23 Thesen zum Anarchismus

Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus – Von: Alpine Anarchist Productions (AAP)

Intro

Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat der Anarchismus einen starken Aufschwung erlebt. In einem breit rezipierten Artikel, den David Graeber and Andrej Grubacˇic ́ im Jahr 2004 schrieben, wurde er gar als „die revolutionäre Bewegung des 21. Jahrhunderts“ präsentiert; und in einem vor kurzem erschienenen und auf zahlreichen Interviews basierenden Buch zu Occupy Wall Street (Translating Anarchy) meint der Autor Mark Bray, dass anarchistische Ideen die wichtigste ideologische Grundlage der Bewegung gewesen seien. Anarchistische Projekte (Zeitschriften, Buchmessen, Bezugsgruppen) haben sich in den letzten zwanzig Jahren enorm vermehrt. All das sind gute Neuigkeiten.

Gleichzeitig dehnt der Neoliberalismus seine Herrschaft beinahe ungehindert aus, die Gräben zwischen Reich und Arm vertiefen sich täglich, es werden Kriege geführt, die Überwachungsapparate haben Orwellsche Niveaus überschritten und nichts scheint fähig, die ökologische Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, aufzuhalten. Wenn die gegenwärtige Ordnung in irgendeinem ernstzunehmenden Maße herausgefordert wird, dann von religiösen Fundamentalist*innen, Neofaschist*innen oder, im besten Fall, von linken Bewegungen, die sich um charismatische Anführer und populistische Parteien scharen. Selbst wenn gerne auf anarchistische Aspekte in Massenprotesten verwiesen wird – von Kairos Tahrir-Platz bis zu den Straßen von Ferguson, Missouri –, ist es fragwürdig, ob selbst-identifizierte Anarchist*innen dort eine bedeutende Rolle spielten. Kurz, trotz des erwähnten Aufschwungs des Anarchismus scheint die Bewegung auf der großen politischen Bühne so marginalisiert zu sein wie eh und je. Angesichts dessen soll hier der Versuch unternommen werden, über die gegenwärtige Rolle des Anarchismus bzw. seine Stärken und Schwächen zu reflektieren.

Der Text wurde kurz und prägnant gehalten, was Verallgemeinerungen unausweichlich macht. Er basiert auf Erfahrungen in West- und Mitteleuropa. Die Leser*innen mögen entscheiden, wie sehr diese mit ihren eigenen übereinstimmen bzw. wie relevant sie für die Szenen sind, in denen sie sich bewegen.

Was ist Anarchismus?

In postmodernen Zeiten haben Definitionen oft einen schlechten Ruf, da sie unsere Gedanken angeblich in Käfige sperren. Das ist falsch. Es ist offensichtlich, dass Definitionen nur Werkzeuge der Kommunikation sind und keinen Anspruch darauf erheben können, das Wesen bestimmter Phänomene einzufangen. Eine nützliche Definition muss bestimmte Kriterien berücksichtigen: den Ursprung des Begriffs und etymologische Aspekte, seinen Gebrauch und Bedeutungswandel sowie die terminologische Kohärenz des jeweiligen Sprachsystems. Die folgende Arbeitsdefinition des Anarchismus ist in diesem Sinne zu verstehen.

Der Anarchismus ist zunächst der Versuch, eine egalitäre Gesellschaft zu etablieren, die die freie Entwicklung ihrer Mitglieder ermöglicht. Der Egalitarismus ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass diese Möglichkeit Allen zukommt und nicht nur ein paar Auserwählten. Die freie Entwicklung wird eingeschränkt von der freien Entwicklung anderer. Deutliche Grenzen lassen sich hier nicht ziehen (wo endet die Freiheit der einen und wo beginnt die der anderen?), doch können sie verhandelt werden.

Soweit unterscheidet sich die angebotene Definition des Anarchismus kaum vom marxistischen Ideal des Kommunismus. Der Unterschied liegt in ihrem zweiten Teil, nämlich dem Glauben, dass die Verwirklichung einer egalitären Gesellschaft, die die freie Entwicklung der Einzelnen ermöglicht, davon abhängt, dass politische Akteur*innen die wesentlichen Werte einer solchen Gesellschaft unmittelbar in die Tat umsetzen: in der Gestaltung ihres Alltagslebens, ihrer Organisationsformen und ihres politischen Kampfes. Dies wird heute oft als „präfigurative“ Politik bezeichnet und impliziert, dass keine Diktatur des Proletariats und keine wohlwollenden Avantgarden den Weg zu einer befreiten Gesellschaft ebnen können, sondern nur die Menschen selbst. Die Menschen selbst müssen auch die Strukturen entwickeln, die notwendig sind, um eine solche Gesellschaft erhalten und verteidigen zu können. Selbstverwaltung, gegenseitige Hilfe, horizontale Organisation und der Kampf gegen alle Formen von Unterdrückung sind Kernprinzipien des Anarchismus.

Der Ursprung des Anarchismus als selbst-definierte politische Bewegung findet sich in der sozialen Frage des europäischen 19. Jahrhunderts. In der Internationalen Arbeiterassoziation (besser bekannt als die Erste Internationale) waren Anarchist*innen gemeinsam mit jenen politischen Kräften organisiert, die sich später zur Sozialdemokratie bzw. zum Leninismus entwickelten. 1 Wir halten diesen Ursprung für wichtig und sehen den Anarchismus als Teil der linken Tradition. Wir verwehren uns dagegen, ihn als „Philosophie“, „Ethik“, „Prinzip“ oder „Lebenshaltung“ zu begreifen, anstatt als politische Bewegung. Eine existenzielle Einstellung ist eine Sache; sich für politische Veränderung einzusetzen eine andere. Fehlt Letzteres wird der Anarchismus leicht zu einer edlen oder schicken Idee, die mehr mit Religion oder Hipstertum zu tun hat als mit politischen Ambitionen. Gleichzeitig ist der Anarchismus mehr als antiautoritärer Klassenkampf. Er schließt Aktivitäten mit ein, die vom Aufbauen Sozialer Zentren über das Abbauen von Geschlechternormen bis hin zum Entwerfen alternativer Verkehrskonzepte reichen. Die präfigurative Dimension des Anarchismus beinhaltete immer Themen, die nicht in enge Definitionen der Linken passen: Ernährung, Sexualität, Spiritualität und Fragen persönlicher Ethik im Allgemeinen.

Der Anarchismus und die Linke: Sozialdemokratie und Leninismus

Wird der Anarchismus als historischer Teil der Linken betrachtet, ist das Verhältnis zur Sozialdemokratie bzw. zum Leninismus zu klären. Dabei gilt es zunächst zu bedenken, dass das Ziel einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft ursprünglich allen Strömungen gemeinsam war.

Bei einer Kategorisierung der drei Strömungen ist – vor allem im englischsprachigen Raum – oft von links (Sozialdemokratie), linksradikal (Leninismus) und ultralinks (Anarchismus) die Rede. Dies ist irreführend. Wir sollten eher an ein Dreieck denken, in dem jede Strömung gleich weit von der anderen entfernt ist. Während der Anarchismus und der Leninismus eine revolutionäre Orientierung teilen und der Leninismus und die Sozialdemokratie marxistische Wurzeln, lehnen der Anarchismus und die Sozialdemokratie die Diktatur des Proletariats ab. Der Anarchismus steht der Sozialdemokratie genauso nahe wie dem Leninismus usw.

Die Hauptkritikpunkte, die von marxistischen Ideologen (sozialdemokratischen wie leninistischen) gegen den Anarchismus angeführt werden, sind: a) der Anarchismus ist naiv, d.h., er hat ein idealisiertes Verständnis menschlicher Natur und sozialer Organisation; b) der Anarchismus ist unberechenbar, d.h., seine politischen Aktionen sind orientierungs- und verantwortungslos, was im schlimmsten Fall die Machtübernahme reaktionärer Kräfte ermöglicht; c) der Anarchismus ist kleinbürgerlich, d.h., er ist so auf individuelle Freiheit konzentriert, dass er das Prinzip sozialer Gerechtigkeit vernachlässigt.

Einiges an dieser Kritik ist zulässig, aber sie trifft nur bestimmte Tendenzen des Anarchismus. Im Allgemeinen war das anarchistische Verständnis der menschlichen Natur tatsächlich um vieles nuancierter als das anderer linker Strömungen (z.B. was die Psychologie der Macht betrifft). Wenn es um politische Aktionen geht, mögen Anarchist*innen manchmal orientierungs- und verantwortungslos handeln, doch die meisten ihrer Aktionen sind gut durchdacht und ausgearbeitet. Und während es individualistische Einschläge gibt, haben sie nie die Bewegung als ganze charakterisiert. Wichtiger für uns ist vielleicht, dass der Anarchismus – unabhängig von seinen tatsächlichen oder angeblichen Schwächen – den marxistischen Strömungen gegenüber einige Vorteile besitzt:

• Der Anarchismus hat eine stärkere Kritik der Autorität formuliert. Was auch immer man über die angebliche Einfältigkeit anarchistischer Theorie sagen will, Michail Bakunin hat 1871 in Gott und der Staat das Schicksal der späteren Sowjetunion auf zwei Seiten zusammengefasst. Er sah voraus, dass die Machtübernahme einer revolutionären Partei zu einer neuen herrschenden Klasse führen würde, die die Befreiung der Massen verhindert und ihren eigenen Untergang vorbereitet. Heute sprechen prominente Marxist*innen wie John Holloway, Slavoj Žižek oder Alain Badiou von der Notwendigkeit eines Kommunismus ohne Staat und Partei, so als wäre das eine neue Erfindung. Anarchist*innen haben das immer schon gesagt.

• Anarchist*innen haben stärkeres Augenmerk auf die kulturellen Aspekte der Machtausübung gelegt. Der Marxismus konzentrierte sich letzten Endes auf die ökonomischen Verhältnisse bzw. die ökonomische Basis, die den kulturellen Überbau determiniert. Trotz verbaler Zugeständnisse an die „Dynamik“ und „Dialektik“ dieser Beziehung, ließen Marxist*innen kulturellen Kämpfen selten die Aufmerksamkeit zukommen, die diese von Anarchist*innen erhielten.

• Nicht nur die kulturellen Aspekte der Herrschaft wurden von Anarchist*innen stets betont, sondern auch die Komplexität der Herrschaft. Nur wenige Tendenzen des Anarchismus haben die marxistische Neigung geteilt, vermeintlich nicht-proletarische Kämpfe zu Nebenschauplätzen zu degradieren. Anarchist*innen formulierten etwa eine deutlichere Kritik des Patriarchats und des Nationalismus. In einer Zeit, in der Begriffe wie „multiple oppression“ oder „Intersektionalität“ hoch im Kurs stehen, kann der Anarchismus hier guten Gewissens eine Vorreiterrolle in Anspruch nehmen.

• Während die meisten klassischen Anarchist*innen – wie ihre marxistischen Gegenspieler – von der Notwendigkeit wissenschaftlichen Fortschritts in der Errichtung einer befreiten Gesellschaft überzeugt waren, wird der Anarchismus weder von einem deterministischen Geschichtsverständnis noch von eurozentrischem Rationalismus geprägt. Er warnte früh vor quasi-elitären wissenschaftlichen Klassen und begrüßte Utopien, anstatt sie als dumme Hirngespinste abzutun. Angesichts eines heute stark angeschlagenen historischen Materialismus sammelt der Anarchismus auch hier Pluspunkte.

• Zumindest einige prominente Anarchist*innen, unter ihnen Leo Tolstoi oder Gustav Landauer, betonten die Notwendigkeit einer „spirituellen Revolution“ – nicht als esoterischen Schabernack, sondern um darauf hinzuweisen, dass sich die Welt nicht verändern wird, wenn sich die Menschen nicht verändern. Eine spirituelle Dimension macht linke Politik reicher, nicht ärmer.

• Die anarchistische Skepsis dem historischen Materialismus gegenüber hat Anarchist*innen von marxistischer Seite oft den Vorwurf des „Voluntarismus“ eingebracht, d.h., Anarchist*innen wurden angeklagt, revolutionäre Prozesse vom Willen der Menschen (voluntas) abhängig zu machen. Marxist*innen bestanden darauf, dass das individuelle Be- wusstsein und damit das Vermögen zu politischer Aktion von den ökonomischen Realitäten bestimmt wird. Es sind die Anarchist*innen, die recht haben. Es kommt zu sozialer Veränderung, wenn Menschen soziale Veränderung wollen.

• In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Vertrauen in die Wunder der Technologie in der Arbeit einiger Anarchist*innen (zum Beispiel jener Murray Bookchins, Paul Feyerabends oder der sogenannten – und mit vielerlei Problemen behafteten – Anarcho-Primitivist*innen) in einer Weise in Frage gestellt, wie wir sie bei marxistischen Theoretiker*innen nicht finden. In Zeiten, in denen die brisante Rolle der Technologie in den sozialen und ökologischen Krisen, die wir erleben, immer offensichtlicher wird, ist Anarchist*innen dies positiv anzurechnen.

• Die Anarchist*in ist die permanente Kritiker*in. Aufgrund ihrer starken Skepsis sowohl totalitären Ideologien als auch Persönlichkeitskulten gegenüber sind Anarchist*innen seit jeher geschwind, wenn es um die Entblößung von Ungereimtheiten in politischen Bewegungen geht. Auch wenn dies problematische Dimensionen hat – vom schlichten Lästig-Sein bis hin zum Verhindern kollektiver Organisierung –, ist es ein ungemein wertvoller Mechanismus, um Machtverhältnisse vor Erstarrung und Dogmatismus zu bewahren.

• Die „präfigurative“ Politik des Anarchismus verleiht ihm eine stark praktische Dimension, die Änderungen in unserem Alltagsleben in einer Weise motiviert, die andere politische Ideologien kaum erreichen.

• Der Fokus des Anarchismus auf Vielfältigkeit bedingt auch vielfältige politische Ausdrucksformen. Was Kreativität und Innovation betrifft, zeigt sich der Anarchismus um einiges cleverer als die marxistische Linke.

Anarchismus und Revolution

Die größte Schwäche des Anarchismus ist das Fehlen eines überzeugenden Revolutionskonzepts, wenn wir Revolution als radikale Umverteilung von Macht und Reichtum verstehen. Angesichts der revolutionären Ansprüche des Anarchismus ist dies bemerkenswert. Sich von „reformistischen“, „liberalen“ oder „gemäßigten“ Kreisen zu distanzieren, ist ein wesentlicher Bestandteil anarchistischer Identität.

Keine anarchistische Gesellschaft nennenswerter Größe wurde je außerhalb kriegerischer Umstände etabliert. Keine von ihnen hielt sich länger als ein paar Jahre. Anarchist*innen geben dafür gerne der Ruchlosigkeit kapitalistischer Lakaien und marxistischer Hinterhältigkeit die Schuld. Zwar sind diese Anklagen nicht aus der Luft gegriffen, doch als Erklärung für das bescheidene revolutionäre Fazit des Anarchismus reichen sie nicht aus. Ein wichtiger Faktor ist, dass Anarchist*innen sich – aus guten und ehrenwerten Gründen – weigern, eine Rolle einzunehmen, die die meisten Revolutionen verlangen. Die oft zitierten Worte Friedrich Engels‘ treffen diesen Punkt: „Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt.“ Anarchist*innen haben auf dieses Dilemma keine hinreichenden Antworten. Versuche wurden gemacht, doch sind sie wenig befriedigend. Die wichtigsten lassen sich wie folgt zusammenfassen:

a) Das Setzen auf einen „Ausstieg“, der seine stärkste theoretische Fundierung in den Siedlungstheorien Gustav Landauers fand. Landauer gemäß sollte eine anarchistische Gesellschaft mithilfe autonomer ländlicher Gemeinschaften und Kooperativen von der Basis her aufgebaut werden; mit Frontalangriffen ließe sich der Staat nicht beseitigen. Die Idee ist wunderschön, doch radikale Kommunen sind in den letzten 150 Jahren gekommen und gegangen, ohne Staat und Kapital viel Kummer zu bereiten. Sobald sie den Herrschenden lästig werden, werden sie zerstört oder in den kapitalistischen Markt integriert; die Kommerzialisierung „alternativer Kultur“ in den vergangenen Jahrzehnten ist dafür nur ein schlagendes Beispiel.

b) Ein „radikaler Reformismus“, dessen Befürworter*innen von einer „Revolution in Schritten“ sprechen oder von einer Revolution als „Prozess“ im Gegensatz zu einer Revolution als „Bruch“. Was sich hinter diesen Formeln verbirgt, ist selten mehr als klassischer Reformismus, aufgepäppelt mit ein bisschen radikaler Rhetorik. Der Ansatz sollte uns hier nicht weiter beschäftigen.

c) Eine Begeisterung für den „Aufstand“, die Revolution nicht in struktureller Veränderung, sondern in Momenten unmittelbarer Ermächtigung sieht. An Aufständen ist nichts falsch. Sie offenbaren soziale Widersprüche, kehren Machtverhältnisse um (wenn auch nur temporär), inspirieren und tun vieles mehr. Aber sie ändern selten etwas an den grundlegenden Machtstrukturen, und wenn sie dies tun und zum Schaffen eines Machtvakuums beitragen, kann dieses leicht von reaktionären Kräften ausgenutzt werden, wenn emanzipatorische Gegenstrukturen fehlen. Aufstände sind wichtige Teile von Revolutionen, sie jedoch mit der Revolution gleichzusetzen, bedeutet, aus einem Bully ein ganzes Eishockeyspiel zu machen.

d) Das Vertreten eines „Kollapsismus“, der jeden Versuch, die gegenwärtige Ordnung zu verändern, als sinnlos betrachtet, da nur katastrophische Ereignisse deren Ende bringen können und werden. Anarchistischer Aktivismus besteht demnach darin, sich auf die Katastrophe vorzubereiten, um die kollabierenden Machtstrukturen (die „Zivilisation“) mit kleinen und unabhängigen anarchistischen Gemeinschaften zu ersetzen. Das Hauptproblem dieses Szenarios ist die Abwesenheit eines jeden Mechanismus außer des Rechts des Stärkeren, um die in dieser Zukunftsvision unvermeidlich auftretenden sozialen Konflikte zu bewältigen. Kurz, aus Kollapsismus wird schnell Sozialdarwinismus. Und selbst wenn dies nicht der Fall ist, bleibt die Annahme eines Kollapses eine fragwürdige Basis für politischen Aktivismus. Schließlich ist es – gelinde gesagt – waghalsig, Änderungen des herrschenden Systems mit dem Verweis auf dessen ohnehin bevorstehenden Zusammenbruch für bedeutungslos zu erklären. Was, wenn das herrschende System nicht zusammenbricht? Defätismus zu einer Tugend zu verklären, hilft uns nicht.

Die Tatsache, dass der Anarchismus kein überzeugendes Revolutionskonzept anzubieten hat, diskreditiert ihn nicht. Tatsächlich hat sich der Anarchismus historisch als weit einflussreicher erwiesen, als es selbst viele Anarchist*innen annehmen. Der Anarchismus war immer ein wichtiger Motor sozialer Veränderung. Der Acht-Stunden-Tag, Meinungs- und Pressefreiheit, Antimilitarismus, Abtreibungsrechte, Kritik der Heteronormativität, antiautoritäre Pädagogik, Veganismus und vieles mehr: Irgendwann einmal waren es – gemeinsam mit anderen Außenseiter*innen und komischen Vögeln – vor allem Anarchist*innen, die diese Kämpfe vorantrieben. Doch haben sie sich nicht als revolutionär erwiesen, sondern wurden zum größten Teil in die Entwicklung des kapitalistischen Nationalstaats integriert.

Anarchist*innen müssen ehrlich sein. Entweder geben sie zu, Reformismus mit radikalem Touch zu betreiben (daran ist nicht unbedingt etwas falsch, wenn es zugestanden wird), oder sie arbeiten daran, tatsächlich eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln. Radikales Herumprotzen und das Aburteilen „reformistischer“/ „liberaler“/ „gemäßigter“ Politik ist peinlich, wenn die eigene Politik nicht revolutionärer als die von NGOs, Kirchengruppen oder Wohlfahrtsorganisationen ist.

Die Demonstration moralischer Überlegenheit überschattet oft die politische Arbeit. Das grundlegende Problem scheint zu sein, dass sich zwei Motivationen oft überlappen, wenn Menschen in anarchistischen Kreisen aktiv werden: Die eine ist es, die Welt verändern zu wollen; die andere, besser als der Durchschnittsmensch zu sein. Letzteres führt leicht zu Selbstmarginalisierung, da jedes Gefühl moralischer Überlegenheit impliziert, einer auserwählten Gruppe anzugehören und nicht der Masse. Wenn dieses Gefühl dominant wird, wird die eigene Identität wichtiger als politische Aktion und das Aufzeigen persönlicher Defizite anderer wichtiger als politische Veränderung.

Bedauerlicherweise treffen die härtesten moralischen Anklagen oft Menschen in den eigenen Kreise statt die wirklichen Bösewichte, frei nach der beklagenswerten Logik: „Wenn wir unseren Feind*innen nichts anhaben können, nehmen wir uns unsere Freund*innen vor.“ Das Herabsehen auf Outsider und der gleichzeitige Konkurrenzkampf mit Insidern um moralische Alphapositionen ist eine Kombination, die einer Bewegung mit revolutionärem Anspruch unwürdig ist.

Die anarchistische Bewegung ist eine Subkultur. Subkulturen sind großartig. Sie geben Menschen ein Zuhause (eines, das Leben retten kann), sie helfen der Aufbewahrung aktivistischen Wissens, sie erlauben Experimente und vieles mehr. Aber Dissens ist nicht Revolution. Wenn die Politik auf die Subkultur reduziert wird, wird revolutionäre Rhetorik leer und abstrakt. Leute hassen dieses und scheißen auf jenes – aber dann?

Der Standardmodus (die Standardstimmung) vieler anarchistischer Kreise reicht von griesgrämig bis rotzig. Manchmal sind die angeblichen Mikrokosmen einer befreiten Welt weniger einladend als so ziemlich jeder andere Ort: dunkel, dreckig und bevölkert von Menschen, die Unfreundlichkeit mit Rebellion verwechseln. Sich wie ein Arsch zu benehmen, macht niemanden zu einer revolutionären Person, nur zu einem Arsch. Penetrantes Gemotze kennzeichnet leider auch interne Debatten. Die Kommentarspalten auf manchen anarchistischen Online-Foren gehören zu den sichersten Mitteln, Menschen auf ewig vom Anarchismus fernzuhalten. Ein emanzipatorischer Umgang mit Meinungsverschiedenheiten ist von Offenheit und Selbstkritik geprägt, nicht von anonymem Gegröle.

Trotz des theoretischen Hochhaltens von Individualität und Mannigfaltigkeit sind anarchistische Szenen von einer enormen Konformität geprägt. Jedes durchschnittliche Innenstadtcafé bringt eine größere Vielfalt an Menschen zusammen als die meisten anarchistischen Treffpunkte. Dafür gibt es historische Gründe, aber das Resultat ist schlicht, dass die anarchistische Kultur – Sprache, soziale Codes, Äußeres – ungemein homogen ist. Doch wie anarchistisch sind Milieus, in denen Menschen sich nicht willkommen fühlen aufgrund der Kleidung, die sie tragen, der Nahrung, die sie verzehren, oder der Musik, die sie hören?

Es gibt in anarchistischen Kreisen einen wichtigen Unterschied zwischen Aktivist*innen, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen, und Aktivist*innen, die unmittelbar von Ungerechtigkeit betroffen sind. Alle müssen zusammenarbeiten, um tatsächlich etwas verändern zu können, aber die unterschiedlichen Motivationen sind in Betracht zu ziehen. Während Menschen, die einem missionarischen Ruf folgen, gerne zu Ideologisierungen
neigen, sind von Ungerechtigkeit betroffene Menschen oft pragmatischer. Wird dieser Unterschied negiert, driften Menschen leicht auseinander. Im schlimmsten Fall bleiben nur die Ideolog*innen zurück und abstrakte Debatten über persönliche Identität und akzeptable Sprache werden zum Hauptschauplatz einer vermeintlich radikalen Politik, die tatsächlich jede Verbindung zur gesellschaftlichen Basis verloren hat. In diesem Kontext wird radikale Politik zu einer primär intellektuellen Übung, die kaum etwas über die Qualität ihrer Protagonist*innen als engagierte und zuverlässige Genoss*innen aussagt.

Die Ideen von freien bzw. sicheren Räumen werden oft durcheinandergebracht. Sichere Räume, d.h., Räume, in denen Menschen auf Unterstützung und Fürsorge zählen können, sind in der Welt, in der wir leben, notwendig. Aber es sind Räume, die einen spezifischen Zweck erfüllen. Es sind nicht die freien Räume, die wir zu verwirklichen versuchen, d.h., Räume, in denen Menschen unterschiedliche Ansichten artikulieren, diskutieren und Differenzen gemeinsam lösen können. Was Menschen auf lange Sicht sicher macht, ist die kollektive Fähigkeit, Grenzen auszuhandeln. Absolute Sicherheit ist unmöglich. Missverständnisse, Irritationen und Sensibilitäten sind Teil des sozialen Lebens und verschwinden selbst in der anarchistischsten aller Gesellschaften nicht.

Die Überzeugung, dass allen alles erlaubt sein soll, wird oft mit der Vorstellung verwechselt, dass alle alles können. Das Vermitteln von Wissen und Fähigkeiten durch erfahrene Aktivist*innen ist daher meist verpönt. Dies führt dazu, dass wir immer wieder in die gleichen Fallen tappen und das Rad jedes Mal neu erfinden müssen.

Es gibt einen Mangel an Visionen und strategischer Orientierung in der anarchistischen Bewegung. Die organisatorischen Strukturen befinden sich in einer Krise. Unverbindliche Bezugsgruppen, Spontanität und Diversität sind weit verbreitet, doch in vielerlei Hinsicht problematisch. Die einzigen langfristigen Gemeinschaften, die sie zulassen, bestehen aus einer Handvoll von Freund*innen, was eine unzureichende Basis für die Organisierung ist, die breite soziale Veränderung erfordert. Die Hauptantwort auf dieses Problem innerhalb der anarchistischen Bewegung, der Plattformismus, unterschätzt leider die Wichtigkeit individueller Verantwortung, was zu einer Vermischung von Formalität und Effizienz führt (dazu mehr im Schlusskapitel).

Was ist zu tun?

Die anarchistische Subkultur ist vielerorts gut etabliert. Sie kann sich auf eine solide Infrastruktur stützen und über einen ständigen Fluss an neuen Mitgliedern freuen (auch wenn diese oft nicht lange bleiben). Sie reproduziert sich problemlos selbst, bietet Menschen, die die Kultur des „Mainstreams“, des „Bürgertums“ oder der „Spießer“ ablehnen, ein identitäres Zuhause und hat all die Vorteile, die Subkulturen allgemein haben (siehe oben). Der Anarchismus produziert außerdem einflussreiche Ideen, inspirierende Formen sozialen Zusammenlebens und eine lebendige Protestkultur. All das ergibt ein spannendes politisches Spielfeld und bestätigt die Bedeutung des Anarchismus im Alltagsleben. Wenn uns also der Mangel an revolutionärer Perspektive nicht stört, gibt es nicht viel Grund zur Beunruhigung. Die anarchistische Subkultur ist von den oben genannten Problemen nicht bedroht. Wenn wir aber der Ansicht sind, dass das Aufgeben einer revolutionären Perspektive ein zu großes Opfer ist (und wenn wir anarchistische Genoss*innen mit starken revolutionären Überzeugungen nicht an den orthodoxen Marxismus verlieren wollen), dann müssen wir die Entwicklung einer solchen Perspektive zumindest möglich machen. Hier sind ein paar Vorschläge:

1. Anarchist*innen müssen deutlich vermitteln, was sie wollen, und ehrlich erläutern, wozu sie in der Lage sind.

2. Der Wille, die Gesellschaft zu verändern, muss wichtiger sein als das Zurschaustellen vermeintlich ultimativer Radikalität.

3. Anarchist*innen müssen eine Sprache sprechen, die auch Menschen verstehen können, die nicht Teil einer initiierten Szene sind. Sprache verändert sich und problematische Begriffe sind zu hinterfragen, aber anarchistische Diskussionen müssen Menschen engagieren, anstatt sie zu entfremden.

4. Wir brauchen Visionen. Es mag für viele Anarchist*innen zu einer Mantra geworden sein, dass Visionen rigide Masterpläne sind, die Menschen vorschreiben, was sie tun sollen, aber das ist billig. Anarchistische Visionen skizzieren schlicht, was für eine Gesellschaft sich Anarchist*innen vorstellen. Ohne derartige Skizzen wird sich niemand außerhalb anarchistischer Kreise je dafür interessieren, was Anarchist*innen zu sagen haben. Dauernd „präfigurativ“ zu sein, reicht nicht. Irgendwann ist es Zeit zu figurieren.

5. Auch strategisches Denken wird oft als erbarmungslose Handlungsvorschrift karikiert. Doch Strategien zu entwickeln, bedeutet einfach, sich Gedanken darüber zu machen, wie das, was wir erreichen wollen, auch erreicht werden kann. Wer das aufgibt, gibt revolutionäre Arbeit auf.

6. Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Aufbau autonomer Strukturen und Interventionen in der herrschende Ordnung. Dies ist ein Scheinkonflikt, der unnötig und unproduktiv ist. Dasselbe gilt für den angeblichen Konflikt zwischen persönlicher Praxis („Lifestyle“) und kollektiver Organisierung. Das eine stärkt das andere.

7. Wir brauchen neue Werte. Solange wir all das, was heute produziert wird, haben wollen, werden wir weder das politische noch das ökonomische System auf eine Größe reduzieren können, die ökologisch wie sozial nachhaltig ist.

8. Technologiekritik muss Teil einer jeden revolutionären Bewegung sein. Technologie macht Menschen von Systemen abhängig, über die sie keine Kontrolle haben und verlangt eine Komplexität an sozialer Organisation, die auf einer Graswurzelebene nicht aufrechtzuerhalten ist. Wir müssen die Kernkraft und andere angebliche technologische Wohltaten, die die Erde und die Menschheit in Geiselhaft nehmen, zurückweisen. Ebenso sind „Rationalismus“, „Wissenschaftlichkeit“ sowie die Idee, dass materieller „Fortschritt“ für eine bessere Welt unabdingbar ist, kritisch zu hinterfragen. Wir müssen uns auf überschaubare Gemeinschaften als die Basis anarchistischer Gesellschaft konzentrieren.

9. Werden Anarchist*innen gefragt, warum sie sich mehr auf manche Kämpfe konzentrieren als auf andere, hören wir oft, dass „alle Kämpfe wichtig“ seien. Aber das ist keine Antwort auf die Frage. Es geht nicht darum, ob alle Kämpfe wichtig sind (natürlich sind sie das), sondern warum wir manche wichtiger nehmen als andere. Einerseits spielen subjektive Faktoren eine Rolle: Wir konzentrieren uns auf Kämpfe, die uns persönlich am nächsten stehen oder in denen wir uns am kompetentesten fühlen. Aber wenn es um revolutionäre Politik geht, müssen auch jene Kämpfe identifiziert werden, die tatsächlich revolutionäre Perspektive haben. Moralische Dringlichkeit ist dabei nicht zwangsläufig das entscheidende Kriterium. Wenige Kämpfe sind an sich revolutionär; die meisten erhalten ihre revolutionäre Perspektive aus ihrer Verbindung mit revolutionärer Politik.

10. Die Wertschätzung der Vielfalt ist seit jeher eine Stärke des Anarchismus. Dies darf jedoch nicht dazu führen, kritische Analyse außen vor zu lassen. Jeder Unsinn kann mit einem Verweis auf die „Notwendigkeit der Vielfalt“ gerechtfertigt werden, so als wäre Vielfalt ein Persilschein dafür, immer genau das tun zu können, was man gerade tun will. Doch beispielsweise sind nicht alle Taktiken zu jeder Zeit gleich nützlich, sondern sie müssen unseren Möglichkeiten und der gegebenen Situation gemäß gewählt werden: „Was wollen wir? Mit wem arbeiten wir zusammen? Was ist realistisch möglich? Was sind unsere Mittel?“ Vielfalt ist gut, wenn sie für Offenheit, Flexibilität und Handlungsspielraum steht. Wird sie aber als Wert an sich verherrlicht, kann vermeintlich linksradikale Politik schnell wie neoliberales Shopping aussehen: Du wählst das, wonach dir gerade der Sinn steht.

11. Offenes Diskutieren ist für ein fruchtbares intellektuelles Milieu und für Befreiungsprozesse unumgänglich. Wenn Genoss*innen Sachen sagen oder tun, die andere provozieren, beleidigen oder kränken, sind sie in einen Diskussionsprozess einzubeziehen und nicht zu unliebsamen Personen zu erklären.

12. Labels sind ein No-Go für viele Anarchist*innen. „Es ist nicht wichtig, als was du dich bezeichnest, es ist wichtig, was du tust.“ Das macht auf den ersten Blick Sinn. Doch ein Label ist nur ein Wort, Wörter sind Werkzeuge der Kommunikation und in Kommunikationsprozessen sind wir auf Abkürzungen angewiesen.
Unserer Politik ein Label zu verleihen, vermittelt anderen – Freund*innen wie Feind*innen – wofür wir stehen. So werden Gemeinschaft und Solidarität geformt. Ohne den „Kommunismus“ hätte es keine „kommunistische Gefahr“ gegeben. Es ist wichtig, dass Menschen, die in sozialen Bewegungen zusammenkommen, gemeinsame Namen tragen.

13. Wir müssen Organisationen aufbauen, die anarchistisch sind – und dies offen – und gleichzeitig tragende Rollen in breiten sozialen Bewegungen und Organisationen spielen können (Gewerkschaften, Mietervereinigungen, Konsumentengruppen, Sportverbänden usw.). Anarchistische Organisationen müssen Netzwerke zur Diskussion, gemeinsamen Aktion und gegenseitiger Hilfe zur Verfügung stellen. Während dies einen bestimmten Grad an Formalität verlangt, ist Formalität nicht mit Effizienz zu verwechseln. Effizienz beruht auf individuellen Voraussetzungen, das heißt, Verantwortung, Verlässlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Deshalb ist der Plattformismus keine Antwort auf die Krise anarchistischer Organisierung. Es bedarf Organisationsformen, die anpassungsfähiger sind.

14. Die Bedeutung individueller Voraussetzungen darf nicht unterschätzt werden. Wenn wir uns dagegen verwehren, dass hierarchische Strukturen notwendig sind, um gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen, müssen wir beweisen, dass diese auch ohne hierarchische Strukturen befriedigt werden können. Die anarchistische Realität ist weit davon entfernt. Viele Anarchist*innen tun Dinge nur, wenn ihnen „danach ist“; viele haben alle möglichen Ansichten, was andere tun sollen, ohne je selbst etwas zu tun; viele sind unzuverlässig und unverantwortlich, lieben es aber, diejenigen, die sie darauf hinweisen, als „autoritär“ abzustempeln; und viele nutzen Treffen lieber für egozentrisches Geplapper als für konstruktive Entscheidungsfindung. Solange solche Neigungen vorherrschen, gibt es keine Hoffnung für den Anarchismus, je zu einer revolutionären Bewegung zu werden.

15. Es braucht eine neue Synthese des Anarchismus. Menschen mit unterschiedlichen Schwerpunkten – dem Arbeitsplatz, dem Patriarchat, dem Militarismus usw. – müssen zusammenarbeiten, gemeinsame Prinzipien definieren und sich auf eine Strategie einigen, in der sich verschiedene Taktiken in der bestmöglichen Weise koordinieren lassen. Ein exklusiver Anspruch auf anarchistische Repräsentation schadet allen, den betreffenden Gruppen mit eingeschlossen.

16. Anarchist*innen müssen sich die Grenzen anarchistischer Politik eingestehen. Je nach den Absichten eines bestimmten Kampfes kann ein sozialdemokratischer oder leninistischer Zugang angemessener sein. Den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen, ist ein reformistisches Anliegen, und wenn Anarchist*innen dieses als wertvoll erachten, mögen sie als außerparlamentarische Unterstützung für sozialdemokratische Anstrengungen am effektivsten sein. Ebenso ist es verständlich, wenn für indische Bäuer*innen ein „langwieriger Volkskrieg“ – und damit der Leninismus in seiner maoistischen Variante – als vielversprechendste Antwort auf die staatliche Repression erscheint, der sie sich ausgesetzt sehen. Wenn Anarchist*innen diese Bäuer*innen unterstützen wollen, müssen sie ideologische Zugeständnisse machen. Die Linke ist vom Sektierertum zu befreien und Anarchist*innen müssen dazu ihren Beitrag leisten.

17. Viele Anarchist*innen assoziieren Kader ausschließlich mit leninistischer Politik. Das ist unglücklich. Letztlich ist ein Kader nur eine Person, die politische Arbeit priorisiert, und es gibt einen Unterschied zwischen Aktivist*innen, die dies tun (bzw. tun können), und solchen, für das nicht gilt. Kader verdienen keine Privilegien, aber ihre Erfahrungen und ihr Engagement sind anzuerkennen – nicht ihnen zuliebe, sondern der Bewegung. Kader müssen sich auch auf revolutionäre Situationen vorbereiten, was historisch gesehen eine der größten Schwächen des Anarchismus war.

18. Starrsinnig Diskussionen über Führungsrollen zu vermeiden, schadet der anarchistischen Bewegung. Führungspersönlichkeiten gibt es in jeder sozialen Gruppe, ob sie als solche benannt werden oder nicht. Aber nur wenn dieser Tatsache Rechnung getragen wird, lassen sich die autoritären und manipulativen Aspekte eines fehlenden Machtgleichgewichts eindämmen. Ansonsten äußert sich dieses auf jene undurchschaubaren und unkontrollierbaren Weisen, die für viele anarchistische Gruppen charakteristisch sind.

19. Wir müssen uns der Ursprünge des Anarchismus bewusst sein. Der Anarchismus hat kein Monopol, was antiautoritäres Denken betrifft. Antiautoritäres Denken lässt sich in allen Kulturen und zu allen Zeiten finden. Aber als selbst-identifizierte politische Bewegung ist der Anarchismus ein Produkt der soziopolitischen Bedingungen des europäischen 19. Jahrhunderts. Dies hat kulturelle Implikationen, die den Anarchismus bis heute kennzeichnen und verhindern, dass er sich so weit ausdehnt, wie es den meisten Anarchist*innen lieb wäre. Es nutzt nichts, zu behaupten, dass alle antiautoritären Strömungen im Kerne „anarchistisch“ seien. Im schlimmsten Fall kann dies zu quasi-kolonialer Vereinnahmung führen, denn wenn Menschen für ihre Politik den Namen „Anarchismus“ nicht verwenden wollen, haben sie Gründe dafür. Wichtiger für Anarchist*innen ist es, mit ihren Handlungen zu beweisen, dass sie vertrauenswürdige Partner*innen in einem globalen Kampf um Befreiung sind.

20. Sogenannte „Verbündetenpolitik“ (ally politics) kann Anarchist*innen als richtungsweisendes Prinzip dienen, wenn sie in Kämpfe eingebunden sind, die von anderen getragen werden. Aber das Konzept ist richtig zu verstehen. Bedingungslos Ja und Amen zu allem zu sagen, was andere verlangen, ist Selbstaufgabe und hat nicht das Geringste mit Radikalität zu tun. Außerdem gibt es niemals Individuen oder Gruppen, die alleine eine Gemeinschaft repräsentieren, weswegen es unmöglich ist, die Verantwort-ung für unsere eigenen Entscheidungen an andere zu übertragen; wir müssen für die Entscheidungen, die wir treffen, selbst einstehen. Es mag notwendig sein, in bestimmten Kämpfen die Führungsrolle anderer anzuerkennen, aber wir müssen zu diesen ein solidarisch-kritisches Verhältnis einnehmen. Nur so lässt sich der Kampf gemeinsam weiterbringen.

21. Es bedarf ernsthafter Diskussionen über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten bewaffneten Kampfes. Keine einfachen Romantisierungen von Aufständen oder Kriminalität, sondern eine Untersuchung der herrschenden Machtstrukturen und der Frage, wie diesen militant begegnet werden kann, was in den meisten Fällen zugespitzter sozialer Konflikte notwendig sein wird. Außerdem: Wenn wir es mit der Revolution wirklich ernst meinen, können wir die Polizei und die Armee nicht zum ewigen Feind machen. Prak-tisch alle Revolutionen waren darauf angewiesen, sich die Unterstützung durch Teile der Polizei und Armee zu sichern. Zudem schwinden die militärischen Möglichkeiten eines Guerillakrieges in Zeiten von High-Tech-Kriegen drastisch. Dies ist eine Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wie unangenehm sie auch sein mag.

22. Wir müssen unseren leichtfertigen Umgang mit ökonomischer Kompensation (kurz: dem Bezahlen für Arbeit) revidieren. DIY-Kultur ist großartig, wenn es um das Erhalten von Unabhängigkeit, das Stärken von Kreativität und das Trainieren von Einfallsreichtum geht. Sobald die Grenze zur Selbstausbeutung überschritten wird, bleiben jedoch fast ausschließlich Menschen aus der Mittelklasse (meist männlich, meist weiß) übrig.

23. Die Revolution um der Revolution willen zu verfolgen, ist sinnlos. Das Einzige, was die Revolution rechtfertigt, ist es, das Leben der Menschen besser zu machen. Dies muss in allem zum Ausdruck kommen, was Revolutionär*innen tun.

AAP

(Mai 2016; dt. Übersetzung Juni 2016)

[1] Wir wollten Fußnoten in diesem Text vermeiden, aber eine kurze Erklärung unserer Anwendung der Begriffe „Sozialdemokratie“, „Leninismus“ und „Marxismus“ schien unvermeidlich. Während der Anarchismus sich früh von marxistischen Strömungen abspaltete (der Ausschluss von Michail Bakunin und James Guillaume vom Kongress der Ersten Internationalen in Den Haag 1872 gilt vielen als Schlüsselmoment), kam es erst mit der Russischen Revolution 1917 zur Trennung zwischen reformistischen Sozialdemokrat*innen und revolutionären Leninist*innen. Beide Strömungen wurden damals noch als marxistisch betrachtet und sahen sich selbst der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft verpflichtet. In der sozialdemokratischen Bewegung verblasste diese Ausrichtung bald inmitten parlamentarischer Realitäten, und in den 1930er Jahren war sie aus praktisch allen sozialdemokratischen Parteiprogrammen verschwunden. Die sich heute sozialdemokratisch nennenden Parteien haben fast ausnahmslos den Kontakt mit den Ursprüngen der Bewegung verloren und verfolgen eine neoliberale Politik mit einem Hauch an Wohlfahrtsstaatlichkeit. Wenn wir in diesem Text von „Sozialdemokratie“ sprechen, meinen wir nicht diese Parteien, sondern eine Tradition genuin-marxistischer Politik im Rahmen des Parlamentarismus. Manche, wenn auch beileibe nicht alle, der heutigen Linksparteien setzen diese Tradition fort