„Valentin-Prozess: Dieses Urteil droht dem Werder-Ultra“

kopiert von radiobremen.de

Vor dem Bremer Landgericht wird am Morgen (9 Uhr) das Urteil gegen Valentin S. erwartet. Der linke Ultra ist in mehreren Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Dabei hatte vor allem ein Vorfall für Aufsehen gesorgt: eine Schlägerei zwischen linken Ultras und rechten Hooligans rund um das Nordderby gegen den HSV im April 2015. Valentin-Unterstützer warfen Politik und Justiz vor, auf dem rechten Auge blind zu sein.

Was droht Valentin S.?

Folgt das Gericht in seinem Urteil der Staatsanwaltschaft, dann kommt Valentin S. für dreineinhalb Jahre ins Gefängnis – und zwar ohne Bewährung. Die Anklagevertreter nannten den Ultra im Prozess „allzeit gewaltbereit“. Der Verteidiger von Valentin S. hat eine Bewährungsstrafe beantragt, nannte aber kein Strafmaß.

Was wird ihm vorgeworfen?

Valentin S. soll seit März 2014 mehrere Male andere Menschen verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gefährliche Körperverletzung in acht Fällen vor. Unter anderem soll er bei einer NPD-Kundgebung in Rostock gezielt Steine in die Menge geworfen haben. Ein Ereignis in Bremen hat aber für besondere Aufmerksamkeit gesorgt: Eine Schlägerei beim Nordderby gegen den HSV im April 2015 vor der Gaststätte „Verdener Eck“ in Peterswerder. Bei der Auseinandersetzung waren linke Ultras und rechte Hooligans aus Bremen aufeinander losgegangen. Valentin S. war in den Augen der Staatsanwaltschaft der „Hauptaggressor“. Für die Anklagebehörde ist er ein gewalttätiger Wiederholungstäter.

Was geschah bei der Prügelei?

Den Ablauf der Prügelei hat ein Anwohner im April 2015 von der anderen Straßenseite aus gefilmt. Danach hat sich der Vorfall so abgespielt: Als das Opfer mit ausgebreiteten Armen auf der Straße steht, sollen ihn Valentin S. und vier andere Ultras mit Schlägen und Tritten traktiert haben. Auch als ihr Opfer am Boden liegt, lassen die Angreifer offenbar nicht von ihm ab. Gut zwei Minuten dauert die Szene, die erst vom Eintreffen der Polizei beendet wird. „Dieser Angriff hat nichts Spontanes“, sagte der Staatsanwalt. „Das ist antrainiert.“ Bei der Attacke kam auch ein Blumenkübel zum Einsatz. Das 38-jährige Opfer trug bei der Prügelei eine Gehirnerschütterung, ein blaues Auge sowie Schürfwunden davon und verlor einen Zahn. Die Beteiligung an dem Vorfall hatte Valentin S. gestanden.

Was war der Auslöser?

Valentin-Unterstützer und auch der Angeklagte selbst sehen die Hooligans als Auslöser. Diese hätten angefangen und damit die Schlägerei verursacht. Ein Video stützt diese Sicht der Dinge. Zu sehen ist das spätere Opfer. Der Mann, der der Hooligan-Szene zugerechnet wird, streckt mit einer Bierkiste einen Ultra nieder. Als er im Prozess dazu als Zeuge befragt wird, verweigert er die Aussage.

Inzwischen wird auch gegen ihn ermittelt. Juristisch gesehen rechtfertigt diese vorausgehende Attacke aber nicht den Angriff der Ultras auf die Hooligans.

Trotzdem kann das aufgetauchte Video eine wichtige Rolle spielen: Es könnte Valentin S. den einen oder anderen Monat im Gefängnis ersparen, denn lange war die Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, dass es keinen Anlass für die gewalttätige Reaktion gab. Das Bierkisten-Video könnte zu einer anderen Bewertung führen.

Warum gab es Kritik an Polizei und Politik?

Vor allem die Schlägerei vor dem „Verdener Eck“ wurde zum Politikum in Bremen. Valentin-Unterstützer sahen in der Untersuchungshaft eine völlig überzogene Maßnahme. In einem offenen Brief an den Innensenator und den Polizeipräsidenten kritisieren sie das Vorgehen der Polizei und fordern die Freilassung des Inhaftierten. Die Gewalt wäre an jenem Tag von den rechten Hooligans ausgegangen. Täter und Opfer würden hier vertauscht werden. „Es kann nicht sein, dass ausgerechnet die Menschen verfolgt und weggesperrt werden, die sich gegen gewalttätige Nazis und Hooligans selbst verteidigen müssen“, so David Ittekkot, Landesvorsitzender der Bremer Jusos. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) und Polizeipräsident Lutz Müller stimmten einem Treffen mit Vertretern von Jusos und Grüner Jugend zu. Nach dem Gespräch sagte Alexandra Werwath von der Grünen-Jugend: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Polizei insgesamt auf dem rechten Auge blind ist. Möglicherweise aber gilt das für einzelne Beamte.“ Innensenator Mäurer konterte: Gewalttaten würden weiterhin konsequent verfolgt – egal, ob sie von Rechten oder Linken kämen.

Wofür steht #freevalentin?

Dahinter steckt eine Solidaritätskampagne der linken Szene. Mit dem Hashtag #freevalentin machten sie auf den Fall im Netz aufmerksam. Dadurch kam es auch in anderen Ländern zu Unterstützung für den Bremer Ultra. Sogar bei der Tour de France war „Free Valentin“ auf die Straße gemalt. Nachdem Valentin S. in Untersuchungshaft kam, gab es immer wieder auch Demos von linken Gruppierungen. Vor dem ersten Bundesligaspieltag der vergangenen Saison gingen 700 Mitglieder der Ultra-Szene auf die Straße. Es blieb friedlich.

kopiert von radiobremen.de