„Fünf Monate nach der Brandstiftung: Wie Findorff mit dem Turnhallen-Anschlag umgeht“

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Gut fünf Monate ist es her, dass die Sporthalle in Findorff in Flammen stand. In der Halle sollten Flüchtlinge untergebracht werden. Mancher im bürgerlichen Stadtteil hat jetzt Angst vor einem Rechtsruck.

In Findorff ist die Welt noch in Ordnung. Hier sind Hecken auf die Höhe der Vorgartenzäune gestutzt, hier gibt es Bioläden, eine Vegan-Bar und Zettel an Haustüren, die Besucher bitten, ihre Schuhe auf der Matte abzustreifen. In Findorff wohnen ein Drittel weniger Migranten als in anderen Stadtteilen. Selbst Bremens größtes Problem, der hohe Anteil an Langzeitarbeitslosen, spielt eine unterdurchschnittliche Rolle. Und zur letzten Bundestagswahl gingen – im Unterschied zu anderen Stadtteilen – auch viele.

Doch ein Schild stört die Idylle. Es informiert: Brandsanierungsarbeiten. Betreten der Baustelle verboten. Seit fünf Monaten hängt es am Bauzaun an der Sporthalle der Bezirkssportanlage in der Nürnberger Straße. Was das Schild nicht sagt: Hier, am südlichen Ende von Findorff, hat es gebrannt, und dieser Brand ist nach bisherigen Erkenntnissen vorsätzlich gelegt worden. Vieles deutet auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund hin. Denn am Tag des Brandes, am 26. Oktober 2015, wollte die Sozialbehörde die Halle besichtigen, um zu prüfen, ob dort Flüchtlinge untergebracht werden können.

Anschläge auf Flüchtlingsheime: Anstieg um 20 Prozent

Fremdenfeindlich motivierte Gewalt, so etwas passiert in Bautzen, in Tröglitz oder sonst irgendwo in Ostdeutschland. Aber im beschaulichen Findorff? Auch in Blumenthal hatten Unbekannte im September versucht, ein noch leeres Zelt anzuzünden. In ganz Deutschland ist die Zahl der rechten Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte binnen eines Jahres um ein Fünftel gestiegen. In 1005 Fällen wurde gezündelt, geschossen oder wurden Scheiben zerstört.

Der Fall in Findorff ist in der Statistik nicht gelistet, da es noch keine Unterkunft war. Aber wie geht ein Sportverein mit der Brandstiftung um? Wie der Stadtteil? Hat die Tat die Stimmung verändert, verdächtigt nun jeder jeden? Was tun Polizei und Ermittlungsbehörden?

„Für viele ist es so, als wäre das Weserstadion nicht mehr da“

Beim Training der Handballerinnen der B- und C-Jugend der SG Findorff ist alles recht normal. Sie dribbeln den Ball hin und her. Rafaela holt sich den Ball von Chiara, wirft ihn zu Lynn und die schmettert ihn ins Netz. Punkt. Schon fliegt der Ball zurück. Trainer Thorsten Tiedemann steht daneben und ruft: „Gut gemacht“ oder: „Sehr schön!“. Zum Abschluss bilden sie einen Kreis, packen sich an den Schultern, beugen die Oberkörper in die Mitte und schreien: „Seid ihr bereit? Teamarbeit!“

Kampfgeist und Motivation der Sportler haben nicht gelitten, sagt Tiedemann. Und das, obwohl die Mädchen jetzt in der Petrus-Halle in Gröpelingen trainieren müssen, die viel zu klein für leistungsgerechtes Training und noch dazu sechs Kilometer von Findorff entfernt ist. Abends radeln die Mädchen in Gruppen nach Hause.

Die Halle in Findorff sei wie eine „Heimat“ für die Sportler und die war nach dem Brand „plötzlich weg“. So drückt es Frank Steinhardt, der zweite Vorsitzende des Vereins, aus. 20 Quadratmeter standen in Flammen, als die Feuerwehr kam. Wände, Boden, Decke: Alles ist mit giftigen Dämpfen kontaminiert. Die Halle musste komplett entkernt werden. „Das ist für viele so, als wäre das Weserstadion nicht mehr da.“

„Auf wen sollen wir sauer sein?“

Nach dem Brand seien alle schockiert gewesen, sagt Steinhardt. Doch dann begann der Pragmatismus. Ein Krisengipfel sei einberufen worden, die Mannschaften auf andere Hallen verteilt worden. Was sich seit dem Brand verändert hat? „Der Zusammenhalt unter den Vereinen wurde deutlich“, sagt Steinhardt.

Der Brand ist nach wie vor nicht aufgeklärt, es gibt keinen Tatverdächtigen. Was, wenn es einer aus dem Verein war, einer der 117 Schlüsselbesitzer, schließlich wurde der Brand innen gelegt? Auf die Frage, wie der Verein mit dem bitteren Verdacht umgeht, sagt Steinhardt: Natürlich frage man sich, wer der Täter sei, aber: „Wir machen keine Detektivarbeit.“ Zunächst ging es darum, den Spiel- und Trainingsbetrieb für 500 Leute zu ermöglichen. Wieso es gebrannt hat, ist zweitrangig. „Diese Thematik ist nicht so präsent“, sagt Trainer Tiedemann. Auch sauer sei man nicht, sagt der Leiter der Handballabteilung, Rainer Langhorst. „Auf wen denn auch?“

Die Handballerinnen antworten anders, lassen ihrer Empörung freien Lauf. „Was für ein psychisch Kranker macht so etwas?“, fragt Lynn, Chiara fragt: „Warum macht man sowas?“ Maditha findet: „Das war einfach nur unnötig. Jetzt fehlt uns die Halle und Leuten, denen es schlecht geht, wurde auch nicht geholfen“.

Als es brannte, hatte der Verein schon seine Halle im Hohweg abgeben müssen. Als darüber geredet wurde, ob auch der Fuchsbau, wie die Sportler ihre Halle liebevoll nennen, für die Flüchtlingsunterbringung in Frage käme, herrschte eine Stimmung der „bangen Erwartung“ im Verein. So beschrieb es Steinhardt am 14. Oktober. Zunächst besänftigte die Sozialbehörde: Nein, die Halle stehe nicht auf der Liste. Eine Woche später, vier Tage vor dem Brand, ging dann alles ganz schnell: Der Fuchsbau kam doch auf die Liste, noch am gleichen Tag wurde das Ortsamt West informiert. Einen Tag später, am Freitag, stand der Termin für eine Besichtigung am Montag fest. Zu der kam es nicht mehr.

„Viele im Stadtteil haben Angst vor einem Rechtsruck“

Im Stadtteil spricht Monate später kaum noch jemand darüber. „Jaja, war ja ein Riesenthema damals“, sagt eine Frau, die ihren Hund in der Nähe der Sportanlage ausführt. „Schrecklich. Einfach unfassbar.“ Sagt’s und will weiter. Das Thema ist keines zum Plauschen am Wegesrand. „Da redet eigentlich keiner mehr drüber“, sagt Mirko Sanders vom Spielwarengeschäft in der Hemmstraße. Ramona Keßler, die seit 14 Jahren im Stadtteil wohnt, sagt: „Das ist nicht mehr in den Köpfen.“ Eine Blumen-Verkäuferin hat von der ganzen Geschichte gar nichts mitbekommen: „Was für ein Brand?“ Nur eine alteingesessene Findorfferin, die Schokoladeneis im Eiscafé Cercenà löffelt, findet, dass sich was verändert hat: „Viele im Stadtteil haben Angst vor einem Rechtsruck.“

„Ich bin überrascht, wie schnell das Thema von der Tagesordnung verschwunden ist“, sagt der Pastor der Martin-Luther-Gemeinde, Norbert Harms. Einige diskutierten zwar über die gesamtgesellschaftliche Situation angesichts der Flüchtlingszahlen. Über die Brandstiftung im eigenen Stadtteil, die eigenen Ängste werde aber nicht gesprochen. „Das ist eher unter der Oberfläche“, sagt Harms. Dass der Brandstifter aus Findorff kommen könnte, wollten viele nicht wahrhaben. „Das ist tabu“, sagt der Pastor. Er hält das für Selbstschutz. „Hier soll die heile Welt bestehen bleiben.“

Sporthalle soll nach den Sommerferien renoviert sein

Doch genau die scheint vielerorts zu bröckeln. Politische Gewalt kommt zunehmend von unbescholtenen Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft. Von 500 ermittelten Tätern, die 2015 Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte verübt haben, sind 70 Prozent vorher nicht wegen politisch motivierter Delikte in Erscheinung getreten. Auch in Findorff war der Brand wohl keine Tat der organisierten Rechten. Laut Staatsanwaltschaft war der Brand „nicht besonders professsionell“ gelegt. Zum gleichen Fazit kommen die Ermittler im Fall Blumenthal.

Während in Findorff die einen schweigen, gehen andere in die Offensive. Zum Beispiel der Beirat, der drei Tage nach der Tat einen offenen Brief gegen Hass und Gewalt gegen Schutzsuchende verfasste. Sprecherin Gönül Bredehorst (SPD) findet den Vorfall auch Monate später noch unfassbar. Sie würde zur Wiedereröffnung der Sporthalle gern ein Willkommensfest mit Flüchtlingen feiern. Sie sagt: „Der Vorfall darf nicht vergessen werden.“

Und was tun die Ermittler in Bremen? Staatsanwältin Petra Meyer listet es auf: Spurensuche am Tatort. Doch zu viel Ruß. Überprüfung, wer einen Schlüssel hatte, Identifizieren von 117 Personen. Deren Überprüfung. Keine entsprechenden Vorstrafen. Zeugenaufruf in der Presse. Ohne Ergebnis. Flugzettel im Stadtteil verteilt, 3000 Euro Belohnung ausgeschrieben. Nichts bei rumgekommen. Ähnlich ernüchternd sind die Ermittlungsergebnisse in Blumenthal. Auch dort: Keine Spuren am Tatort, keine Zeugen, erfolglose Fahndung nach einer Frau mit schwarzer Lederjacke, die die Täter beim Spirituskauf gesehen haben könnte. „Die Ermittlungen sind noch nicht eingestellt“, sagt Meyer. Aber es werde wohl darauf hinauslaufen.

Nach den Sommerferien soll die Renovierung der Sporthalle abgeschlossen sein. Dann kommt der Zaun weg, das Schild weg, und der Alltag ist wiederhergestellt.

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