erwartet ihr von der LaRage und was wünscht ihre euch von uns? Auf all diese Fragen können und wollen wir alleine keine Antworten finden.

AUSSERHALB VON BREMEN

Interessanterweise schätzen wir die Relevanz der LaRage außerhalb Bremens als wesentlich höher ein. Dies äußert sich einerseits darin, dass wir aus anderen Städten immer wieder Anfragen nach Zusendung der Zeitung erhalten und darin, dass aus anderen Städten ein beständiger Zuspruch zu dem Projekt kommt; also ganz anders als in Bremen, von wo wir meistens gar kein Feedback erhalten.
Für andere Städte dürfte die LaRage auch in so fern interessant sein, als dass dort die vermeintlichen Schwerpunktthemen, die in Bremen relevant sind, abgebildet werden. Also Inhalte, die man in anderen Städten vielleicht sonst nicht unbedingt mitbekommt.

EINE CHANCE

Bevor wir uns hier jetzt in totaler Resignation verlieren, machen wir lieber einen konkreten Vorschlag, wie wir dieses Projekt wieder mit Leben füllen könnten.
Aus Gesprächen mit Freund*innen, Genoss*innen und Anderen haben wir immer wieder herausgehört, dass ein Problem darin besteht, nicht abschätzen zu können, wann die LaRage das nächste Mal erscheint. Als Konsequenz hieraus könnten wir uns vorstellen, einen konkreten Einsendeschluss für kommende Ausgaben zu benennen. Gerne hätten wir hierzu von euch ein Feedback. Glaubt ihr, dass sich hierdurch die Möglichkeit für Zusendungen erhöhen würde?

WIE WEITER?

Das hängt in erster Linie auch von euch ab. Wie sind eure Gedanken zu diesem Projekt? Braucht es in Bremen ein eigenständiges Zeitungsprojekt, oder reicht es wenn wir das „Autonome Blättchen“ aus Hannover und die „Interim“ aus Berlin hier rumfliegen haben? Was sind eure Ansprüche an eine linksradikale/autonome Szene? Sollen wir uns mit dem ganzen Kram noch weiter Arbeit machen, oder die Energie und die Kohle lieber in andere Projekte stecken?

eure LaRage
(la-rage[at]riseup.net)

*Dieser Text ist Mitte Januar in der Ausgabe 17 der LaRage erschienen. Die LaRage ist u.a. im Infoladen Bremen zu erhalten.


2 Antworten auf „LaRage … GIBT ES DIE DENN ÜBERHAUPT NOCH?*“


  1. 1 stammleser 15. Februar 2016 um 6:46 Uhr

    Super, das es wieder eine Ausgabe gibt. la rage sollte wichtige Papiere veröffentlichen. und nicht abgelaufene aufrufe. generell wenig bis nix von dem, was schon online ist. und ein vorher bekanntgegebenes erscheinen samt redaktionsschluss wäre sicher hilfreich.

    und auch der bremer kassiber wurde seinerzeit ausserhalb bremens ernster genommen als in bremen. das schicksal wohl vieler autonomer medien…

  2. 2 karsten 15. Februar 2016 um 20:18 Uhr

    hey,
    neue larage is erstmal super. auch schön zu sehen das ihr euch die mühe macht eure arbeit zu reflektieren. ich kann mich stammleser nur anschließen was den redaktionsschluss angeht. aber ich glaube das es trotzdem auch sinn macht abgelaufene aufrufe zu veröffentlichen (um sie zu dokumentieren) wenn das nicht überhand nimmt. ähnlich sehe ich das bei bereits online veröffentlichten beiträgen. papier ist in einfach handfester und angenehmer zu lesen gerade bei längeren artikeln.

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