„Bremer Salafist in Polizeigewahrsam verletzt“

kopiert aus dem Weser Kurier

Der verurteilte Terrorhelfer René Marc S. ist im Polizeigewahrsam verletzt worden. Fotos zeigen den Salafisten mit einer Wunde am Schädel. Sein Anwalt spricht von einer „bewussten Eskalation“.

Der verurteilte Terrorhelfer René Marc S. ist nach der Razzia am Dienstag im Polizeigewahrsam verletzt worden. Das sagte sein Anwalt Helmut Pollähne dem WESER-KURIER – die Polizei bestätigte das. Fotos des Anwalts, die der WESER-KURIER einsehen konnte, zeigen S. mit einer Wunde am Schädel und blutüberströmtem Gesicht.

Am Freitag eskalierte die Situation zwischen Polizeibeamten und dem Bremer Salafisten erneut: Er wurde zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage in Polizeigewahrsam genommen, Fotos seiner Anwälte zeigen ihn mit neuen Verletzungen: Auf dem Bild sieht es so aus, als laufe Blut aus seinem Ohr; an Beinen, Füßen und Handgelenken hat er rote Flecken.

„Ganz aggressiv – sowohl verbal als auch körperlich“

Eine Polizeisprecherin sagte, am Dienstag sei sofort ein Arzt gerufen worden, als der Mann, der sich erheblich gegen die Polizei gewehrt habe, verletzt wurde. Der Arzt habe ihn behandelt und festgestellt, dass er im Gewahrsam bleiben könne. Er sei renitent gewesen, habe sich „ganz aggressiv – sowohl verbal als auch körperlich“ – gegenüber Polizeibeamten verhalten. Ob ein Fehlverhalten der einschreitenden Beamten vorliege, werde von der Internen Ermittlung beim Innensenator überprüft.

Sein Mandant sei am Dienstag im Gewahrsam massiv misshandelt worden, sagte Pollähne. Die Polizeibeamten hätten ihn auf eine Pritsche gefesselt. Als es ihm gelungen sei, sich loszumachen, hätten Polizisten die Zelle gestürmt, ihn zu Boden geworfen und geschlagen. Die Anwälte kritisieren, dass ihr Mandant von sieben Uhr morgens an in Polizeigewahrsam war und erst um 18 Uhr einem Richter vorgeführt wurde.

Alle anderen verdächtigen Salafisten sind auf freiem Fuß

Das Amtsgericht entsprach dem Antrag der Polizei, S. zur Gefahrenabwehr vorübergehend in Gewahrsam zu nehmen, nicht. Er wurde freigelassen. S. war nach der Razzia als einziger der neun verdächtigen Salafisten in Gewahrsam genommen. Die anderen waren nach der erkennungsdienstlichen Behandlung auf freien Fuß gekommen.

Pollähne sagte, sein Mandant habe sich der erkennungsdienstlichen Behandlung verweigert, weil die Polizei ja schon die Fingerabdrücke und alles andere von ihm habe. Er habe auch vorher mit seinem Anwalt reden wollen. „Wir konnten stundenlang nicht miteinander reden, das ist ein Skandal“, sagte Pollähne.

Nach der Entlassung am Dienstagabend fuhr S. ins Krankenhaus. Dort blieb er nach Angaben seiner Anwälte bis Freitagmittag. Rund um die Uhr soll er von einer Gruppe von bis zu sechs vermummten Polizeibeamten bewacht worden sein, die vor seinem Zimmer saßen. „Das wurde ihm zu viel“, sagte Pollähne. Sein Mandant habe die vermummten Beamten mit seinem Handy fotografiert, um die Situation zu dokumentieren.

Polizisten nahmen S. sein Handy weg

Sein gutes Recht, wie Pollähne meinte. Dabei sei die Situation eskaliert. Die Beamten hätten ihm das Handy weggenommen, die Männer hätten sich geschubst, die Beamten seien im Kreis um S. gestanden. „Zwei Polizeibeamte haben uns gesagt, dass unser Mandant nicht geschlagen hat“, betonte Rechtsanwalt Erich Joester. Nach dem Vorfall wurde S. erneut in Gewahrsam genommen. Wie die Polizei mitteilte, zur Verhinderung weiterer Straftaten.

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt neun Salafisten aus Bremen, zwei andere Salafisten töten zu wollen. Hintergrund soll ein Streit über die Auslegung des Koran sein. Da sie weiterhin davon ausginge, dass für die bedrohten Personen eine Gefahr bestehe, sei es in den vergangenen Tagen zu weiteren Maßnahmen gekommen, teilte die Polizei mit. Wie die aussahen, will sie nicht sagen.

„Bewusste Eskalation“

Erst eine knappe Stunde nach dem ersten Anruf sei er zu seinem Mandanten gelassen worden, sagte Joester. Als er zu ihm durfte, machte er Fotos, die S. in Unterhose und T-Shirt in einer weiß gekachelten Zelle auf einer Pritsche zeigen – mit Blut am Ohr und weiteren Verletzungen. Auf dem Foto ist auch die inzwischen genähte Wunde auf der linken Schädelseite zu sehen. Er habe seinen Mandanten dann ins Krankenhaus gefahren, sagte Joester.

Pollähne sprach von einer bewussten Eskalation. Warum, darüber könne er nur spekulieren: „Ob mein Mandant aus der Stadt verjagt oder psychisch fertig gemacht werden soll? Ich weiß es nicht.“ Die Aktionen der Polizei seien nicht nötig und unverhältnismäßig gewesen. Die Anwälte wollen Strafanzeige erstatten, und zwar erstens wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung im Amt und zweitens wegen Freiheitsberaubung. Womöglich aber nicht in Bremen.

Quelle: Weser Kurier

siehe auch
Radio Bremen – Salafist wurde in Polizeigewahrsam verletzt