„Kühne + Nagel: Die Spediteure und die Nazis“

kopiert aus dem Weser Kurier

Das weltweit operierende Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel will sich in Bremen für die Zukunft aufstellen, scheut aber den Blick in die Vergangenheit.

Ein einfacher Zweckbau für Büros. 1961 fertig geworden. Weder besonders hübsch noch hässlich – aber funktional, unauffällig. Wenn es nach Kühne + Nagel geht, könnte es wohl auch so bleiben. Nicht mit dem Büro-Komplex, der einem Neubau weichen soll, sondern mit der Unauffälligkeit.

Wichtiger Standort Bremen

Dabei ist Bremen ein wichtiger Standort für den Logistiker. 1890 haben August Kühne und Friedrich Nagel in der Hansestadt das gegründet, was 125 Jahre später zu einem weltweit agierenden Konzern werden sollte. Mehr als 1000 Standorte in über 100 Ländern, 63 000 Mitarbeiter. 125 Jahre, in denen viel passiert ist. Bei Kühne + Nagel und auf der ganzen Welt. Und an manchen Stellen der Geschichte haben sich Weltgeschehen und der Bremer Logistikkonzern überschnitten. Im Dritten Reich etwa.

„Spediteure haben eine zentrale Rolle bei der Raubpolitik der Nazis in Europa gespielt“, sagt der Historiker Johannes Beermann. Der 30-Jährige hat in Bremen studiert und ist bei den Recherchen zur Enteignung von Juden in Bremen auch auf die Verstrickungen von Kühne + Nagel und dem Nazi-Regime gestoßen.

Der Konzern hatte demnach eine Schlüsselrolle bei der sogenannten M-Aktion. Hierbei wurden Möbel und andere Gegenstände aus den verlassenen Wohnungen von Juden aus den besetzten Westgebieten abtransportiert. Im besten Fall waren diese Menschen zuvor geflohen, im schlimmsten Fall wurden sie in Vernichtungslager deportiert. Ihre Möbel wurden jedenfalls nach Deutschland gebracht. Erst, um Amtsstuben auszustatten; später wurde die Gegenstände günstig an Deutsche verkauft, die durch Bombenangriffe geschädigt wurden. Dabei half: Kühne + Nagel.

Konzern in der Verantwortung

„Als Dienstleister hatten sie eine große Rolle bei der wirtschaftlichen Existenzvernichtung von Juden in Europa“, sagt Beermann. Die Staats- und Parteidienststellen hätten allein nicht das Know-how gehabt, um die Verfolgungspolitik auf ökonomischem Gebiet praktisch umzusetzen. Das kam dem Logistikkonzerns gelegen. Denn nach Beginn des Kriegs musste er neue Geschäftsfelder erschließen. „Für Seehafenspediteure wie Kühne + Nagel war der Zweite Weltkrieg ein riesiger Einschnitt“, sagt der Historiker. Mit Hilfe des Logistikers wurden bis August 1944 mehr als eine Million Kubikmeter Möbel aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg in das Deutsche Reich gebracht – der Inhalt von fast 70 000 Wohnungen, in denen zuvor Juden gewohnt hatten.

Quelle: Weser Kurier


1 Antwort auf „„Kühne + Nagel: Die Spediteure und die Nazis““


  1. 1 Rune 03. März 2016 um 18:52 Uhr

    Unglaublich, wenn man bedenkt, in welchem neuen Licht man dieses Unternehmen in Betrachtung seiner Historie nun sieht…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.