A-Café: „Wohnhaft – Wohnen als Technologie der Normalisierung“

Vortrag und Diskussion mit Jürgen Mümken

Sonntag, 6. März 2016 | 15 Uhr | SWH

„Wenn der ökonomische Aufstieg des Abendlandes auf die Verfahren zurückzuführen ist, welche die Akkumulation des Kapitals ermöglicht haben, so kann man vielleicht sagen, daß die Methoden zur Bewältigung der Akkumulation von Menschen die politische Überholung der traditionellen, rituellen, kostspieligen, gewaltsamen Machtformen ermöglicht haben, die alsbald obsolet wurden und von einer verfeinerten und kalkulierten Technologie der Unterwerfung/Subjektivierung abgelöst wurden. Die beiden Prozesse, Akkumulation der Menschen und Akkumulation des Kapitals, können indes nicht getrennt werden; das Problem der Anhäufung der Menschen wäre nicht zu lösen gewesen, ohne das Anwachsen eines Produktionsapparates, der diese Menschen sowohl erhalten wie nutzbar gemacht hat; umgekehrt wird die Bewegung der Kapitalakkumulation von den Techniken beschleunigt, welche die angehäufte Vielfalt der Menschen nutzen. Insbesondere waren die technologischen Veränderungen des Produktionsapparats, die Arbeitsteilung und die Ausarbeitung von Disziplinarprozeduren sehr eng miteinander verflochten“ (Michel Foucault, Überwachen und Strafen).

Wohnen, Wohnungsbau und Wohnungspolitik sind eine politische Technologie zur Akkumulation der Menschen. Es geht hier zum einen um das „Problem der Anhäufung von Menschen“ und zum anderen darum aus Individuen produktive Subjekte zumachen. Wohnen, Wohnungsbau und Wohnungspolitik wurden zu Instrumenten der Disziplinierung von Individuen und der Regulierung und Normalisierung der Bevölkerung. Am Beispiel der Hygienisierung der Wohnung soll dies Disziplinierung, Regulierung und Normalisierung von Individuen aufgezeigt werden. Die Hygiene scheint hierfür besonders geeignet, da sie sich — wie die Sexualität — in der privilegierten Position zwischen Individuen und Bevölkerung, zwischen dem Körper und den globalen Phänomen angesiedelt ist. In den Jahren 1880 bis 1930 entstand der Typ „Sozialwohnung“, die den „Sozialen Wohnungsbau“ bis in die heutige Zeit prägt. Die „68er-Bewegung“ in den westlichen Industriestaaten ist in diesem Kontext als eine kulturrevolutionäre Bewegung gegen die disziplinierende Normalisierungsgesellschaft zu betrachten. Viele waren auf der Suche nach neuen Lebensformen. Doch stellen diese neuen Wohnformen wirklich ein Angriff auf das „Normalwohnen“ dar, oder sind sie in den 1990ern nur eine Wohnform unter anderen, die die Ordnung der Gesellschaft weder gefährden noch in Frage stellen. Und welche Funktion hat die Wohnung im Kapitalismus 4.0 und im Zeitalter des Internet der Dinge. Wird aus dem disziplinarischen Wohnen ein kontrollgesellschaftliches?

15 Uhr Beginn mit veganem (teilweise glutenfreiem) Kuchen und Kaffee
16 Uhr Anfang Vortrag


1 Antwort auf „A-Café: „Wohnhaft – Wohnen als Technologie der Normalisierung““


  1. 1 VeranstalterIn 24. Februar 2016 um 0:55 Uhr

    Und was ist mit Menschen, die Fruktarier sind und Angst vor engen Räumen haben?

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