„Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte“

kopiert aus dem Weser Kurier:

Brandstifter noch nicht gefasst

Das Wohnheim war fast fertig, da schleuderten Unbekannte Molotow-Cocktails in die Container. Wer den Anschlag in Huchting verübt hat, wissen die Ermittler auch nach einem halben Jahr nicht.


Das Übergangswohnheim in Huchting wird nachts und am Wochenende bewacht werden – nicht mehr als andere Unterkünfte.

Ein rotes Herz prangt auf dem Plakat am alten Maschendrahtzaun, der das Gelände des neuen Übergangswohnheims nach außen abgrenzt. „Ein offenes Herz kennt keinen Rassismus“ steht darauf. Ein paar Meter weiter rauscht der Verkehr auf der B 75 vorbei. Die weißen Container sind am Montag, als Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Flüchtlingsunterkunft offiziell an den Betreiber übergibt, noch unbewohnt. Im Laufe der Woche sollen die ersten Geflüchteten einziehen. Dass sie erst jetzt einziehen, daran sind Menschen schuld, deren Herzen sehr wohl Rassismus kennen.

In dem Containerdorf in Huchting sollten eigentlich schon vor vier Monaten Menschen leben, 135 Plätze hatte das Übergangswohnheim, das im November 2016 eröffnen sollte. Doch im September vergangenen Jahres warfen unbekannte Täter die Scheiben der Unterkünfte mit Pflastersteinen ein und schleuderten Molotow-Cocktails hinein. Ziel des Anschlags war es wohl, die gesamte Unterkunft zu zerstören.

Das gelang nur nicht, weil einige der Brandsätze nicht zündeten. 20 der 80 Container wurden beschädigt, 16 davon musste die Behörde entsorgen. Das Feuer hatte sie so stark zerstört, dass sie nicht mehr zu benutzen waren. Ein Containerblock ist deshalb nur einstöckig, die anderen sind zweistöckig. Nun sollen 115 Menschen einziehen.

Keine Spur zu Tatverdächtigen

Ein halbes Jahr nach dem Anschlag haben die Ermittler keine Spur zu einem oder mehreren Tatverdächtigen. Die Polizei hatte eine Ermittlungsgruppe unter Beteiligung des Staatsschutzes und der Fachdienststelle für Branddelikte eingerichtet. Die Staatsanwaltschaft hatte 3000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Aufklärung führen. Die Spuren, die Ermittler am Tatort fanden, habe man niemandem zuordnen können, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es werde aber weiter ermittelt.

Ein knappes Jahr vor dem Anschlag in Huchting hatte es in Findorff gebrannt: Im Oktober 2015 steckte ein unbekannter Täter eine Sporthalle in Brand; und zwar an dem Tag, an dem die Sozialbehörde sie besichtigen wollte, um zu prüfen, ob dort Geflüchtete untergebracht werden können. Ein knappes Jahr und Investitionen von rund 1,1 Millionen Euro später hat Anja Stahmann sie wieder eröffnet, in ihrer Funktion als Sportsenatorin. Wer für den Brandanschlag verantwortlich ist, das wird wohl nie geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen Ende vergangenen Jahres eingestellt.

Ein Freitagabend Mitte Februar, Sporthalle Findorff: Zehn Mädchen der SG Findorff rennen in der Halle in der Nürnberger Straße auf und ab, passen sich den Handball zu, versuchen, an der Torfrau vorbei einen Treffer zu landen. 90 Minuten dauert das Training, danach trainiert die nächste Mannschaft. Freitag ist der Handball-Tag und die SG Findorff ein Handballverein: 85 Prozent des Vereinslebens macht der Handball aus. Und deshalb litt die Handball-Abteilung auch besonders unter dem Brandanschlag.

13.500 Euro Schaden
Sporthalle SG Findorff – Nach den Brandanschlägen in Findorff und Huchting © Christina Kuhaupt
Die Mädchen der SG Findorff trainieren wieder in ihrer Halle. Über den Anschlag denken sie nicht mehr nach, erzählen sie. Aber sie hätten gerne gewusst, wer das war, der ihren Trainingsort zerstörte. (Christina Kuhaupt)

„Für unsere Handball-Abteilung war das mehr als ein Super-GAU“, sagt Frank Steinhardt. Er spielt nicht Handball, sondern Tischtennis und ist der zweite Vorsitzende der SG Findorff. Der Fußboden ist neu, die Decke auch und die Lampen. Ein Jahr dauerte es, bis alles ausgetauscht und repariert war. Dem Verein entstand ein Schaden von 13.500 Euro, die Sportler mussten in andere Stadtteile fahren, um zu trainieren, allein 275 Handball-Spiele mussten in andere Hallen verlegt werden. Heute spielt der Brandanschlag keine zentrale Rolle mehr im Vereinsleben.

Die Staatsanwaltschaft habe dem Verein mitgeteilt, dass kein Täter gefunden wurde, erzählt Steinhardt. „Das macht uns alles andere als glücklich.“ Die Vereinsmitglieder hätten die Ermittler unterstützt, es habe ihnen daran gelegen, die Tat aufzuklären. Aber er sagt auch: „Wir übernehmen nicht die Detektiv-Arbeit, das ist nicht unsere Rolle.“ Und irgendwann müsse man einen Schlusspunkt setzen. Der Alltag ist zurück in der Sporthalle in Findorff.

Im Übergangswohnheim in Huchting soll er diese Woche einziehen: Ein Raum für die Kinder ist schon eingerichtet, mit Stühlen und Tischen, Papiergirlanden und Büchern. Die Sozialsenatorin schaut sich alles an, mit dabei ist auch der zuständige Kontaktpolizist. Der erzählt der Leiterin des Wohnheims, dass er einmal die Woche vorbeikommen wird, um mit ihr und den Bewohnern zu sprechen. Hören, ob alles in Ordnung ist, ob es Probleme gibt. Kontakt halten, das gehört zu seinen Aufgaben.

1400 neue Plätze in Übergangswohnheimen geplant

Es ist das 33. Übergangswohnheim in Bremen, vor sechs Jahren gab es drei in der ganzen Stadt. Noch immer kommen Geflüchtete in Bremen an, im Januar und Februar waren es 274. In diesem Jahr sollen sieben weitere Übergangseinrichtungen eröffnen, mit insgesamt 1400 Plätzen.

„Huchting hat sich nach dem Anschlag solidarisch gezeigt“, sagte Anja Stahmann am Montag. Deshalb eröffne sie das Wohnheim mit einem guten Gefühl. Sie glaube nicht, dass so ein Anschlag noch einmal passiere. Aber eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nie. Sie schaut sich ein Appartement mit drei Betten an, in das eine kleine Familie ziehen könnte. Die Bettwäsche liegt schon bereit. Wenn die Geflüchteten aus ihren Fenstern schauen, blicken sie auf eine Baustelle: Direkt neben dem Übergangswohnheim entsteht eine Wohnanlage aus Holzbauten mit 280 Plätzen

kopiert aus dem Weser Kurier


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