„Bremer Landesverband der AfD-Jugend in Farge gegründet“

kopiert aus dem Weser Kurier

Der Bremer Landesverband des AfD-Nachwuchses Junge Alternative (JA) hat sich jüngst in Bremen-Farge gegründet. Dass sich der Verband ausgerechnet dort gründet, nimmt auch die Innenbehörde interessiert zur Kenntnis.

Fast wirkt es feierlich, als die jungen Männer zur Gründung ihres Landesverbands der Jungen Alternative (JA) im Saal der Gaststätte Zum Grünen Jäger zusammenkommen. Als gäbe es einen Dresscode, tragen alle weiße Hemden unter ihren dunklen Sakkos. Aus dem Rahmen fällt kleidertechnisch nur die angereiste Politprominenz: AfD-Bundesjugendchef Sven Tritschler trägt ein blaues Hemd zur Freizeithose. Während der Parteinachwuchs andernorts gerne mal „stramm rechts“ (Zeit Online) auftritt, ist die lokale JA in Bremen bisher unauffällig geblieben.

Eine Jugendarbeitsgemeinschaft der Jungen Alternative Bremen gibt es schon länger an der Weser. Öffentlich aufgetreten sei diese bisher aber nicht, sagt Max Wengel, Mitarbeiter der Beratungsstelle pro aktiv gegen rechts. Die Beratungsstelle stuft die Junge Alternative wie die Innenbehörde als rechtspopulistisch ein. „Die Jugendorganisation ist radikaler als ihre Mutterpartei“, sagt Max Wengel.

Dass sich in Bremen auch die JA-Bundesprominenz zeige, sei neu. Die lokale JA sei bisher höchstens Mal durch Facebook-Posts aufgefallen. Für Wengel ist es aufschlussreich, dass sich der Landesverband gerade jetzt gründet – kurz nachdem sich hier auch der Identitäre Freundeskreis Bremen gegründet hat. Der Identitäre Freundeskreis zählt laut Wengel zur neuen Rechten. „Er rekrutiert seine Mitglieder ebenfalls aus dem studentischen Umfeld.“

Rechte Strukturen in Farge

Dass sich der Bremer AfD-Nachwuchs ausgerechnet in Farge gründet, nimmt die Innenbehörde interessiert zur Kenntnis. Die Gaststätte liegt 950 Meter von der Rekumer Straße 12 entfernt, jener Flüchtlingsunterkunft, in der Ex-Boxer Lothar Kannenberg junge, straffällig gewordene Flüchtlinge betreut. Der frühere „Bürger in Wut“ Fritjof Balz, Gründer der Facebook-Gruppe „Rekumer Straße nicht mit uns“, hatte hier vor zwei Jahren ordentlich Stimmung gegen die Einrichtung gemacht.

Farge war den Verfassungsschützern aber schon vor Balz‘ Engagement ein Begriff: Hier hatten sich die Farge Ultras gegründet, ein laut Verfassungsschutz rechtsextremistischer und gewaltaffiner Fanklub der Fußballer der Turn- und Sportvereinigung (TSV) Farge-Rekum. Der Klub gilt offiziell als aufgelöst. Doch die Behörde rechnet weiter damit, dass frühere Mitglieder erneut aktiv werden könnten. „Das wäre für den Verfassungsschutz ein Anlass, genauer hinzugucken“, sagt Innenressort-Sprecherin Rose Gerdts-Schiffler.

Zurück in den Grünen Jäger. Es ist ein Dutzend junger Männer, die bei Cola und Bier auf den Bundesvorsitzenden der JA warten. Einer sitzt mit Laptop am langen Tisch zwischen Biertresen und beige-braunen Kunstdrucken. Er wird später das Protokoll der Versammlung schreiben. Viele sind Studenten, wie der zweite JA-Bundeschef Reimond Hoffmann, Jahrgang 87, der ebenfalls am Tisch sitzt und eine rote Fliege zum Anzug trägt. Seine Hobbys sind Fechten und Deutschland. Das steht auf der Homepage der Partei.

Zackig durch die Tagesordnung

Auf ihrer Homepage fordert die Junge Alternative auch den Ausschluss von Asylbewerbern aus der gesetzlichen Krankenkasse. Die Altparteien betitelt sie als Sicherheitsrisiko für das deutsche Volk. Wegen der JA-Äußerungen schreibt die Huffington Post im Internet inzwischen vom gefährlichen Parteinachwuchs. Die Jugendorganisation biete Petry & Co mehr und mehr Rückhalt und beherrsche die Hau-drauf-Polemik wie kaum eine andere: Die Junge Alternative, geführt von der Doppelspitze aus dem Angestellten Sven Tritschler und dem Studenten der Rechtswissenschaften Markus Frohnmaier, mache Stimmung gegen Ausländer, hetze gegen andere Politiker und starte Online-Kampagnen gegen Feminismus.

Als der Bundeschef der AfD-Jugend kommt, ist es schon weit nach 17 Uhr. Tritschler, der den Islam in einem Interview mit RP Online gerade eine verbrecherische und rückwärtsgewandte Ideologie genannt hat, schwingt keine Reden. Er führt zackig durch die Tagesordnung. Bremen sei das letzte Bundesland, das noch ohne JA-Landesverband sei. „Wollt Ihr einen Landesverband gründen?“ Erwartungsgemäß heben die Anwesenden die Hand dafür.

Auch Wirt Carsten Köpke sitzt mit am Tisch. Ein paar Tage vor der Gründungsversammlung ist ihm mulmig zumute gewesen. Er fürchtete wegen möglicher Konfrontation mit linken Gruppen um die Sicherheit seiner Gäste. Doch außer den Parteianhängern verirrt sich am späten Sonntagnachmittag niemand in die Nähe des Saals. Köpke will hören, was der AfD-Parteinachwuchs zu sagen hat.

Einschwörung auf künftige Aufgaben

Das Reden überlässt Tritschler, Jahrgang 1981, dem Sprecher des Bremer AfD-Landesverbands, dem Nordbremer Frank Magnitz. Magnitz, kurze Haare, Brille, Anzug, schwört den Nachwuchs auf die Aufgaben ein, die „70 Jahre Alleinregierung der SPD“ notwendig gemacht hätten: Er sagt Filz den Kampf an, den verkehrspolitischen „Auswüchsen“ und den Bremer „Bildungsexperimenten“, die „auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen werden“.

Es sei höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen. Magnitz redet von No-go-Areas, in die sich weder Polizei noch Rettungskräfte trauen. „Integration funktioniert – in unsere real existierende Parallelgesellschaft.“ Diese beschreibt er als „muslimisch, archaisch, bildungsfern und inkompatibel“. Magnitz weiter: „Wir sind der Zahlmeister und das Sozialamt der Welt.“ Doch es gebe immer noch „innergesellschaftliche Widerstände“ gegen diese Sichtweise: „Das sind unsere Landsleute, die noch nicht begriffen haben, worum es geht.“

Zwischenapplaus ertönt im Saal, als Magnitz sagt: „Nicht Hochmut kommt vor dem Fall, sondern Selbstaufgabe.“ Gefeiert wird bei der Gründungsversammlung das traditionelle Familienbild der Konservativen. Aber: „Die richtigen Mütter müssen Kinder bekommen, nicht irgendwelche Zugewanderten.“

Der AfD-Sprecher steigert sich. Im Laufe seiner Rede wird aus „Massenzuwanderung“ noch „Invasion“. Eile sei nun geboten. „Für die Rettung bleibt nicht viel Zeit. Wir müssen den Widerstand mit aller Kraft aufbauen.“ An die Zuhörer gewandt: „Ihr seid diejenigen, die die Fahne weitertragen müssen.“

Es brauche auch in Bremen eine „schlagkräftige“ Gruppe, sagt Marvin Mergard ernst, der am Nachmittag zum stellvertretenden Landesverbandschef gewählt wird. Anders als der neue Vorsitzende Robert Teske, ein 26-jähriger Speditionskaufmann aus Bremen, ist er politisch in der Hansestadt schon in Erscheinung getreten: als AfD-Fraktionssprecher im Vegesacker Beirat.

Es sei das erste Mal, dass er sich einer Partei anschließt, sagt ein junger Mann aus Bremen: „Man darf nicht immer nur reden, man muss auch machen.“ Der Soziologie-Student stellt sich als Jonas Schick vor. Früher hätte er wohl CDU/CSU gewählt, sagt er. Denn: „Deutschland sah bis vor drei Jahren noch gut aus.“ Doch die CDU sei für seinen Geschmack zu weit „nach links gerückt“. Sein Nebenmann nickt. „Bei den Beweggründen schließe ich mich an“, sagt der ehemalige Student, der in der IT-Branche beschäftigt ist. Er wird im Verlauf der Sitzung zum Schatzmeister der Bremer Jungen Alternative gewählt. Es ist Artemis Efraimidis aus Bremerhaven.

kopiert aus dem Weser Kurier